Dr. James KerrySenior Marine & Climate Scientist

Da ich das Great Barrier Reef während der grossen Korallenbleiche aus der Luft untersucht habe, weiss ich, wie zermürbend es ist, solche Vorfälle zu dokumentieren.

Story

Erneut massive Korallenbleiche am Great Barrier Reef

12. März 2024

Das Great Barrier Reef ist in den vergangenen acht australischen Sommern bereits fünfmal ausgebleicht: 2016, 2017, 2020, 2022 und nun in 2024.

Die Great Barrier Reef Marine Park Authority bestätigte die jüngste massive Korallenbleiche am 8. März 2024. Eine solche Bekanntgabe erfolgt nur, wenn hunderte Kilometer des Great Barrier Reefs von einem gewissen Mass einer Korallenbleiche betroffen sind, was durch Luftaufnahmen bestätigt werden muss.

Was ist eine Korallenbleiche und wodurch wird sie verursacht?

Korallen bleichen aus, wenn die mikroskopisch kleinen Algen, die in ihnen leben, durch ungewöhnlich warmes Wasser überreizt werden. Dies veranlasst die Algen, die der Koralle normalerweise einen Grossteil ihrer Energie liefert, Giftstoffe zu produzieren, die für die Koralle schädlich sind. In der Folge stossen die Korallen die bunten Algen ab, womit nur noch das weisse Korallenskelett übrig bleibt, das durch eine durchscheinende Korallenhaut sichtbar wird, daher der Begriff „Korallenbleiche“.

Wichtig ist, dass eine gebleichte Koralle nicht zwangsläufig eine tote Koralle ist. Wenn sich die Temperaturen innerhalb einer kurzen Zeitspanne wieder normalisieren, können die Algen zurückkehren und die Koralle kann überleben.

Die Klimakrise ist die Hauptursache dieser jüngsten Korallenbleiche, die zusätzlich durch die derzeitige El-Niño-Phase vorangetrieben wird, die die Temperaturen noch weiter in die Höhe treibt. Die Ausmasse der Korallenbleiche sind eng mit der Hitzebelastung des Wassers verbunden, die von Satelliten aus dem Weltraum gemessen werden. Je länger und stärker der Hitzestress ist, desto stärker ist die Korallenbleiche und desto wahrscheinlicher wird das Absterben der Korallen.

Für die Ökosysteme der Korallenriffe ist eine massive Korallenbleiche verheerend. Es gehen nicht nur Zehntausende einzelner Korallen verloren, betroffen sind auch viele Fischarten und andere Meeresbewohner, denen die Korallen, die die Grundlage des Riffs bilden, Nahrung und Unterschlupf bieten. Dies kann zu Folgewirkungen führen, die unter Umständen erst Jahre und sogar Jahrzehnte später auftreten. Aus menschlicher Sicht sind gesunde Korallenriffe auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Fischerei und für den Tourismus. Für viele indigene Gemeinschaften der Tropen haben sie darüber hinaus eine enorme spirituelle und kulturelle Bedeutung.

Die Auswirkungen abschätzen

Da ich während der massiven Korallenbleiche der Jahre 2016, 2017 und 2020 Luftaufnahmen des Great Barrier Reefs durchgeführt habe, weiss ich genau, was es bedeutet, solche Ereignisse zu dokumentieren. Diese Arbeit ist zermürbend. Da das Riff grösser ist als zwei Drittel aller Länder der Erde zusammen, dauert es über eine Woche, bis man eine repräsentative Stichprobe der mehr als 3000 Riffe abgedeckt hat, die sich von der Torres-Strasse unterhalb von Papua-Neuguinea bis zu ihrer südlichen Ausdehnung in etwa 2.500 Kilometer Entfernung erstrecken. Die Erhebungsflüge dauern viele Stunden und werden im Zickzackkurs über dem Great Barrier Reef ausgeführt, um so viele einzelne Riffe wie möglich zu erfassen. Bei jedem Riff notierten wir sorgfältig die Anzahl gebleichter Korallen und deren Prozentsatz in Bezug auf die Gesamtmenge.

