Mark Peter Simmonds Leiter Wissenschaft

Orcas sind aussergewöhnliche Tiere, und ihr Verhalten überrascht und fasziniert uns immer wieder aufs Neue.

Story

Was bedeutet es, wenn ein Wal Ihnen einen Fisch anbietet?

16. Juli 2026

Bemerkenswerte Videoaufnahmen, die die WeWhale Association kürzlich vor der Strasse von Gibraltar gemacht hat, zeigen eine berühmte Schwertwal-Matriarchin (Orca), die den Menschen an Bord eines Schiffes offenbar den Kopf eines grossen Thunfischs anbietet. Kann das wirklich ihre Absicht sein, und falls ja, was will sie damit sagen?

Diese Geschichte ist umso faszinierender, als das betreffende Orca-Weibchen als Mitglied jener Gruppe identifiziert wurde, die in der Region immer wieder eng mit vorbeifahrenden Yachten interagiert und einige von ihnen sogar zum Kentern gebracht hat. In den Medien wurde sie oft als «Anführerin» dieser Vorfälle dargestellt. Man gab dem Orca-Weibchen den Namen „White Gladis“ oder „Estrella“.

Überbringerinnen unerwarteter Geschenke

Vor einigen Jahren haben Laetitia Nunny und ich gemeinsam ein Buchkapitel über Meeressäuger verfasst, die Beziehungen zu Menschen aufbauen. Dabei stiessen wir auf mehrere Beispiele von Delfinen, die Menschen Teile ihrer Beute schenkten, meist in Form von ganzen Fischen oder Fischstücken. Ein solches Beispiel stammt von Moreton Island in Queensland, Australien. Dort füttern Menschen seit 1992 Grosse Tümmler mit Fisch, und nach einigen Jahren begannen die Delfine, sich zu revanchieren. Sie brachten den Mitarbeitenden des Resorts wild gefangene Fische und Kopffüsser (Tintenfische und Kraken) als «Geschenke». Ein ähnliches «Anfüttern» von Delfinen durch Menschen kommt auch an verschiedenen anderen Orten auf der Welt vor. Hier ist anzumerken, dass dies keine Aktivität ist, die ich generell empfehlen würde, da sie die betroffenen Delfine für verschiedene Probleme anfällig machen kann. Dieses artübergreifende Schenken ist ein seltener, aber fester Bestandteil der Kultur der angefütterten Delfine.

Funghi, der berühmte solitär lebende Delfin, der von 1983 an bemerkenswerte 37 Jahre lang in der Dingle Bay in Irland lebte, hatte ebenfalls die Angewohnheit, Fische mit Menschen teilen zu wollen. Dazu gehörte, dass er sie «voller Begeisterung» durch die Luft und auf Boote warf. Tatsächlich wurde bei vielen Grossen Tümmlern und mehreren Rauzahndelfinen beobachtet, wie sie Beute teilten. Es gibt auch einen berühmten Fall, in dem eine Seeleopardin ihre Beute, einen Pinguin, dem Naturfotografen Paul Nicklen anbot.

Alle genannten Arten teilen auch untereinander Nahrung innerhalb ihrer jeweiligen sozialen Gruppen. Dies ist offensichtlich förderlich für die Ernährung der Gruppe und trägt zudem zum sozialen Zusammenhalt bei. Von einigen Delfinarten ist bekannt, dass sie in Gruppen aus mehr als einer Art zusammen schwimmen. Vielleicht trägt dieses «freundschaftliche» Zusammenleben mit anderen Arten dazu bei, dass sie ihre Bereitschaft, eine freundliche oder potenziell nützliche Art zu erkennen, auch auf den Menschen ausdehnen.

Gemeinsam zu Tisch

Das Teilen von Nahrung ist ein grosser Teil der menschlichen Kultur. Das Sonntagsessen mit der Familie ist ein Beispiel dafür. Auch grosse Feiern wie Hochzeiten drehen sich meist stark um das Thema Essen. Wie sich zeigt, ist das Teilen von Nahrung auch ein grosser Teil der Delfinkultur, einschliesslich des grössten aller Delfine, des Orcas.

Orcas sind aussergewöhnliche Tiere. Ihre Gehirnentwicklung weist einen bemerkenswert hohen Grad an Enzephalisation auf (also ein relativ grosses Verhältnis von Gehirn zu Körpergrösse und eine hohe Komplexität); nur der Mensch erreicht einen höheren Grad. Sie verfügen zudem über Hirnstrukturen, die mit fortgeschrittener Kommunikation sowie kognitiver, emotionaler und sozialer Intelligenz in Verbindung stehen. Sie kommen in vielen verschiedenen Populationen rund um den Globus vor. Diese Populationen können sich in bestimmten wesentlichen Aspekten unterscheiden, wobei jede Population sich in der Regel auf bestimmte Beute spezialisiert: Einige ernähren sich von bestimmten Fischarten, andere von Meeressäugern. Das Wissen darum, wie sich ihre jeweilige Beute erschliessen lässt, wird eindeutig von älteren an jüngere Tiere weitergegeben. Orcas verfügen sowohl über soziales Lernen als auch über Kultur.

Die vom Aussterben bedrohte Gruppe der «iberischen Orcas», die wegen ihrer heftigen Interaktionen mit Schiffen inzwischen weltberühmt ist, hat sich auf Fisch spezialisiert, insbesondere auf Thunfisch. Ihr bootschädigendes Verhalten schien quasi aus dem Nichts zu kommen und überraschte die Welt. Viele von uns hielten es für eine vorübergehende Verhaltensmode, die mit der Zeit verschwinden würde, doch sie hat nach wie vor Bestand.

