Als die Haie verschwanden – und eine Insel lernte, sie zu schätzen
Eine winzige Insel, ein verwaistes Ökosystem – und Menschen, die lernen, es wieder zu schützen. Was verloren schien, kehrt langsam zurück: Auch Haie sind allmählich wieder da. Die Geschichte der Isla de Aves zeigt, wie verletzlich unsere Meere sind – und wie viel möglich wird, wenn Wissen, Vertrauen und Kooperation zusammenfinden.
667 Kilometer vor der Küste Venezuelas ragt die Isla de Aves aus dem Meer – etwa 450 Meter lang, geformt von Wind und Wellen. Kaum zugänglich, frei von Tourismus und lediglich von einer kleinen Militärstation bewacht, wirkt das Gebiet nahezu unberührt. Gerade diese Abgeschiedenheit macht die Insel zu einem Schlüsselort für das Leben im Ozean.
Einst war sie ein sicherer Lebensraum für Jungtiere von Ammenhaien in ihrer sensiblen Entwicklungsphase. Forschende und Zeitzeugen berichten von zahlreichen Sichtungen sowie ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die sogar auf eine Form elterlicher Fürsorge hindeuten könnten – ein wissenschaftliches Rätsel, das bis heute nicht vollständig gelüftet ist. Doch als ein Forschungsteam des Centro para la Investigación de Tiburones (CIT, Zentrum für Haiforschung) die Insel erstmals systematisch untersuchte, waren keine Haie mehr zu beobachten.
Wenn Not zur Bedrohung wird
Was geschehen war, hängt eng mit der Realität vor Ort zusammen. In den Jahren zuvor hatte sich die wirtschaftliche Lage in Venezuela dramatisch verschlechtert. Auch die wenigen auf der Insel stationierten Militärangehörigen waren davon betroffen – kaum verfügbare Lebensmittel, unregelmässige Versorgung und fehlende Ausrüstung.
Ammenhaie wurden zur Nahrungsquelle: langsam, standorttreu und leicht zu fangen. So wurden vor allem Jungtiere aus den Riffen geholt. Innerhalb weniger Jahre verschwand eine ganze Population. Ein lokales Handeln mit weitreichenden Folgen: Denn gerade solche Aufwuchsgebiete sind entscheidend für das Überleben einer Art.
Der Wendepunkt beginnt mit Verständnis
Doch die Geschichte endet glücklicherweise nicht hier. Über mehrere Jahre arbeitete das CIT-Forschungsteam eng mit den Militärangehörigen zusammen – nicht mit Verboten, sondern mit Dialog. Sie vermittelten Wissen über die ökologische Rolle der Haie, zeigten alternative Fangmöglichkeiten auf und nahmen die Beteiligten mit ins Wasser, um die Tiere lebend zu erleben.
Diese Begegnungen veränderten die Perspektive. Gemeinsam wurde ein Fangverbot für Ammenhaie beschlossen – ein Schritt, der Vertrauen und gegenseitiges Verständnis erforderte. Und er zeigt Wirkung: Zunächst wurde ein Jungtier gesichtet, dann vier, heute sieben. Noch keine erwachsenen Tiere, aber ein klares Zeichen, dass sich das Ökosystem langsam erholt. Unterwasserkameras helfen inzwischen, diese Rückkehr zu dokumentieren – und vielleicht eines Tages auch das Rätsel der beobachteten Verhaltensweisen zu entschlüsseln.
Schutz, der bei den Menschen beginnt
Möglich wurde diese Entwicklung auch durch die Unterstützung von OceanCare, die das CIT in Venezuela seit 2017 gezielt stärkt. Dabei wird ein Ansatz verfolgt, der die Menschen vor Ort aktiv in den Artenschutz einbindet. Fischer werden zu Naturführern, ehemalige Haifänger zu Schutzakteuren. Programme wie Caribbean Sharks (Karibische Haie) vermitteln Wissen über Meeresökologie, Artenschutz und nachhaltige Nutzung – und eröffnen neue Einkommensperspektiven. Was früher durch den Fang eines Hais verdient wurde, lässt sich heute durch den Schutz lebender Tiere übertreffen.
Dank der langfristigen Unterstützung von OceanCare konnte CIT grosse Fortschritte erzielen: Die Walhai-Fischerei ist praktisch zum Erliegen gekommen, der Handel mit Haiflossen wurde stark reduziert. Drei Gebiete wurden als Important Shark and Ray Areas (ISRAs, Wichtige Gebiete für Haie und Rochen) identifiziert, und mit dem ersten umfassenden Haifisch-Fachbuch des Landes liegt nun eine zentrale wissenschaftliche Grundlage für den Schutz von Haien und Rochen vor. Trotz der schwierigen Lage in Venezuela setzt OceanCare die Unterstützung der Arbeit von CIT konsequent fort, damit Haie und Rochen wirksam geschützt werden.
Für die Menschen vor Ort hat sich ebenfalls viel verändert: «Früher haben wir alles gefangen, egal, wie gross es war. Heute nehmen wir Touristen mit aufs Meer hinaus, und wenn sie einen Hai sehen, ist die Begeisterung riesig. Ich hätte nie gedacht, dass uns das mehr Einkommen bringen könnte.» – Jaime Díaz, 52-jähriger Fischer, heute Naturführer
«Haie sind keine Monster, sondern ein wichtiger Teil des Gleichgewichts im Meer. Das haben wir gelernt, und jetzt bringen wir es unseren Kindern bei.» – José Luis Hernández, Freiwilliger im Programm Caribbean Sharks
Parallel dazu engagiert sich OceanCare für die Wiederherstellung von Mangroven, stärkt wissenschaftliche Grundlagen und bringt den Schutz von Haien und Rochen in internationale Umweltschutzprozesse ein. Die Zusammenarbeit mit CIT verbindet lokale Expertise mit globaler Wirkung.
Ein Hoffnungszeichen für die Meere
Die Rückkehr der Ammenhaie auf der Isla de Aves ist mehr als eine Erfolgsgeschichte. Sie zeigt, wie schnell Natur aus dem Gleichgewicht geraten kann – und wie viel möglich wird, wenn Menschen Teil der Lösung werden. Manchmal beginnt der Schutz eines Ökosystems mit etwas ganz Einfachem: dem Entschluss, es zu verstehen – und zu bewahren.
Die Rückkehr der Haie zeigt, was möglich wird, wenn Schutz, Wissen und Zusammenarbeit ineinandergreifen. OceanCare engagiert sich gemeinsam mit Partnern wie dem CIT für den Schutz von Haien, die Stärkung lokaler Gemeinschaften und den Erhalt mariner Ökosysteme. Hilf uns, diese Arbeit fortzuführen. Mit deiner Unterstützung ermöglichst du Forschung, konkrete Schutzmassnahmen und nachhaltige Perspektiven vor Ort – und trägst dazu bei, dass Erfolgsgeschichten wie auf der Isla de Aves keine Ausnahme bleiben.
