Fabienne McLellanGeschäftsführerin OceanCare

OceanCare anerkennt die Schutzwürdigkeit menschlicher Kulturen und Traditionen – sie legitimieren aber kein solches Tierleid.

Story

Wal- und Delfinjagd auf den Färöer-Inseln: Wie lässt sich das Blatt wenden?

05. September 2022

Im September 2021 sorgte die brutale Tötung von mehr als 1400 Weissseitendelfinen auf der entlegenen Färöer-Inselgruppe für Schlagzeilen, Schock und Empörung rund um die Welt. Auch auf den Färöern selbst löste dies kontroversielle Debatten aus, denn diese Delfine sind – anders als die grösseren Grindwale – kein typisches Jagdziel.

Die Färöer bestehen aus 18 kleinen Inseln im Nordatlantik zwischen Island und den Shetland-Inseln (Schottland). Sie bilden eine autonome Region innerhalb des Königreichs Dänemark mit etwa 50 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Färinger jagen seit hunderten Jahren Kleinwale und gelegentlich Delfine. Durchschnittlich töten sie so etwa 700 Grindwale pro Jahr. Diese Praxis ist für die Färinger eine komplexe Angelegenheit mit vielen Querverbindungen. Dazu gehört unter anderem das Gefühl kultureller Identität und sozialen Zusammenhalts gegenüber einem vermeintlichen ausländischen Kulturimperialismus.

Was wurde in 30 Kampagnenjahren erreicht?

OceanCare setzt sich etwa 30 Jahren gegen den färöischen Walfang ein, beginnend 1992, als OceanCare-Gründerin Sigrid Lüber dem Vorsitzenden der Internationalen Walfangkommission eine Petition mit 42 000 Unterschriften gegen die Tötung von Kleinwalen überreichte.

Im Laufe der Jahre hat OceanCare neben weiteren Petitionen und Briefen an Regierungen und andere wichtige Akteure eine vielschichtige Herangehensweise an das schwierige Thema der Wal- und Delfintötungen auf den Färöern entwickelt. Unter anderem wendeten wir uns an Fisch-Grosshändler und Supermärkte, unterstützten Aufklärungsarbeit durch Kunst und Film, suchten den Kontakt mit Walfängergemeinden und leisteten politische Arbeit zu Umwelt- und Gesundheitsaspekten.

Eine Schlüsselrolle in dieser Arbeit spielte eine Serie an wissenschaftlichen Berichten und Publikationen, insbesondere über die Gefahr für die Gesundheit von Menschen, die Wal- und Delfinfleisch und -Speck zu sich nehmen, denn dieses ist oft sehr stark mit vielen giftigen Schadstoffen belastet. In Zusammenarbeit mit Pro Wildlife entwickelte OceanCare www.toxic-menu.org, eine Online-Datenbank, die als Informationsquelle für die Politik, Behörden, Ärztinnen und Ärzte sowie die breite Öffentlichkeit dient.

Unterstützung von Dialog und Veränderung

Zu den Herausforderungen der Umweltschutzarbeit zählt es, einen Zugang zu Menschen zu finden, die sich für solche Themen sonst nicht interessieren. Seit 1997 arbeitet OceanCare daran, breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen, etwa durch Dokumentarfilme und andere ansprechende öffentliche Präsentationen, oft im Zusammenspiel mit Wissenschaft, Photographie und Bildung.

OceanCare unterstützte massgeblich die Produktion des Films Grindahvalur, einer Dokumentation von Drew Sutton und dem Umweltschützer Andy Ottaway, präsentiert durch Sir David Attenborough. Der Film hatte seine Premierenvorführung auf den Färöern und wurde auch im färingischen Fernsehen ausgestrahlt. Zum einen steigerte er die Wertschätzung für Grindwale in ihrem natürlichen Lebensraum und zum anderen regte er zu Diskussionen über die umstrittene Jagd auf diese Meeressäuger an. Der Film wurde in Verbindung mit Podiumsdiskussionen an vielen Orten auf den Inseln gezeigt. Er wurde auf den Färöer-Inseln über 5000 Mal online aufgerufen und von der Bevölkerung und von lokalen Medien positiv aufgenommen.