Ich habe darüber bereits in einem früheren Blog geschrieben; um den aktuellen Stand des Denkens hier zusammenzufassen: Die meisten Fachleute, die dieses Verhalten untersuchen, betrachten es als eine Form von Spiel. Die Orcas beschädigen die Boote nicht, um den Menschen darin zu schaden, sie spielen schlicht mit den Yachten, als wären sie ein Spielzeug.

Der Orca stellt eine Frage

Für uns Menschen wirkt es wie ein seltsamer Gegensatz, dass ein Orca einer Yacht einen Fisch anbietet, die er unter anderen Umständen vielleicht kräftig herumschieben würde. Doch dass Orcas Menschen Beute anbieten, ist zwar selten, aber nicht gänzlich neu. Der kanadische Meeressäuger-Experte Jared Towers und einige Kolleginnen und Kollegen haben kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der sie solche Beispiele zusammengetragen haben. Sie identifizierten 34 Fälle, in denen Orcas beider Geschlechter und aller Altersklassen Menschen Beute und andere Gegenstände anboten: Menschen auf Booten (n = 21), im Wasser (n = 11) und an Land (n = 2), und dies in vier verschiedenen Ozeanen. Insgesamt liessen sich 18 angebotene Arten bestimmen: sechs Fische, fünf Säugetiere, drei wirbellose Tiere, zwei Vögel, ein Reptil und eine Alge. In fast jedem Fall präsentierten die Wale die Beute und warteten dann sichtlich auf eine Reaktion, bevor sie ihrerseits reagierten, beinahe so, als würden sie die Interaktion nutzen, um uns zu studieren.

Wenn deutlich wurde, dass die Menschen die angebotene Beute nicht annehmen, nahmen die Orcas sie in der Regel wieder mit und teilten sie in einigen Fällen mit ihrer Gruppe, wie sie es ohnehin wohl normalerweise getan hätten.

Fälle, in denen wilde Tiere Menschen Nahrung anbieten, sind ausgesprochen selten. In ihrer gründlichen und durchdachten Studie legen Towers und seine Kolleginnen und Kollegen nahe, dass diese Interaktionen Beispiele für einen «interspezifischen generalisierten Altruismus» sind, also für die Anteilnahme am Wohlergehen von Mitgliedern einer anderen Art.

Eine Interpretation ist, dass Estrella eine Geste machte und möglicherweise sogar eine Frage stellte. Die Frage könnte gelautet haben: «Seid ihr freundlich?» Werdet ihr die Nahrung annehmen, die ich anbiete, um eine gewisse Verbundenheit zu zeigen? Oder vielleicht: «Seid ihr wie wir; erkennt ihr, was ich tue?»

Die Kommunikation zwischen intelligenten Ausserirdischen und Menschen ist ein häufiges Thema der Science-Fiction, etwa im Kultfilm «Unheimliche Begegnung der dritten Art» von 1977, in dem sich Ausserirdische und Menschen schliesslich rund um jenes berühmte musikalische Motiv zusammenfinden. Die Intelligenz der Orcas ist auf ein ganz anderes Sinnesinstrumentarium als das unsere und auf das gemeinschaftliche Leben im Meer abgestimmt. In diesem Fall könnten wir es sein, die quasi als fremde Intelligenzen in ihre Welt eintreten.

Das Schiff, dem sich Estrella näherte, war kein zufälliges, sondern eines, dass ihr gut bekannt ist, da sich dieses im Rahmen eines Projekts oft in der Nähe von ihr und ihrer Familie aufhält, und welches darauf abzielt, sie und den Rest ihrer kleinen Population zu schützen. Vielleicht erkannte sie also etwas ganz Bestimmtes an diesem Boot und den Menschen an Bord. Vielleicht fragt sie, ob die Menschen auf diesem Boot, dem sie immer wieder begegnet, ihre Verbündeten sind. Estrella braucht menschliche Freundinnen und Freunde ganz gewiss, denn ihr Leben und das der anderen Mitglieder ihrer Schule sind bedroht: durch Menschen, die sich rächen wollen, nachdem ihre Boote beschädigt wurden, oder die sich davor fürchten, dass ihre Boote Schaden nehmen könnten.

Bei OceanCare setzen wir uns weiterhin für den umfassendsten Schutz von Estrella und allen iberischen Orcas ein. Wir werden ihre Situation weiter beobachten, an der Entwicklung von Schutz- und Erhaltungsplänen für sie mitwirken und uns mit der Politik rund um sie befassen.

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Mehr Informationen

Quellen

Die Aufnahmen des Ereignisses, die WeWhale im Juni 2026 gemacht hat, finden sich auf Instagram und Facebook sowie auf EFE: Verde hier.

Simmonds, M.P. & Nunny, L. (2022). Marine Mammals Seeking Human Company. In: Notarbartolo di Sciara, G., Würsig, B. (eds) Marine Mammals: the Evolving Human Factor. Ethology and Behavioral Ecology of Marine Mammals. Springer, Cham.

Towers, J.R., Visser, I.N. & Prigollini, V. (2026). Testing the waters: Attempts by wild killer whales (Orcinus orca) to provision people (Homo sapiens). Journal of Comparative Psychology, 140(1), 45–55.