Hitzerekorde: Warum das Mittelmeer einen regionalen Klimaschutzplan braucht
- Rekordtemperatur im Meer: 33,02 °C vor Mallorca, gemessen am 5. August 2026. Laut dem spanischen Wetterdienst AEMET der höchste je in spanischen Gewässern erfasste Wert. Im westlichen Mittelmeer liegen die Wassertemperaturen derzeit rund 4 °C über dem langjährigen Mittel.
- CO2-Budget geht zur Neige: Bleiben die Treibhausgasemissionen auf dem Stand von 2023, hat die Mittelmeerregion ihr gesamtes verbleibendes CO2-Budget bis 2035 aufgebraucht. Danach müssten die Emissionen von 2030 bis 2050 jedes Jahr um 6 Prozent sinken, um das 2-Grad-Ziel noch einzuhalten.
- Ohne Alternative: OceanCare fordert die Vertragsparteien der Barcelona-Konvention auf, einen regionalen Klimaschutzplan auf Grundlage eines gemeinsamen CO2-Budgets zu entwickeln, die nationalen Reduktionsziele dringend anzuheben und die Ausweitung fossiler Förderung zu stoppen.
Dieser Sommer bringt Europa extreme Hitze und Dürre. Rund eine halbe Million Hektar Wald sind seit Januar in der EU verbrannt, während in vielen Ländern Temperaturrekorde reihenweise fielen. Und unter der Wasseroberfläche brennt ein zweites Feuer.
Am 5. August registrierte eine Messboje vor Mallorca in drei Metern Tiefe 33,02 °C. Laut dem spanischen Wetterdienst AEMET ist das die höchste jemals in spanischen Gewässern gemessene Temperatur. Es blieb nicht bei diesem einen Rekord: Copernicus bestätigte, dass der Juli im westlichen Mittelmeer und darüber hinaus Rekordwerte für die Meerestemperaturen brachte. Da das Mittelmeer seinen jährlichen Höchstwert üblicherweise erst Ende August oder Anfang September erreicht, dürften weitere Rekorde folgen.
Der Sommer geht zu Ende, die klimatische Entwicklung des Mittelmeers ändert sich damit nicht: Bleiben die Emissionen auf dem Niveau von 2023, ist das verbleibende CO2-Budget der Region 2035 aufgebraucht. Zu spät zum Handeln ist es dennoch nie, und jedes Zehntelgrad zählt. OceanCare fordert die Vertragsparteien der Barcelona-Konvention deshalb auf, einen regionalen Klimaschutzplan für das Mittelmeer zu entwickeln: einen Fahrplan, der die Ursache dieser Hitze angeht und auf die Senkung der Treibhausgasemissionen zielt, statt nur ihre Folgen zu verwalten.
Ein Hotspot in einer sich erhitzenden Welt
Das Mittelmeer hat sich in den vergangenen vierzig Jahren um rund 1,5 °C erwärmt, wobei sich der Trend im letzten Jahrzehnt beschleunigt hat. Damit erwärmt sich keine Region der Erde schneller, abgesehen von der Arktis.
Es geht dabei nicht um bloße Unannehmlichkeiten, weder für die Meereslebewesen noch für die Menschen, die von ihnen abhängen. Die anhaltende Hitze hat im Mittelmeer bereits Massensterben bei etwa 25 wirbellosen Arten ausgelöst, von Gorgonien über Schwämme bis zu Muscheln. Arten aus wärmeren Gewässern wandern ein, heimische werden verdrängt, und die Seegraswiesen, die Kohlenstoff speichern und Jungfischen Schutz bieten, stehen unter dauerhaftem Stress. Mit jedem Grad sinkt zudem die Fähigkeit des Wassers, Sauerstoff zu binden.
„Eine Hitzewelle im Meer ist kein warmer Badetag. Sie entsteht durch Wärme, die sich über Wochen im Meer sammelt, bis in die Tiefe, und die oft noch lange anhält, wenn die Lufttemperaturen längst gefallen sind. Ein Rekord Anfang August, Wochen bevor das Mittelmeer üblicherweise seinen Jahreshöchstwert erreicht, ist besonders besorgniserregend. Diese gespeicherte Wärme kann im Herbst zudem zu heftigeren Niederschlägen beitragen, sobald kältere Luft heranzieht„, sagt Carlos Bravo, Ocean Policy Specialist bei OceanCare.
Stürme, Brände und ein Meer, das beides befeuert
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben belegt, dass das Mittelmeertief hinter den Überschwemmungen in Valencia im Oktober 2024, bei denen 236 Menschen ums Leben kamen, durch Meeresoberflächentemperaturen von 2 bis 3 °C über dem Mittel der Jahre 1982 bis 2011 angetrieben wurde. Sturm Daniel, der Libyen im September 2023 verwüstete, folgte derselben Physik.
Eine aktuelle Analyse der Forschungskooperation World Weather Attribution (WWA) zeigt, dass der menschengemachte Klimawandel die aussergewöhnlichen Waldbrände im Juli 2026 befeuert hat: durch Trockenheit und die extreme Hitze. Solche brandfördernden Bedingungen treten mit der Erderwärmung in Westeuropa immer häufiger und intensiver auf.