2019 veranstaltete OceanCare zwei Sondervorführungen des Dokumentarfilms Whale Like Me in Wien und Berlin. Gedreht über einen Zeitraum von 10 Jahren folgt er dem Filmemacher Malcolm Wright auf seiner Suche nach Antworten, warum Wale auch heute immer noch gejagt werden, und ob es nicht Möglichkeiten gäbe, für diese schwierige, komplexe Thematik eine Lösung zu finden. Mit Besuchen in verschiedenen Walfang-Gemeinden konnte Malcolm Freundschaften entwickeln und mit Walfängern aus verschiedenen Kulturen mitleben. Das Ergebnis ist ein einzigartiger Film, der Menschen mit gegensätzlichen Ansichten porträtiert und sich einer neuen Form des Dialogs und des Erfahrungsaustauschs verschreibt, statt den Konflikt fortzuschreiben.

Nach beiden Filmpräsentationen nahmen die Besucher an Podiumsdiskussionen teil. Dabei wurde auch die schwierige Frage diskutiert, inwieweit eine überaggressive Reaktion auf den Walfang eher zur Verschlechterung als zur Verbesserung der Situation beigetragen haben könnte, und ob nicht eine weichere, vorsichtigere Herangehensweise angebrachter wäre.

In Walfanggemeinden positiven Wandel von innen fördern

Im Jahr 2008 entwickelte OceanCare zusammen mit der dänischen Marine Mammal Society einen neuen Ansatz, direkt auf den Färöer-Inseln. In einer Untersuchung wurden Gespräche mit Einwohnerinnen und Einwohnern der Inselgruppe geführt, um die Hintergründe der Grindwaljagd und des Walfleischkonsums besser zu verstehen. Dies floss in Strategien ein, die Bewusstseinsbildung rund um die Gesundheitsgefahren des Verzehrs von Wal- und Delfinfleisch zu verbessern. Noch im selben Jahr warnte die färingische Gesundheitsbehörde die Bevölkerung vor dem Verzehr von Grindwalfleisch.

Ab 2012 investierte OceanCare in einen grundsätzlich neuen Ansatz. Es war immer klarer geworden, dass die Färinger sehr resistent gegenüber Kritik von aussen an ihrer Waljagd reagieren. Es gab aber auch auf den Färöern jene, die walfreundlich eingestellt waren und die Tötungen hinterfragten und kritisierten. OceanCare etablierte daher Kontakte und Unterstützung für die lokale Bewegung gegen die Grindwaljagd auf den Färöern.

Dieses Konzept, den positiven Wandel von innen heraus zu fördern, statt von aussen Druck aufzubauen, blieb bis heute eine Säule des Ansatzes von OceanCare, um Fortschritte in Bezug auf das Waljagdproblem auf den Färöern zu erzielen. Im Jahr 2014, die Walschutzbewegung auf den Färöern war inzwischen gewachsen und besser vernetzt, unterstützte OceanCare die Etablierung einer Website in färöischer Sprache (grindabod.fo), um das Wunder des Lebens der Grindwale in ihrem natürlichen Lebensraum und die Gründe für ihren Schutz zu präsentieren.

Unterwegs auf einem schmalen Grat

Wie viele Wale und Delfine in einem Jahr auf den Färöern getötet werden, schwankt – es können 50 sein, oder 500 oder auch 1500. Das zeigt, wie komplex die Situation vor Ort ist. Aufgrund ihrer ablehnenden Reaktion auf konfrontative Massnahmen von ausländischen Aktivisten und Aktivistinnen verstärken viele Inselbewohner noch ihre Entschlossenheit, den Walfang unter allen Umständen fortzusetzen.

Mit dem Verständnis, dass harsche Kritik von aussen die färingische Waljagd eher antreibt als bremst, enthielt sich OceanCare dieses Ansatzes und konzentrierte sich weiterhin auf die Unterstützung lokaler Walfanggegnern. So ermöglichte OceanCare ihnen die Teilnahme an Symposien, die wichtige Plattformen für das Netzwerken darstellen. Auch mit der Website grindabod.fo wird die färöische Bevölkerung angeregt, ihre Haltung zu überdenken und von innen heraus zu ändern.

Von 2016 bis 2018 förderte OceanCare auch eine lokale Bewusstseinsbildungsaktion für Schulkinder über die Naturschätze der Färöer an Land und im Wasser, darunter Delfine und Wale. Ausserdem unterstützte OceanCare lokale Naturschützer dabei, die Inselbewohner in ihrer eigenen Sprache über die faszinierenden Grindwale zu informieren. Diese Art von Involvierung der Gemeinden inkludierte einen zweitägigen Kurs für sechs Lehrerinnen und Lehrer sowie zwei Aufklärungskampagnen über Schadstoffe im Grindwalfleisch und die Gesundheitsgefahren durch den Verzehr dieses Fleisches.

