Medienmitteilung

Supermärkte ignorieren verheerende Auswirkungen der Aquakultur

18. November 2021

Wädenswil, 18. November 2021: Ein neuer Bericht von unserer niederländischen Partnerorganisation Changing Markets Foundation, Feedback und Verbänden in Frankreich, Deutschland, Spanien und der Schweiz hat ergeben, dass grosse Supermarktketten aus ganz Europa ignorieren, wie zerstörerisch und nicht nachhaltig ihre Fisch-Zulieferketten sind und unter welchen erbärmlichen Bedingungen Zuchtfische leben müssen. Die Konsumenten werden über die wahren Folgen ihres Fischkonsums hinweggetäuscht, so der Bericht.

Der heute veröffentlichte Bericht Floundering Around zeigt deutlich, dass die 33 untersuchten grossen Lebensmittelhändler darin versagen, die wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen der Aquakultur anzugehen. Aquakultur wird zwar gerne als umweltfreundlich und nachhaltig dargestellt, treibt in ihrer derzeitigen Form aber die weltweite Überfischung an und führt zu Ernährungsunsicherheit im globalen Süden sowie zu grossem Tierleid.

Die wichtigsten Fakten:

  • 76% der grossen europäischen Supermärkte kümmern sich nicht um die Nachhaltigkeit ihres Zuchtfisch-Angebots – obwohl sie seit Jahren auf die verheerenden Auswirkungen der globalen Aquakultur-Industrie hingewiesen werden.
  • Kein einziger Einzelhändler verfolgt eine klare Zielsetzung, den besonders schädlichen Einsatz von Wildfisch als Futtermittel zu verbannen.
  • Die Konsumenten tragen unbewusst dazu bei, Ökosysteme im Meer zu zerstören sowie die Ernährungssicherheit und Lebensgrundlage von Küstengemeinden im globalen Süden zu gefährden.

Supermärkte verpassen es, wichtige Nachhaltigkeitsaspekte anzugehen

Mehr als drei Viertel der Europäerinnen und Europäer (77%) kaufen ihren Fisch im Supermarkt. Mit ihrem enormen finanziellen Gewicht und ihrer Mittlerrolle zwischen Konsumenten und der Fischzucht-Branche sind die Supermärkte die mächtigsten Akteure in diesem Markt. Sie tragen daher Verantwortung, den Wandel der Aquakultur voranzutreiben, indem sie höhere Nachhaltigkeits- und Tierwohl-Standards einfordern.

Nichtdestotrotz deckt der Bericht auf, dass drei Viertel (76%) der europäischen Supermarktketten so gut wie keine substantiellen Massnahmen treffen, um dem Mangel an Nachhaltigkeit und Transparenz in ihren Zuchtfisch-Lieferketten entgegenzuwirken. Diese ernüchternde Bilanz trifft leider auch auf die untersuchten Schweizer Supermärkte zu, die mit einer Ausnahme – Coop – alle ebenfalls in diese schlechteste Kategorie fallen. Schlusslicht hierzulande sind Migros und Denner. Zumindest wird das Problem von allen Einzelhändlern anerkannt und Veränderungen werden angestrebt. Europaweit gesehen befindet sich die Schweiz somit im breiten Mittelfeld, vor dem noch viel Arbeit liegt. Als Vorreiter tun sich auf diesem Gebiet das Vereinigte Königreich und Frankreich hervor, wo das Bewusstsein gegenüber den Problemen höher und die Bemühungen um Richtlinien weiter fortgeschritten sind als hierzulande – auch wenn der Bericht auch dort weiterhin klare Mängel aufzeigt. Ein besonders gravierendes Fazit des Berichtes ist, dass kein einziger Supermarkt sich klare, zeitlich bindende Ziele setzt, um die Nutzung von Wildfisch als Futtermittel zu reduzieren und schlussendlich zu beenden.

Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass 34,2% der Fischbestände weltweit überfischt sind (gegenüber 10% im Jahr 1974), und dass weitere 60% bis an ihre Belastbarkeitsgrenze befischt werden. Vor diesem Hintergrund wird die Aquakultur als Lösung für die Überfischung angepriesen – in Wahrheit aber verschärft sie dieses Problem noch. Jährlich werden beinahe 20% des weltweiten Fangs an Meeresfischen zu Fischmehl und Fischöl (FMFO) verarbeitet und als Tierfutter genutzt. Im Jahr 2018 waren das 18 Millionen Tonnen Fische, die zu mehr als zwei Dritteln in die marine Aquakultur gingen.[1] Der grösste Teil davon stammt aus Regionen, wo die Ernährungssicherheit prekär ist, etwa aus Westafrika. Ein kürzlich vorgelegter Bericht zeigt, dass jährlich mehr als 500.000 Tonnen Fisch aus westafrikanischen Gewässern zu Tierfutter verarbeitet werden – von dieser Menge könnten sich mehr als 33 Mio. Menschen ernähren.[2]Die drei Fischarten, die zur Tierfutterproduktion genutzt werden und für die Ernährungssicherheit der Region überaus wichtig sind, gelten alle als überfischt – dennoch treibt die FMFO-Industrie ihren Kollaps weiter voran.[3]