Bei einer Massenkorallenbleiche ist besonders auffällig, wie viele Korallen betroffen sind. Wenn man stunden- oder gar tagelang fliegt und kein einziges nicht ausgebleichtes Korallenriff sieht, ist das für den Beobachter sehr belastend. Es ist wichtig, das Geschehen zu dokumentieren, sowohl aus wissenschaftlicher Sicht als auch um die Welt auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen. Doch während man ein Riff nach dem anderen überfliegt, wird einem auch bewusst, dass man nur Daten erfasst und im Moment nichts tun kann, um die Tatsachen zu ändern.

Seit dem Ereignis von 2016 ist die Korallenbleiche an einigen Riffen so gravierend, dass wir die ursprüngliche Bewertungsmethode, die zur Beurteilung der Massenkorallenbleiche entwickelt wurde, als diese 1998 und 2002 erstmals am Great Barrier Reef auftrat, um zusätzliche Bleiche-Kategorien ergänzen mussten. Die Notwendigkeit, unsere Methoden zur Bewertung der Klimaauswirkungen weiterzuentwickeln, zeigt, wie ernst die Lage ist. Auch das Coral Reef Watch Programm der National Oceanic and Atmospheric Agency (NOAA) hat kürzlich zwei neue Alarmstufen zur Beschreibung von Hitzestress eingeführt. Diese Kategorien beziehen sich nicht mehr auf das Risiko der Korallenbleiche, sondern auf das Korallensterben, wobei die schwerste Stufe (Alarmstufe 5) das schlimmste Szenario (fast vollständiges Sterben) darstellt.

Für die 3000 Riffe des Great Barrier Reefs ist das diesjährige Ereignis noch im Gang, aber der Hitzestress und die starke Bleiche scheinen sich auf die nördlichen und südlichen Teile des Riffs zu konzentrieren. Da jedes Bleiche-Ereignis eine andere Ausprägung hat, wird auch jedes Riff seine eigene Bleiche-Geschichte haben. Einige Riffe hatten seit dem Jahr 2022 weniger als zwei Jahre Zeit, sich zu erholen, andere länger. Klar ist jedoch, dass bei den fünf Ereignissen, die das Great Barrier Reef in den letzten acht Jahren heimgesucht haben, kein Riff verschont geblieben ist. Die Ereignisse treten sogar immer häufiger auf. Von 2002 bis 2016 hatte das Great Barrier Reef eine 14-jährige Gnadenfrist – es ist unwahrscheinlich, dass es jemals wieder so viel Glück haben wird.

Eine weltweite Massenkorallenbleiche ist im Gang

Das Great Barrier Reef ist trotz seiner Grösse leider nur Teil eines grösseren Bildes, das im vergangenen Jahr eine weltweit massive Korallenbleiche zeigte. Auch im Golf von Mexiko, im nördlichen Atlantik, in der Karibik und im Indischen Ozean sind Korallenriffe ausgebleicht. Wenn das Ereignis in den drei Ozeanbecken Atlantik, Pazifik und Indischer Ozean auftritt, wird es als global eingestuft.

So tragisch es ist, die Feststellung einer weiteren globalen Massenkorallenbleiche kommt leider nicht überraschend. Die Welt hat soeben die erste zwölfmonatige Periode mit einer Durchschnittstemperatur von über 1,5 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau erlebt. Der Weltklimarat (IPCC) hat bereits früher festgestellt, dass der Anstieg um 1,5 Grad Celsius über einen längeren Zeitraum hinweg wahrscheinlich den Kipppunkt für ein Massensterben von Korallenriffen darstellt. Wissenschaftler schätzen, dass 90 Prozent der weltweiten Korallen selbst bei den Zielen, zu denen sich die Länder im Rahmen des Pariser Klimaabkommens verpflichtet haben, verloren gehen könnten. Leider werden selbst diese Zusagen bis heute nicht eingehalten.

Während ein weiterer Zyklus von Nachrichten über die massive Korallenbleiche kommt und geht, wären wir gut beraten, über die Tatsache nachzudenken, dass der einzige Weg, um sicherzustellen, dass Korallenriffe ein Teil unserer langfristigen Zukunft sind, darin besteht, die globalen Treibhausgasemissionen schnell und dauerhaft zu eliminieren.