Mark Peter Simmonds Leiter Wissenschaft

Der Hauptgrund für die Fortführung des Walfangs ist, dass er die politischen Ambitionen einiger Entscheidungsträger unterstützt.

Story

Warum der Walfang kein Ende nimmt

13. Juli 2026

Meinungsartikel von Mark Simmonds, Leiter Wissenschaft von OceanCare, der sich über mehr als drei Jahrzehnte intensiv mit Fragen des Walfangs weltweit beschäftigte. In diesem Artikel beleuchtet er die politischen Motivationen in den verbliebenen Walfangnationen, die zum Fortbestand des Walfangs beitragen.

Die Walfangsaison ist auf der Nordhalbkugel auch in diesem Jahr wieder in vollem Gange. Die norwegische Flotte aus fünf Mehrzweckschiffen ist seit einigen Wochen im Einsatz. Bis Mitte Juli tötete sie mehrere hundert Zwergwale. Im Jahre 2025 fielen ihr 429 Zwergwale zum Opfer und auch in diesem Jahr werden noch viele weitere getötet werden, bis die Walfangsaison im Herbst zu Ende geht.

Mitte Juni schickte zudem das isländische Walfangunternehmen – nach ausführlichem Herausposaunen seines Vorhabens – seine verbliebenen zwei alten, aber zweckdienlichen Walfangschiffe auf See. Diese Schiffe sind insofern aussergewöhnlich, als sie sehr grosse Wale schiessen und an Bord ziehen können. Sie jagen nach Finnwalen, wahre Riesen der Meere mit bis zu 27 Meter Körperlänge und 45-75 Tonnen Gewicht. Von den in diesem Jahr bisher angelandeten Walen wies einer vier grosse Wunden auf. Der Wal wurde also mehrfach harpuniert – eine äusserst brutale und langsame Tötung. Die Wiederaufnahme der isländischen Walfangflotte in diesem Jahr ist besonders enttäuschend, da Island in den beiden vorangegangenen Jahren überhaupt keine Wale tötete. Viele von uns hatten gehofft, dass dies bald zum Dauerzustand werden würde, insbesondere angesichts der schwindenden Unterstützung in der Bevölkerung für die Grausamkeit des Walfangs.

Auch Japans Walfangschiffe sind im Einsatz. Derzeit kennen wir ihre Fangquoten (145 Zwergwale, 153 Brydewale, 56 Seiwale und 58 Finnwale), aber noch nicht ihre tatsächlichen Fangzahlen, die erst im Laufe des Jahres veröffentlicht werden. Das japanische Parlament untermauerte, wie entschieden es den Walfang unterstützt, indem es den Bau und den Stapellauf eines riesigen, speziell angefertigten neuen Walfang-Fabriksschiffs finanzierte. Die Kosten für das 9 300-Tonnen-Schiff werden auf 47 bis 50 Millionen US-Dollar geschätzt.

Unterdessen fand auf den Färöern am 27. Mai 2026 eine massive Jagd statt, bei der an einem einzigen Tag über 400 Grindwale und mehrere hundert Delfine anderer Arten getötet wurden. Vermutlich quellen die Gefrierkammern auf dem Inselarchipel nun über vor Fleisch aus dieser Jagd und jenen der vorangegangenen Monate. Es liegt nahe, dass älteres Fleisch entsorgt wird, um Platz zu schaffen – eine Praxis, über die bereits ausführlich berichtet wurde und die deutlich macht, dass kein wirklicher Bedarf an all diesem Fleisch besteht.

Der Walfang ist ein wichtiges politisches Thema … für manche.

Zwar findet das Töten von Walen in Japan, Island, Norwegen und den Färöern in deutlich unterschiedlichen kulturellen Kontexten statt, aber es zeigen sich einige wesentliche Gemeinsamkeiten in den von den jeweiligen Staaten geführten Kampagnen zugunsten des Walfangs. In allen vier Ländern führen Politiker und Politikerinnen nationale Souveränität, kulturelle Bedeutung und die Auswirkungen von Walen auf die Fischerei als Rechtfertigung ins Treffen. Für diese Länder ist das Thema Walfang in dem Sinne politisch bedeutsam, als einige Politiker die Unterstützung für den Walfang und die Delfinjagd in ihrem Wahlkampf nutzen, da sie dadurch in bestimmten Wahlkreisen eine signifikante Anzahl an Stimmen gewinnen können.

Die Rhetorik dieser Politiker unterstreicht die „Bedeutung“ des Walfangs und die eigene Rolle bei dessen Verteidigung gegen äussere Kräfte – „irregeführte“ Staaten und verschiedene „Öko-Spinner“ –, die versuchen, ihrer Nation ihr „uraltes Recht“ auf den Fang von Meerestieren abzusprechen. Zusammen bilden diese Behauptungen eine Verkettung schlagkräftiger Argumente, deren Wirksamkeit den Fortbestand des Walfangs teilweise erklären kann.

Argumente aus Bequemlichkeit

Die Walfangstaaten behaupten zudem, die Walpopulationen seien stabil und die Abschüsse hätten keinen nennenswerten Einfluss auf das Überleben der betroffenen Populationen. Je mehr wir aber über Wale lernen und beobachten, wie die sich rasch verändernden Meeresbedingungen auf sie einwirken, desto fragwürdiger erscheinen solche Behauptungen.
Die Vorstellung, Wale und Delfine würden Fische fressen, die sonst in den Netzen von Fischern enden würden, wurde durch die Arbeiten seriöser und unabhängiger Wissenschaftler widerlegt. Die Ursachen für den Rückgang der Fischbestände sind eher in der Überfischung durch den Menschen und im Klimawandel zu suchen als in der natürlichen Nahrungsaufnahme der Wale und Delfine.