Wie der Bericht Floundering Around zeigt, unternehmen nur wenige Händler positive Schritte zur Eliminierung oder Reduktion von Wildfisch im Futter. Coop kann hierbei als positives Beispiel unter den Schweizer Supermärkten genannt werden. Das Einzelhandelsunternehmen gibt an, ernsthaft Bemühungen unternehmen zu wollen, die Verwendung von FMFO als Zutat für Fischfutter zu beenden und als ersten Schritt nur noch FMFO aus Fischverarbeitungsabfällen in der eigenen Lieferkette zuzulassen. Insgesamt aber versäumt es die Einzelhandelsbranche, sich mit diesem wichtigen Problem auseinanderzusetzen, das verheerende Folgen hat für die marine Biodiversität und für Gemeinden in einigen der ärmsten Regionen der Welt.

«Dieses Totalversagen der europäischen Supermärkte in Bezug auf die Nutzung von Wildfisch in der Aquakultur ist sehr enttäuschend», sagt Nuša Urbancic, Campaigns Director bei der Changing Markets Foundation. «Seit Jahren dokumentierten wir die verheerenden Konsequenzen, die die Fischerei zur Futtermittelproduktion für sowohl die Ozeane als auch die vulnerablen Gemeinden des globalen Südens hat. Die Supermärkte preisen Nachhaltigkeit, unternehmen aber keine nennenswerten Schritte, um diese schädliche Praxis aus ihren Lieferketten zu eliminieren.»

Der Bericht zeigt auch auf, dass 27% der europäischen Einzelhändler auf ihren Produktverpackungen weder den Namen des Herstellers noch der Fischfarm nennen, dass sie von ihren Lieferanten keine öffentliche Berichterstattung über die Zusammensetzung und die Herkunft der eingesetzten Futtermittel verlangen und dass sie offenbar über keinerlei Berichte bezüglich Fischwohl-Indikatoren verfügen.

Das Wohlergehen der Fische: ein beunruhigender Schwachpunkt

Die weltweite Aquakulturbranche hat in den letzten fünf Jahrzehnten ein steiles Wachstum erlebt. Noch vor 40 Jahren produzierte sie nur etwa 5% des weltweit konsumierten Fischs – heute schon die Hälfte davon, geschätzte 100 Millionen Tonnen Fisch pro Jahr. Ihr weltweites Umsatzvolumen wird auf 264 Mrd. US-Dollar geschätzt.[4]

Der Bericht zeigt auch erhebliche Mängel in Bezug auf das Wohl der Fische auf. Die Hälfte der Einzelhändler verlangt von ihren Lieferanten keinerlei Berichte über Verlustraten durch Mortalität und Entweichen. Und nur wenige Einzelhändler haben Vorkehrungen getroffen, um hohen Mortalitätsraten auf den Farmen, von denen sie Fisch beziehen, vorzubeugen.

Die Aquakulturbranche ist dafür bekannt, sehr wenig Information über die Fischmortalität preiszugeben, aber jene Daten, die verfügbar sind, zeigen eine besorgniserregend hohe Sterblichkeit. In norwegischen Lachsfarmen lag die Mortalitätsrate 2019 bei 15%[5] und Compassion in World Farming schätzte die Sterblichkeit in schottischen Lachsfarmen auf durchschnittlich 24% zwischen 2012 und 2017.[6] Dies sind weit höhere Werte als in anderen Formen der Intensivtierhaltung.

«Die industrielle Aquakultur verursacht unsagbares Leid, doch die allermeisten europäischen Einzelhändler unternehmen nichts, um das Wohl der Fische in ihren Lieferketten zu verbessern. Schweizer Supermärkte bilden hierbei keine Ausnahme, auch sie schneiden auf dem Gebiet des Fischwohls schlecht ab. Dabei gäbe es inzwischen umfassende Berichte, die massgeblich zur Verbesserung des Tierwohls in Fischzuchten beitragen können. Durch das Einfordern ihrer Anwendung könnten Schweizer Supermärkte auf effektive, schnelle und erwiesene Weise für ein besseres Wohlergehen von Zuchtfischen sorgen.», sagt Fabienne McLellan, Co-Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare.