In diesem Jahr hat sich zudem ein El Niño-Phänomen etabliert. Es verstärkt sich weiter, was dem System zusätzliche Grundwärme zuführen dürfte. Das Wetterphänomen verschärft die bestehende Krise, erklärt aber nicht ein Mittelmeer, das sich seit vier Jahrzehnten stetig erwärmt. Emissionen aus fossilen Brennstoffen tun das.
Das Mittelmeer hat einen Anpassungs-, aber keinen Klimaschutzplan
Untätig waren die Mittelmeeranrainerstaaten nicht. Die COP24 der Barcelona-Konvention in Kairo verabschiedete einen regionalen Rahmen zur Klimaanpassung sowie die Mittelmeerstrategie für nachhaltige Entwicklung 2026 bis 2035. Ein neues Regionales Aktivitätszentrum für Klimawandel (CC/RAC) mit Sitz in der Türkei nahm seine Arbeit auf. Die EU hat ihren Pakt für das Mittelmeer vorgelegt.
„Sich auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten, ist unerlässlich. Aber Regierungen können sich aus einer eskalierenden Klimakrise nicht heraus anpassen. Je weiter die Erwärmung fortschreitet, desto schwieriger und teurer wird die Anpassung. Ohne rasche Emissionsminderung verwalten wir zunehmend Verluste, statt sie zu verhindern. Treibhausgase zu senken bleibt der wirksamste Weg, Menschen, Volkswirtschaften und die natürlichen Systeme zu schützen, auf die wir angewiesen sind“, ergänzt Bravo.
Eine vom Basque Centre for Climate Change (BC3) im Auftrag von OceanCare erstellte Studie beziffert, was dieses Versäumnis kostet. Auf dem Stand von 2023 gehalten, würden die Treibhausgasemissionen das gesamte verbleibende CO2-Budget der Region bis 2035 aufbrauchen. Danach müssten die Emissionen von 2030 bis 2050 jedes Jahr um rund 6 Prozent sinken, allein um innerhalb der 2-Grad-Grenze zu bleiben. Kein einziges Land der Region reduziert derzeit auch nur annähernd in diesem Tempo.
Zugleich zahlt die Region dafür, das Problem zu verschärfen. Viele Mittelmeerstaaten subventionieren fossile Energieträger nach wie vor mit öffentlichen Mitteln. 76 Prozent der in der Region verbrauchten Energie stammen aus fossilen Quellen. Und noch immer suchen einige Anrainerstaaten nach neuen fossilen Vorkommen im Meeresboden oder lockern sogar ihre Gesetze, um Öl- und Gasexploration zu erleichtern, wie etwa Italien.
Der Plan, den das Mittelmeer noch nicht hat
OceanCare fordert die Vertragsparteien auf, einen regionalen Klimaschutzplan für das Mittelmeer (Regional Mitigation Action Plan on Climate Change) zu entwickeln, ausgerichtet am verbleibenden CO2-Budget der Region und abgesichert durch verbindliche Protokolle. Er ruht auf drei Verpflichtungen:
- Ein gemeinsames CO2-Budget vereinbaren: Die Vertragsparteien sollten festlegen, wie viel CO2 das Mittelmeer bis 2050 im Einklang mit dem Pariser Abkommen noch ausstossen darf und wie dieses Budget unter ihnen aufgeteilt wird.
- Emissionen jetzt senken: Jede heute vermiedene Tonne flacht die nahezu senkrechte Kurve ab, die der Region andernfalls bevorsteht.
- Keine Ausweitung fossiler Förderung im Mittelmeer: keine neue Exploration, keine neue Förderung, keine neuen Exportkapazitäten. Die regionalen Anstrengungen im Rahmen der Barcelona-Konvention müssen vollständig mit den Zielen des Pariser Abkommens im Einklang stehen.
„21 Länder und die EU haben sich darauf verständigt, wie sie mit der Klimakrise leben wollen. Nicht darauf, sie nicht länger anzuheizen. Fast jeder Rahmen, der in dieser Region in den vergangenen Jahren beschlossen wurde, dreht sich um Anpassung. Diese Staaten teilen sich ein Meer, und keiner von ihnen kann es allein abkühlen. Was fehlt, ist weder die Wissenschaft noch das Forum. Es ist die Entscheidung, gemeinsam zu handeln“, sagt Nicolas Entrup, Leiter Internationale Beziehungen bei OceanCare.
Rund 540 Millionen Menschen leben in der Mittelmeerregion, etwa ein Drittel davon an der Küste. Dasselbe Meer, das vor Mallorca derzeit 33 °C erreicht, trägt Fischerei, Tourismus und Küstengemeinden rund um das Mittelmeer. Die Temperaturrekorde sind keine regionale Kuriosität, sondern Vorboten. Wenn wir nicht handeln, werden die Rekorde künftig noch schneller fallen – und diese Extreme zur neuen Normalität.
Weitere Informationen
- Román, M. V. et al. (2025). Remaining Carbon Budget Allocation to Mediterranean Countries. Basque Centre for Climate Change (BC3) im Auftrag von OceanCare, 66 S.
- Factsheet zum Bericht, erstellt für die COP24
- OceanCare zum Bericht über das CO2-Budget
- OceanCare zum Regionalen Aktivitätszentrum für Klimawandel, beschlossen auf der COP24
- Copernicus Marine Service, Zeitreihe und Trend der Meeresoberflächentemperatur im Mittelmeer
- SOCIB Jahresbericht 2025
- RTVE zum Rekordwert von Sa Dragonera
