New York, Sonntagabend, 5. Juni 2017

Ich zähle meine New York-Flüge nicht mehr, aber zwanzig werden es schon sein, mindestens – zwanzig Mal habe ich nach der Landung auf dem JFK-Airport die argwöhnischen Blicke der Immigrationsbeamten mit einer Mischung aus gutem Gewissen und gequältem Lächeln erwidert und ihre seltsamen Fragen so wahrheitsgetreu wie nur möglich beantwortet. Meine erste Einreise-Prozedur – es war, ich erinnere mich noch gut, im Jahr 2004 – stand noch immer unter dem Eindruck des Nine/Eleven-Schocks, der das Land drei Jahre zuvor erschüttert hatte. Aber das alles ist nichts im Vergleich zu der fast schon neurotischen Nervosität, welche die Stimmung in diesem Land heute prägt. Ich muss sagen, dass ich in den letzten dreizehn Jahren noch nie mit so gemischten Gefühlen über den Atlantik geflogen bin …

Das hat schon eine Woche vor unserer Abreise begonnen, mit einem Mail von der Swiss: Die Airline schreckte ihre USA-Passiere mit der „dringenden Empfehlung“ auf, den Status  des Einreise-Visums vor dem Abflug unbedingt noch einmal zu überprüfen.

Drei Tage vor dem Abflug hat der Präsident des Landes, das wir jetzt besuchen, seinen Ausstieg aus dem Pariser Klima-Abkommen in die Welt posaunt – und noch während ich mich hinterfragte, was diese Hiobs-Botschaft für die Arbeit von OceanCare bedeuten könnte, erreichte mich die gute Nachricht: Die führenden Wirtschaftsnationen der Welt haben beschlossen, den Kampf gegen die Meeresverschmutzung zu verschärfen und konkrete Schritte gegen die Plastik-Vermüllung der Ozeane einzuleiten.

Nun – es ist überstanden – zumindest der erste Schritt ist getan: Fabienne und ich haben das Einreiseprozedere erstaunlich problemlos überstanden; weder sind wir aufgehalten worden, noch hat man uns das Handy weg oder den Laptop auseinandergenommen – was, wie man hört, offenbar immer häufiger geschieht. Vielleicht war es der Schalk, mit dem ich den Immigrationsbeamten überrumpelt hatte. Auf jeden Fall vergass er plötzlich, mir detaillierte Fragen zu stellen oder meine Fingerabdrücke zu nehmen. Mir war’s recht.

Lachend vor Erleichterung sind wir, als wir den Terminal verlassen und nach einem Taxi Ausschau gehalten haben, einander um den Hals gefallen und haben zugleich verwundert erkannt, dass wir unsere unbehelligte Ankunft in diesem Land wie einen Erfolg wahrnehmen.

Kurz nur haben wir das Gepäck in unserem Hotel deponiert, das uns fast schon ein bisschen Heimat in der Fremde geworden ist. Wir haben uns eiskaltes Wasser ins Gesicht geklatscht und sind am späten Sonntagnachmittag zur UNO gepilgert, um unsere Akkreditierung Pässe abzuholen und damit dem riesigen Andrang zuvorzukommen, der am Montagmorgen zweifellos herrschen wird.

Zurück im Hotelzimmer sind wir von Last-Minute-Einladungen zu Side-Events, gemeinsamen Statements und Twitter-Meldungen förmlich überhäuft worden. Die Aufbruchstimmung, die wir bereits im Rahmen der umfangreichen Vorbereitungen für die #Save Our Ocean Conference wahrgenommen haben, hat sich noch verstärkt. Es liegt eine Lust in der Luft, sie motiviert uns, gemeinsam und konkret zur Rettung der Ozeane beizutragen.

Das Restaurant Ali Baba, wo wir uns zum Abendessen mit Joanna Toole verabredet hatten, unserer neuen Konsulentin aus London, gehört zu unseren Lieblingsorten in Manhattan, an dem wir strategische Gespräche führen und gleichzeitig Gaumenfreuden geniessen können. Leider hat sich Joannes Ankunft verzögert, weshalb wir für sie das weltbeste Babaganoush und andere vegetarische Köstlichkeiten einpacken liessen und mit ins Hotel nahmen.

Dort haben wir uns erst einmal auf die Aufgaben des kommenden Tages konzentriert; wir sind die Tagesplanung für den ersten Konferenztag durchgegangen, haben abgesprochen, wie wir uns aufteilen, damit die Empfehlungen von OceanCare möglichst gleichzeitig an den wichtigsten Dialogen, Konferenzen und Side Events eingebracht werden können. Es ist ein gutes  Gefühl, hier als Team etwas bewirken zu können.

Natürlich erfüllt uns der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimavertrag mit grosser Sorge, denn es ist nicht absehbar, was dieser unüberlegte Entscheid für den Planeten bedeuten wird. Dennoch lassen wir die Veränderungen, die in den USA vor sich gehen, bewusst aussen vor. Wir wollen uns auf Lösungen für die Probleme in den Meeren konzentrieren, damit die Energie dorthin fliessen kann, wo sie wahr genommen und dringend benötigt wird.

Meine Kolleginnen Fabienne und Joanna und auch ich freuen uns auf den morgigen Tag. In der kurzen Nacht, die vor uns liegt, müssen wir uns so gut wie möglich vom Jetlag und den Strapazen der Reise erholen, bevor wir uns ins UNO Hauptgebäude begeben, um unsere Stimme für die Ozeane zu erheben.

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber, Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit nimmt mit Fabienne McLellan und Joanna Toole an der UN #SaveOurOcean Konferenz teil. Sie berichtet regelmässig aus New York über den Verlauf der Konferenz.