Positive Veränderung vonnöten

Den Supermärkten kommt eine zentrale Rolle dabei zu, die zerstörerischen Auswirkungen der globalen Aquakultur zu vermindern. Der Bericht ruft sie daher dazu auf,

  • sich zum Ausstieg aus der Nutzung von Wildfischen für Futtermittel in der Aquakultur und der Landwirtschaft bis 2025 zu verpflichten;
  • klare Vorgaben für die Haltung und Tötung von Fischen und Meeresfrüchten einzuführen;
  • Fischfarmen mit wiederholt überhöhten Mortalitätsraten aus ihren Lieferketten auszuschliessen;
  • grössere Transparenz für Konsumenten zu schaffen durch verbesserte Produktkennzeichnungen – dies knüpft an das Recht der Kunden an, die Herkunft und Aufzuchtsweise der von ihnen gekauften Zuchtfische und die Herkunft und Zusammensetzung des Futters zu kennen.

Gleichzeit ruft der Bericht auch die Konsumenten auf, ihre Möglichkeiten wahrzunehmen und

  • Druck auszuüben auf die Supermarktketten, damit diese die Transparenz ihrer Fisch-Zulieferketten verbessern, sowie
  • ihren Konsum von Meerestieren zu vermindern, insbesondere von carnivoren Arten (wie Lachs und Shrimps), deren Mast auf FMFO aus Wildfischen angewiesen ist.

Über die Untersuchung

Der englische Originaltitel des Berichts lautet Floundering Around: An assessment of where European retailers stand on the sourcing of farmed fish. Er wurde am 18. November 2021 veröffentlicht.

Hintergrund

Der vorliegende Bericht bietet einen Überblick darüber, wie die grössten europäischen Supermarktketten mit der nachhaltigen Beschaffung von Zuchtfisch, einem zentralen Nachhaltigkeitsthema für den globalen Lebensmitteleinzelhandel, umgehen.

Anhand ihrer Strategien und Praktiken in drei Schwerpunktbereichen werden jeweils Vorreiter und Schlusslichter unter den Lebensmitteleinzelhändlern ermittelt. Diese Bereiche umfassen:

  1. den sukzessiven Ausstieg aus der Verwendung von Wildfisch für Aquakulturfutter;
  2. das Monitoring der Sterblichkeit in Fischzuchtbetrieben und die Erstellung schwarzer Listen für Erzeuger mit überhöhten Sterblichkeitsraten;
  3. die Transparenz in den Aquakultur-Lieferketten und bei der Kennzeichnung der Produkte.

Die Ergebnisse basieren auf einer vergleichenden Auswertung von sechs Bewertungsbögen von 33 führenden europäischen Lebensmitteleinzelhändlern, welche die Changing Markets Foundation mit ihren Partnern zwischen März 2020 und Mai 2021 veröffentlicht hat. Diese Bögen wurden nun durch Changing Markets um Informationen ergänzt, die zwischen Juni und August 2021 durch Korrespondenz mit diesen Einzelhändlern gewonnen wurden, um eine aktuelle und umfassende Analyse zur Positionierung der Branche zu diesen wichtigen Themen präsentieren zu können.

Weiterführende Informationen

Quellangaben

[1] Hua, K., Cobcroft, J. M., Cole, A., Condon, K., Jerry, D. R., Mangott, A., Praeger, C., Vucko, M. J., Zeng, C.,

Zenger, K. and Strugnell, J. M. (2019) The future of aquatic protein: Implications for protein sources in aquaculture diets. One Earth, 1(3): 316–329. [ONLINE] Available at: https://www.cell.com/one-earth/pdf/S2590-3322(19)30132-0.pdf

[2] Changing Markets Foundation and Greenpeace Africa (2021) Feeding a monster: How European aquaculture and animal feed industries are stealing food from West African communities. [ONLINE] Available at: http://changingmarkets.org/wp-content/uploads/2021/05/Feeding-a-Monster-EN-low-res.pdf

[3] FAO Working Group on the assessment of small pelagic fish off northwest Africa (2019), https://www.fao.org/3/cb0490en/CB0490EN.pdf

[4] FAO (2020) The state of the world’s fisheries and aquaculture 2020. Sustainability in Action. [ONLINE] Available at: http://www.fao.org/3/ca9229en/ca9229en.pdf

[5] Just Economics (2021) Dead loss: The high cost of poor farming practices and mortalities on salmon farms (p.25). [ONLINE] Available at: http://changingmarkets.org/wp-content/uploads/2021/02/Dead_Loss_FINAL.pdf

[6] Compassion in World Farming and Onekind (2021) Underwater cages, parasites and dead fish: Why a moratorium on Scottish salmon farming expansion is imperative. [ONLINE] Available at: https://www.ciwf.org.uk/media/7444572/ciwf_rethink-salmon_21_lr_singles_web.pdf?utm_campaign=fish&utm_source=link&utm_medium=ciwf