Nicolas EntrupLeiter Internationale Zusammenarbeit
27 Jahre internationaler Ozeanverhandlungen haben mich vieles gelehrt.
Ein Appell an jene, die Reden schreiben und jene, die sie halten
Meine erste internationale Konferenz im Rahmen der Vereinten Nationen besuchte ich im Jahr 2000 in Nairobi. Die Zahl der internationalen Verhandlungen zum Schutz der Meere, an denen ich seitdem teilgenommen habe, lässt sich kaum mehr zählen – sie übersteigt mit Sicherheit 30, technische, beratende und wissenschaftliche Gremien noch nicht eingerechnet. All diese Treffen waren wichtig, sie mündeten in Verhandlungen und politische Entscheidungen. Und ja, in all diesen Jahren wurden durchaus bemerkenswerte Beschlüsse gefasst und Erfolge erzielt. Aber … diese Reflexion, der folgende Appell, handelt nicht davon, Treffen zu zählen oder Erfolge zu dokumentieren. Es geht um etwas anderes. Diese Zeilen widmen sich einer Beobachtung, die vielen nicht neu ist und die ich dennoch öffentlich ansprechen musste.
Bevor ich zum Kern komme: Einigen wir uns darauf, gestützt auf Wissenschaft und eigene Erfahrung, dass die Ozeane in einem besorgniserregenden Zustand sind. Die dreifache planetare Krise – Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Meeresverschmutzung – ist offensichtlich und dringend. Neu oder überraschend ist dies nicht. Der Rückgang und die Zerstörung mariner Ökosysteme sind gut dokumentiert, ebenso der Zustand unzähliger Arten und Lebensräume. Wir zählen, beobachten und dokumentieren den Rückgang von Arten, Populationen und sozialen Einheiten, wir sehen Tiere in Not und Leid – ob Meeressäuger, Fische oder andere Arten. Es ist eine Situation von ernsthafter Besorgnis, und wir wissen das seit Jahren.
Gleichzeitig wissen wir aber auch, was getan werden kann und muss, um die Situation zu verbessern und diesen Prognosen entgegenzuwirken. Und ja, in vielen Bereichen werden Fortschritte erzielt, doch die Gesamtprognose bleibt beunruhigend.
Und deshalb dieser Appell.
Ein „Eintscheidungsträger oder Entscheidungsträgerin“, ein „politischer Entscheidungsträger oder politische Entscheidungsträgerin“, ist eine Person, die an Entscheidungsprozessen beteiligt ist – auf unterschiedlichen Ebenen. Gehen wir davon aus, dass ich hier von der Ministerebene spreche: Menschen, die ein Land vertreten, die Richtung und Position verantworten und letztlich Entscheidungen über politische Massnahmen treffen. Ja, auch solche, die direkte Konsequenzen für die Ozeane und dessen Bewohner haben. Es sind Menschen mit der tatsächlichen Macht, politische Rahmenbedingungen zu definieren, Schutzmassnahmen festzulegen und deren Umsetzung sicherzustellen.
Es sind nun 27 Jahre. Und es gibt einen Satz, der nicht gleichzeitig wahrer und falscher sein könnte und der mich wirklich nun etwas auf die Palme bringt. Es ist jener Satz, der zur Standardfloskel geworden ist, ähnlich dem amerikanischen „how are you?“ – gesagt ohne jedes Interesse daran, wie es dem Gegenüber wirklich geht, einfach als Gruss. Es ist der Satz, der zum nahezu unersetzlichen, unverrückbaren Betonklotz wurde, zum Inbegriff jedes Redeabschlusses eines Ministers, einer Ministerin, eines politischen Entscheidungsträgers oder einer Entscheidungsträgerin – besonders wenn es um Umweltverhandlungen, Konferenzen und Sitzungen geht. Die „Liebesaffäre“ aller Verfassern von Reden, ob mit KI oder inspiriert von … womit eigentlich, genau?
Was man am Ende einer zwei-, fünf- oder zehnminütigen Wortmeldung oder einer 15-minütigen Keynote hört, nachdem der Entscheidungsträgers oder die Entscheidungsträgerin den beklagenswerten Zustand des verhandelten Themas in Worte gefasst haben, ist:
„The Time to act is now!"
Stimmen Sie zu? Stimme ich zu? … Oh ja. Aber ehrlich gesagt: Wenn ich auf diese Frage antworten soll, spüre ich nur noch Leere. Der Satz ist leer. Er ist ausgehöhlt, abgenutzt, seines Sinns beraubt und von jenen, die ihn unaufhörlich wiederholen. Sie haben ihn gehört. Ich habe ihn gehört. Seit 27 Jahren.
Doch allzu oft – viel zu oft – war es reines Lippenbekenntnis, statt eine Ankündigung, der konkrete Massnahmen jener folgen, die es könnten. Die es sollten. Die es müssten.
Bedeutungsvolle Worte, die jedoch ihre Bedeutung verloren haben. Starke, wichtige Worte, missbraucht bis zur Bedeutungslosigkeit, weil jene, die sie verwenden, sie nie mit Leben gefüllt haben. Ein Satz, der in dem Moment verblasst, in dem er ausgesprochen wird. Die Ministerin, der Minister verlässt den Saal. Das nächste Treffen wartet. Die Art, oder das Ökosystem, das die Anwesenden gerade noch emotional berührt hat, wird einfach zurück gelassen. Allein. Und mit ihm das Publikum, dem es nicht gleichgültig ist. Das sich sorgt, um ihre und um unsere Zukunft.
Liebe Redenschreiber und Redenschreiberinnen, bitte tun Sie mir einen Gefallen: Hören Sie auf, diese so wichtige Formulierung zu missbrauchen und zu überstrapazieren. Streichen Sie sie aus Ihren Redemanuskripten. Unterstützen Sie jene, die verhandeln und Entscheidungen treffen, die den zukünftigen Rahmen für Meeresschutz und Meerespolitik definieren, indem Sie Reden mit einem ehrlichen Ansatz schreiben.
Liebe Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen, bitte verzichten Sie auf inhaltsleere Rhetorik. Besinnen Sie sich auf Ihre Verantwortung: auf die Pflichten, die mit dem Amt verbunden sind, zu dem Sie gewählt oder berufen wurden, ganz im Sinne des Gemeinwohls. Reflektieren Sie offen und ehrlich über den Zustand der Ozeane und die Schwierigkeiten, die echten Wandel verhindern. Benennen Sie Versagen. Sagen Sie die Wahrheit, nennen Sie die Fakten, identifizieren Sie die Ursachen für Rückgang, Zerstörung und Bedrohung – ihre Quellen – und legen Sie konkret dar, was Sie zu tun gedenken und bis wann.
Das Systemversagen ist offensichtlich und die dreifache planetare Krise ist sein Beweis.
Und ja: „The time to act“ ist der Moment, in dem ein klares Verständnis der Lage besteht und im Zweifel gilt es, nach dem Vorsorgeprinzip zu handeln. In vielen Fällen ist der ideale Zeitpunkt zum Handeln längst verstrichen. Aber natürlich müssen wir jetzt sofort aktiv werden. Wenn Sie diese Worte also aussprechen, dann benennen Sie auch die konkreten Massnahmen, die Sie jetzt ergreifen. Zum Schutz mariner Ökosysteme und Arten und um ihre Erholung zu ermöglichen. Wenn Sie es jetzt tun, gut. Aber tun Sie es und berichten Sie über die Ergebnisse, sobald Sie wirklich gehandelt haben.
