Ozeanwärme und Extremwetter: Warum die heutigen Klimaextreme miteinander zusammenhängen
Draussen auf dem Meer beginnt ein Sturm nicht mit Wind, sondern mit Wärme. Tropische Wirbelstürme, auch Hurrikane oder Taifune genannt, beziehen ihre Energie aus der Meeresoberfläche. Je wärmer das Wasser ist, desto mehr Energie steht ihnen zur Verfügung. Mit steigenden globalen Temperaturen nehmen die Ozeane enorme Mengen überschüssiger Wärme auf und schaffen damit die Voraussetzungen für stärkere und gefährlichere Stürme.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten bereits deutliche Veränderungen, nicht nur darin, wie häufig Wirbelstürme entstehen, sondern auch darin, wie sie sich verhalten. Stürme verstärken sich schneller, transportieren mehr Feuchtigkeit und verharren in manchen Fällen länger über einer Region. Der Weltklimarat IPCC hat festgestellt, dass tropische Wirbelstürme in einer wärmeren Welt voraussichtlich stärkere Niederschläge mit sich bringen werden. Auch das Geophysical Fluid Dynamics Laboratory der NOAA kommt zu dem Schluss, dass die Intensität tropischer Wirbelstürme und ihre Niederschlagsraten mit fortschreitender Erwärmung wahrscheinlich zunehmen werden. Das Ergebnis ist eine neue Art von Wirbelsturmrisiko: schwerer vorherzusagen und oft deutlich zerstörerischer.
In diesem Jahr wird dieses Risiko durch einen weiteren starken Klimatreiber geprägt: El Niño. Im Juni 2026 warnte die Weltorganisation für Meteorologie, dass sich im tropischen Pazifik El-Niño-Bedingungen entwickeln, befeuert durch ungewöhnlich warmes Meerwasser, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, die globalen Temperatur- und Niederschlagsmuster in den kommenden Monaten zu beeinflussen. El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen. Es findet jedoch heute vor dem Hintergrund der menschengemachten Erwärmung statt, was bedeutet, dass seine Auswirkungen auf eine Atmosphäre und einen Ozean treffen, die bereits deutlich wärmer sind.
Ein doppelter Schlag: Hitzewellen und Stürme
Eine der besorgniserregenderen Entwicklungen ist die Rolle mariner Hitzewellen, also Phasen ungewöhnlich hoher Meerestemperaturen, bei der Verstärkung der Auswirkungen von Wirbelstürmen. Wenn ein Sturm über Gewässer zieht, die bereits durch eine marine Hitzewelle erwärmt sind, kann der Schaden, den er verursacht, deutlich zunehmen. Diese Hitzewellen wirken gewissermassen als zusätzliche Energiequelle und können dazu beitragen, dass sich Stürme schneller aufbauen und beim Erreichen der Küste stärkere Niederschläge freisetzen. Eine von Carbon Brief berichtete aktuelle Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich rasch verstärkende tropische Wirbelstürme, die über marine Hitzewellen ziehen, rund 93 Prozent höhere wirtschaftliche Schäden verursachen können als vergleichbare Stürme, die dies nicht tun, selbst wenn die Küstenentwicklung berücksichtigt wird.
Die Hitzewelle, die Europa kürzlich erlebt hat, zeigt, dass dies nicht nur ein tropisches Problem ist. Copernicus berichtete von einer aussergewöhnlich frühen und intensiven Hitzewelle in Westeuropa im Mai 2026, gefolgt von einer weiteren Erwärmung der umliegenden Meere während der Hitzewelle Ende Juni. Bis zum 29. Juni lagen Teile des westlichen Mittelmeers rund 6 °C über dem langjährigen Durchschnitt. Auch in der Ligurischen See, im Tyrrhenischen Meer, in der südlichen Nordsee und in der Ostsee wurde eine deutliche Erwärmung festgestellt. Diese wärmeren Meere erzeugen in Europa keine tropischen Wirbelstürme auf dieselbe Weise wie in den Tropen. Sie zeigen jedoch, wie schnell sich marine Wärme entlang von Küsten aufbauen kann.