Dokumentarfilm 'Whale like me'

2017 und 2018 ermöglichte OceanCare zwei Sondervorführungen des Dokumentarfilms Whale Like Me auf den Färöer-Inseln. Ein Teil dieses Films handelt von einer Walfängerfamilie auf den Färöern und zeigt, wie ein Walfänger und sein Sohn den Filmemacher Malcolm Wright 2012 auf die Kanaren begleiten, um dort freilebende Grindwale aus der Nähe zu erleben. Diese faszinierende Reise gehört zu den Schlüsselpassagen des Films. Die Sondervorführungen inkludierten Podiumsdiskussion mit dem Publikum – Befürwortern wie Gegnern der Waljagd – und einem renommierten Wissenschaftler. Trotz des heiklen Themas wurden die Vorführungen auf den Färöern sehr gut aufgenommen und ermöglichten förderliche Diskussionen.

Im Jahr 2019 ermöglichte OceanCare eine Fortsetzung von „Whale Like Me“. Die Filmproduzenten konnten dadurch erstmalig drei Generationen von Färingern (Grosseltern, Eltern, Kinder) einladen, eine völlig andere Realität auf den Kanaren zu erleben, wo man die Wale schützt, sich an ihnen erfreut und sie als Teil einer blühenden Walbeobachtungsbranche schätzt. In dieser Umgebung, wo Wale so ganz anders betrachtet werden, konnte die färöische Familie die vielen Vorzüge eines geregelten und rücksichtsvollen Meeres-Ökotourismus kennenlernen und diese Erfahrung mit den Walfängergemeinden in ihrer Heimat teilen.

Gefahren für die menschliche Gesundheit thematisieren

Zu den Hauptstossrichtungen von OceanCare gegenüber dem färöischen Walfang zählt der Fokus auf Gesundheitsgefährdungen durch Walfleischkonsum. Seit 1998 hat OceanCare Berichte über die gesundheitsschädlichen Schadstoffgehalte in Walfleisch erstellt und veröffentlicht. Die Belastung mit Schadstoffen erwies sich als so hoch, dass das Fleisch von Grindwalen als gefährlicher Sondermüll deklariert werden müsste. Das Gesundheitsamt gab noch im selben Jahr die Empfehlung ab, den Konsum von Grindwalfleisch einzuschränken. Schwangeren Frauen und angehenden Müttern riet es grundsätzlich davon ab, überhaupt Walfleisch zu essen.

Seit der Gründung vor 30 Jahren ist OceanCare auf der Ebene der internationalen Walfangpolitik aktiv. Im Rahmen der Internationalen Walfangkommission haben wir mehrere Resolutionen zum Thema der menschlichen Gesundheit im Zusammenhang mit der Tötung und dem Verzehr von Walen und Delfinen unterstützt, und 2001 begann die IWC daraufhin, mit der WHO zusammenzuarbeiten.

Als Reaktion auf die offenkundig gewordenen Gefahren hielten die WHO und die Welternährungsorganisation FAO im Jahr 2011 zusammen mit der North Atlantic Marine Mammal Commission (NAMMCO) einen Workshop über die Gefahren des Konsums von Walfleisch ab. Im selben Jahr gab es Gespräche zwischen einer Delegation von mehreren NGOs, darunter OceanCare, und Regierungsvertretern der Färöer. Dabei appellierten wir an die Behörden, sowohl den Walfang an sich und die Tötungsmethoden, als auch die gewaltige Schadstoffbelastung des Walfleisches zu hinterfragen.

Im darauffolgenden Jahr, 2012, erfüllte die IWC eine langjährige Forderung von OceanCare und ihren Partnern und beschloss eine Resolution, mit der die Walfangstaaten verpflichtet werden, ihre Bürgerinnen und Bürger über die Gesundheitsrisiken durch den Verzehr von Wal- und Delfinfleisch aufzuklären. Gleichzeitig wurde die Wichtigkeit betont, weiterhin zu erforschen, wie die Aktivitäten des Menschen die marine Umwelt beeinträchtigen und wie dies die Gesundheit sowohl der Waltiere als auch der Menschen beeinflusst.