Und nicht zuletzt behaupten die Walfang-Fürsprecher in den Walfangländern lautstark, ihre Methoden seien effizient und human. Solche Behauptungen sind immer weniger haltbar, wie wir kürzlich am Beispiel der Waljagd auf den Färöern gezeigt haben. Island wiederum nahm im Jahr 2025 seine Walfangaktivitäten mithilfe eigener unabhängiger Beobachter unter die Lupe und kam zu dem Schluss, dass gegen das isländische Tierschutzrecht verstossen wurde. Diese erwartbare, aber dennoch wichtige Erkenntnis hat wohl dazu beigetragen, dass in diesem Inselstaat mittlerweile mehr Menschen den Walfang ablehnen als befürworten.

Die Regierung der Färöer hat auf die sich häufenden Beweise für die Grausamkeit ihres Walfangs ganz anders reagiert. Als kürzlich vor Gericht gebracht wurde, dass eine Jagd gegen das nationale Tierschutzgesetz verstossen habe, beschloss das Parlament der Färöer einstimmig (alle 33 Abgeordneten), die Jagd auf Wale und Delfine vollständig aus dem Wirkungsbereich dieses Gesetzes zu streichen. Für die Politiker mag dies ein populärer Erfolg gewesen sein, aber für die Tiere ist es ein niederschmetterndes Ergebnis. Bereits am nächsten Tag (27. Mai) fand die oben erwähnte gross angelegte Jagd auf mehrere Delfinarten in der Nähe der Hauptstadt Tórshavn statt.

Ich möchte betonen, dass in keinem dieser Länder eine Notwendigkeit besteht, Wale für Nahrungsmittel zu töten; alle sind wohlhabend und verfügen über andere Nahrungsquellen in bei weitem ausreichendem Masse.

Warum also geht der Walfang wirklich weiter?

Zusammenfassend möchte ich meine These, dass die nationale Politik eine entscheidende Triebkraft für die Fortführung des Walfangs ist, noch einmal unterstreichen und die norwegische Fischereiministerin zitieren: „Der norwegische Walfang“, sagte sie kürzlich, „ist nachhaltig und streng reguliert, und der Bestand an Zwergwalen ist in sehr gutem Zustand. Norwegen wendet wirksame und tierschutzkompatible Jagdmethoden an. Darüber hinaus wirkt sich der hohe Fischverzehr der Wale auf das Ökosystem aus, und um die Nachhaltigkeitsziele der UN zu erreichen, müssen wir auch mehr Meerestiere essen – und der Walfang liefert gesunde, regional gewonnene Nahrung.“ Dieser Verweis auf die UN-Ziele ist wirklich bemerkenswert. Sie argumentiert allen Ernstes, dass wir, um diese wichtigen Ziele zu erreichen, mehr Wale töten (und essen) sollten. Für sie ist dies eine politisch opportune Position, die bei ihrer Wählerschaft Anklang findet (sie vertritt den nördlichsten Wahlkreis Finnmark, wo der Walfang ein beliebtes Thema und ein Wahlkampfschlager ist). Freilich lässt ihre Argumentation die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Beitrag der Wale zur Produktivität der Ozeane völlig ausser Acht.

Insgesamt bin ich also der Ansicht, dass der Hauptgrund für die Fortführung des Walfangs in den hier beschriebenen wohlhabenden Nationen darin liegt, dass er die politischen Ambitionen einiger ihrer Staats- und Regierungschefs unterstützt. Dem steht die Situation in jenen Ländern gegenüber, die sich gegen die Fortsetzung des kommerziellen Walfangs aussprechen. Dazu gehören Australien, Brasilien, Spanien, das Vereinigte Königreich und andere, die alle ebenfalls auf eine lange Geschichte des Walfangs zurückblicken, diesen jedoch angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse beendet haben. Tatsächlich stellten viele den Walfang bereits ein, noch bevor das Verbot des kommerziellen Walfangs 1982 nach einem Mehrheitsbeschluss der Mitgliedstaaten der Internationalen Walfangkommission (IWC) in Kraft trat. Dies zeigt ganz deutlich, dass ein kultureller Wandel möglich ist, wenn der nationale Wille dazu besteht.

In den letzten Jahrzehnten haben wir miterlebt, wie sich die IWC von einem „Walfänger-Club“, der sich nur mit der Festlegung von Fangquoten beschäftigte, zu einer wichtigen Organisation entwickelt hat, die sich mit allen Bedrohungen befasst, denen Wale im 21. Jahrhundert ausgesetzt sind. Japan und seine Verbündeten haben sich dieser Entwicklung leider weitgehend widersetzt, konnten sie jedoch nicht aufhalten.

OceanCare hat als Teil einer Koalition von mehr als 50 Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt eine 50-Jahres-Vision für die IWC entwickelt, die einen Weg zur weltweiten Einhaltung und Durchsetzung des Moratoriums vorzeichnet. Dies wird die IWC weiter in Richtung einer modernen Organisation voranbringen, die Leitlinien für den wirksamen Schutz aller Wal- und Delfinarten auf globaler Ebene bereitstellt und damit zu intakten Weltmeeren beiträgt. Diese Vision wurde 2021 vorgestellt und wir werden sie weiterhin vorantreiben und dem laufenden kommerziellen Walfang entgegentreten.