Auswirkungen des Zyklons auf das Ningaloo Reef
Ein eindrückliches aktuelles Beispiel kommt aus Westaustralien, wo der tropische Zyklon Narelle in einem besonders sensiblen Moment nahe am Ningaloo Reef vorbeizog. Ningaloo ist bekannt für seine Korallenlaichzeit, ein bemerkenswertes Naturereignis, bei dem Korallen Eier und Spermien in einer sorgfältig abgestimmten und empfindlichen Massenreproduktion ins Wasser abgeben.
In diesem Jahr fiel dieses empfindliche Zeitfenster mit einer Katastrophe zusammen. Der Zyklon traf während des ersten Laichereignisses des Riffs seit der rekordbrechenden marinen Hitzewelle von 2025 auf, als das Ökosystem bereits stark belastet war. Mächtige Wellen und schwerer Seegang fegten über das Riff und weckten die Sorge, dass viele Korallenlarven fortgespült wurden, bevor sie sich ansiedeln und wachsen konnten.
Nach dem Sturm wurden zahlreiche tote Tiere, darunter Fische, Seeschlangen, Meeresschildkröten-Jungtiere und Meeressäuger, an Land gespült. Für Forschende ist diese Kombination äusserst beunruhigend: ein durch Hitze geschwächtes Riff, das in einem entscheidenden Moment seiner Erholung von einem starken Sturm getroffen wird. Wenn sich die Ozeane weiter erwärmen, dürften solche überlappenden Belastungen häufiger werden. Dadurch wird es für Riffe wie Ningaloo immer schwieriger, sich zu erholen.
Was in Ningaloo geschieht, verweist auch auf das grössere Bild. Marine Hitzewellen, Korallenbleiche, Sturmschäden und gestörte Fortpflanzung sind keine voneinander getrennten Probleme. Sie können zeitlich zusammenfallen, wobei jede Belastung die Fähigkeit eines Ökosystems verringert, sich von der nächsten zu erholen. Genau deshalb spielt der Zeitpunkt von Stürmen eine so grosse Rolle. Ein Zyklon, der ein gesundes Riff trifft, ist zerstörerisch. Ein Zyklon, der ein hitzegestresstes Riff während der Korallenlaichzeit trifft, kann jedoch genau den Prozess unterbrechen, der dem Riff eigentlich helfen würde, sich zu regenerieren.
Stärkere Stürme, länger anhaltende Folgen
Ningaloo ist ein Beispiel für eine viel umfassendere Sorge: Wenn Stürme intensiver werden, können auch ihre Auswirkungen auf marine Ökosysteme komplexer und schwerer zu bewältigen werden. Eine der besorgniserregenderen Beobachtungen ist, dass manche Wirbelstürme in bestimmten Regionen langsamer ziehen oder länger über einem Gebiet verharren. Dieses Muster ist zwar noch nicht überall gleich klar erkennbar, und die Ursachen werden weiterhin untersucht, doch die möglichen Folgen sind gravierend.
Wenn ein Sturm länger anhält, ist das marine Leben über einen längeren Zeitraum starken Wellen, heftigen Niederschlägen, Überschwemmungen, Sedimenteintrag und plötzlichen Veränderungen der Wasserqualität ausgesetzt. Anhaltender Wellengang kann Korallen abbrechen, Seegraswiesen aufwühlen und Lebensräume beschädigen, auf die junge Fische, Schildkröten und andere Arten angewiesen sind. Starke Regenfälle können zudem Sedimente, Nährstoffe, Chemikalien und andere Schadstoffe vom Land ins Meer spülen und damit Ökosysteme zusätzlich belasten, die bereits durch Hitze geschwächt sind.
