Als Kind wollte ich eher unter Wasser atmen als fliegen. Mein absolutes Lieblingsbuch war «Tschibi und das grosse Meer» (Text: Gerda Marie Scheidl, Bilder: Bernadette). Es handelt von einem kleinen glitzernden Fisch, der in einem wunderschönen Teich wohnt, sich aber trotzdem nichts sehnlicher wünscht, als ins grosse Meer einzutauchen. Meine Mutter malte die Teichlandschaft des Buches an das breite Fenster meines Kinderzimmers, so dass ich jahrelang quasi selber vom Wasser aus in die Weite blicken konnte.
Auch bauten wir ein Biotop im Garten. Frösche laichten, ein blau-oranger Molche wälzte sich darin, in drei Aquarien in meinem Zimmer kreisten Fische. Und einmal reisten wir ins Heimatland meiner Mutter – nach Australien – ans «Great Barrier Reef», wo ich durch die knallenden Strukturen und das Farbengewirr des Korallenriffs driftete.

Doch nicht immer war das Wasser mein Freund: Ich hatte schreckliche Angst, als der Schwimmlehrer Metallringe in den Pool warf, diese unglaubliche zwei Meter an den Boden sanken und ich danach tauchen sollte! Auch Tschibi, der kleine Fisch, traf auf ein Ungetüm am Meeresgrund und flitzte schnell davon (meine Furcht, die Ringe hochzuholen, war so gross, dass ich einmal über Schmerzen klagte, worauf ich mich ankleiden durfte; die Erleichterung übertraf die Last der Lüge bei Weitem).
Doch wohin schwimmen, wenn man – Jahre später – im Gefühlsmeer der Jugend treibt, auf das Monster der Schweizer Perfektion prallt und die mit Kratzspuren versehene Malerei am Zimmerfenster in der Erinnerung verblichen und äusserlich entfernt ist? Immer wieder träumte ich von meinem Biotop, in dem sich plötzlich völlig neue Arten entwickelten, ich träumte von Giraffen mit Stachelrochen-Hälsen, die über den Meeresboden galoppierten und Fischen, die sich in meinen verwaisten Aquarien vermehrten. Konstant kritzelte ich in Schulhefte, im Wissen, dass ich irgendwann Künstler werden würde.

Und das wurde ich auch. Zuerst in Richtung Schauspielerei, danach Filmemacher und am Ende wieder Zeichner. Für meine neue Website entwickelte ich eines Tages Hintergrund-Welten, eine davon ist eine mit «Fabelfischen» bewohnte Licht-Lagune. Erst im Nachhinein bemerkte ich, dass ich ein Motiv gewählt hatte, welches ich schon als Fünfjähriger liebte: Die Unterwasserwelt. Immer wieder dringt sie ein in die Kritzeleien meiner Notizhefte, wo sich Tintenfische, Krebse und Seemonster tummeln.
Ich hoffe, dass das Wunder der Meere über das Zeichenpapier schwappt, und der Betrachter ahnt oder sich erinnert, wie schön und wertvoll das grosse Meer ist.

Ozean-Cartoons des Werkes «Teatime for a Universe»

Lawrence Grimm

Lawrence Grimm

Lawrence Grimm, geboren 1978 in Zürich, ist langjähriger OceanCare-Unterstützer und Cartoonist. Mit schwarzer Tinte kritzelt er Momente des Lebens, der Liebe und des Widerklangs. Diese bündelt er im Werk “Teatime for a Universe”.