2021 wurde eine rote Linie überschritten

Als Folge der Massentötung von mehr als 1400 Weissseitendelfinen auf den Färöern im September 2021 passte OceanCare ihre Strategie an und wurde sichtbarer, um mehr Druck auf die EU-Mitgliedstaaten aufzubauen, die Jagden zu verurteilen und ein Ende der Jagd sowohl auf Delfine als auch auf Grindwale zu fordern. Tatsächlich wandte sich schon bald der EU-Kommissar für Umwelt, Meere und Fischerei an den färöischen Premierminister und forderte das Ende für diese Jagden. Die EU-Kommission bezeichnete die Jagd sowohl auf Wale als auch auf Delfine als «unnötige und umstrittene Praxis» und forderte bilateral ihre Einstellung.

In der Vergangenheit waren die EU-Staaten weitgehend stumm geblieben und scheuten davor zurück, die grausame und obsolete Tradition der Tötung von Kleinwalen auf den Färöern zu kritisieren. Die nunmehrige starke und – besonders wichtig – öffentliche Stellungnahme der EU markiert einen Wendepunkt gegenüber der früheren Unwilligkeit, die Wal- und Delfinjagd auf den Färöern zu verurteilen.

Im Dezember 2021 wurden auch die EU-Staaten (ausser Dänemark), die Mitglieder in der IWC sind, aktiv. Ihr offizieller Brief an alle Mitglieder der Internationalen Walfangkommission lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und hält fest: «Wir verurteilen die grausame und nicht notwendige Tötung von mehr als 1400 Weissseitendelfinen … Wir rufen die Regierung der Färöer auf, die antiquierte Praxis der Jagd auf Wale und Delfine unverzüglich einzustellen … Wir treten dafür ein, dass die Neubeurteilung der Jagd auch auf die Grindwale ausgedehnt wird … Wir begrüssen die Ankündigung der Regierung der Färöer, die Rechtsgrundlagen für die Jagd auf Weissseitendelfine zu überprüfen, und sind zuversichtlich, dass diese bald strenger reguliert oder vollständig verboten wird.»

Um die Bedrohungslage des Weissseitendelfins besser zu verstehen, beauftragte OceanCare die unabhängige Wissenschaftlerin Susannah Calderan von der Scottish Association for Marine Science mit einem Bericht, der den Wissensstand über den Weissseitendelfin im Nordostatlantik zusammenstellt. Der Bericht zeigte, wie beträchtlich die Wissenslücken zum Bestand und zu den Populationsstrukturen dieser Delfinart sind. Im Nordatlantik werden mehrere separate Populationen vermutet, Schätzungen zur Zahl der Tiere sind aber äusserst ungenau. Verfügbare Forschungsprojekte zur Bestandserhebung des Atlantischen Weissseitendelfins konnten weniger als zwanzig Sichtungen verzeichnen. Die Tötung von mindestens 1423 Weissseitendelfinen ist daher auch aus Sicht des Artenschutzes äusserst bedenklich.

Tradition als Persilschein für überholte Praktiken?

OceanCare anerkennt, dass Kulturen und Traditionen der Menschen schutzwürdig sind, betont aber, dass dies nicht mit Tierleid einhergehen darf. Die Waltierjagd auf den Färöern wird jetzt mittels moderner Motorboote und auf dem aktuellen Stand der Kommunikationstechnik durchgeführt. Von Tradition kann bei dieser Waljagd also keine Rede sein. Ausserdem gehören die Tiere, die durch die Weiten des Nordatlantiks streifen, nicht einer Nation oder Gemeinschaft und ihre mutwillige Tötung untergräbt die Schutzbemühungen, die andernorts in europäischen Gewässern der Erhaltung derselben Meeressäugerart dienen sollen.

Petition zur Beendigung der Delfin- und Waljagd auf den Färöern​

Auch im Jahr 2022 und darüber hinaus setzt sich OceanCare unverändert für den Schutz der marinen Lebensräume und der Tierwelt ein. Bis Mai 2022 haben mehr als 43 000 Menschen die OceanCare-Petition zur Beendigung der Wal- und Delfinjagd auf den Färöer-Inseln unterzeichnet. Die Petition wurde am 9. September der EU-Vertretung in der Schweiz übergeben.

Wir werden nicht rasten, bis die Grindwale und alle anderen Meeressäugetiere vor Treibjagden auf den Färöern sicher sind. Jede Stimme zählt – gemeinsam können wir das Blatt wenden. Jetzt ist die Zeit gekommen, einen neuen Weg einzuschlagen, und wir hoffen, dass die Färinger andere Wege finden, um ihr besonderes Verhältnis zum Meer ausdrücken zu können.