Diese Risiken werden auch durch grössere Klimamuster beeinflusst, darunter El Niño. El Niño wirkt sich nicht überall gleich aus und bestimmt auch nicht den Verlauf eines einzelnen Sturms. Er kann jedoch Niederschläge, Hitze und Zyklonbedingungen in grossen Teilen der Welt verschieben. Der saisonale Ausblick der WMO für Juli bis September 2026 deutet auf eine rasche Entwicklung hin zu einem starken El Niño hin und prognostiziert überdurchschnittliche Temperaturen in weiten Teilen der Erde, darunter auch in Teilen der Südhalbkugel wie dem südlichen Afrika, Teilen Südamerikas und Neuseeland.
Das bedeutet nicht, dass wir bereits genau vorhersagen können, wie der kommende Sommer auf der Südhalbkugel aussehen wird. Sollten die El-Niño-Bedingungen jedoch bis Ende 2026 anhalten, könnten sie die Hintergrundbedingungen für die Zyklonsaison auf der Südhalbkugel beeinflussen, die in der australischen Region offiziell von November bis April dauert.
Für Küstengemeinden auf der ganzen Welt sind diese Veränderungen längst nicht mehr abstrakt. Sie zeigen sich bereits in überfluteten Häusern, beschädigten Häfen, Einkommensverlusten und einer langsameren Erholung nach jedem Sturm. Ereignisse, die früher als selten galten, treten häufiger auf, und jedes einzelne hinterlässt grössere Kosten. Ökosysteme, von denen lokale Wirtschaften abhängen, von Korallenriffen bis hin zu Fischereien, können Jahre brauchen, um sich zu erholen, falls sie sich überhaupt erholen. An vielen Orten lautet die Frage nicht mehr, ob ein weiterer Sturm kommen wird, sondern wie viel Schaden er hinterlassen wird.
Eine Sturmwarnung, die wir nicht ignorieren dürfen
Zyklone waren schon immer Teil des natürlichen Klimasystems der Erde. Doch die Bedingungen, die sie prägen, verändern sich rapide. Der Ozean hat den grössten Teil der überschüssigen Wärme aufgenommen, die durch Treibhausgase in der Atmosphäre zurückgehalten wird. Diese Wärme bleibt jedoch nicht einfach verborgen unter der Oberfläche. Wenn sich der Ozean erwärmt, verändern sich die Bedingungen, unter denen Stürme entstehen und sich verstärken. Ihnen steht mehr Energie und Feuchtigkeit zur Verfügung.
Doch die Sorge gilt nicht nur stärkeren Stürmen. Sie gilt auch dem, worauf diese Stürme heute treffen: marine Ökosysteme, die bereits durch wärmere Meere, marine Hitzewellen, Korallenbleiche, Verschmutzung, Überfischung und Lebensraumverlust geschwächt sind. In diesem Kontext ist ein Zyklon keine isolierte Störung, sondern ein weiterer Schock für Systeme, die ohnehin Mühe haben, sich zu erholen.
Die Hitzewelle in Europa, die Rückkehr von El Niño und die Schäden am Ningaloo Reef sind unterschiedliche Teile derselben Warnzeichen. Sie zeigen, wie überschüssige Wärme durch das Klimasystem wandert: in die Atmosphäre, in den Ozean, in Wetterextreme und in die Ökosysteme, von denen Menschen abhängig sind. Für die Südhalbkugel werden die kommenden Monate besondere Aufmerksamkeit erfordern, vor allem dort, wo warme Meere, Zyklonexposition und verletzliche marine Ökosysteme zusammentreffen.
Diese Zusammenhänge zu verstehen, ist wichtig. Denn auch wenn wir Stürme nicht daran hindern können, sich zu bilden, können wir die Bedingungen beeinflussen, die sie gefährlicher machen. Das bedeutet, Treibhausgasemissionen zu senken, geschützte Meeresgebiete zu schaffen und wirksam zu verwalten sowie die anderen Belastungen zu verringern, die wir dem Ozean zumuten. Je wärmer und geschädigter der Ozean wird, desto stärker verschieben wir die Wahrscheinlichkeit zugunsten stärkerer und zerstörerischerer Extreme.
