Olivia ZollingerCOO OceanCare
Wer Meeressäuger schützen möchte, muss nicht Meeresbiologie studiert haben. Es genügt, Zeit, Aufmerksamkeit und Begeisterung einzubringen.
Eine Woche im Dienst der Wissenschaft: Mitforschen im Pelagos-Schutzgebiet
Anfang Juni hatte ich die Gelegenheit, zusammen mit unserer italienischen Partnerorganisation, dem Tethys Research Institute, eine Woche im Pelagos-Schutzgebiet zu verbringen. Das Pelagos-Schutzgebiet, das grösste Meeresschutzgebiet für Meeressäugetiere im Mittelmeer, liegt zwischen Italien, Frankreich und Monaco. Was als Forschungsexpedition begann, entwickelte sich zu einem tief bewegenden Erlebnis rund um Wissenschaft, Gemeinschaft und die Schönheit unseres blauen Planeten.
Das Tethys Research Institute erforscht seit 40 Jahren die Meeressäugetiere des Mittelmeers. Für OceanCare ist die Organisation eine unserer wichtigsten strategischen Partnerorganisationen, mit der wir seit über zwei Jahrzehnten eng zusammenarbeiten. Die Organisation hat einen der bedeutendsten Datensätze zum Vorkommen von Walen und Delfinen in der Region aufgebaut und dokumentiert acht regelmässig vorkommende Arten innerhalb des Pelagos-Schutzgebiets, das eine Fläche von rund 87’500 Quadratkilometern umfasst. Diese Langzeitdaten sind von unschätzbarem Wert. Sie helfen dabei, Schutzmassnahmen zu entwickeln, Bedrohungen zu identifizieren und eine wissenschaftliche Grundlage für politische Entscheidungen zu schaffen. Ermöglicht wird diese Forschung auch durch Citizen Science: Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichem Vorwissen nehmen an Expeditionen teil, helfen bei der Datenerhebung und leisten so einen direkten Beitrag zum Schutz der Ozeane.
OceanCare und Tethys verbindet eine langjährige Partnerschaft und eine gemeinsame Vision. Meeressäugetiere brauchen unseren Schutz, und ein wirksamer Meeresschutz erfordert fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse. Ebenso wichtig ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in politische Prozesse einfliessen zu lassen und daraus konkrete Schutzmassnahmen abzuleiten, die für das Leben im Meer einen echten Unterschied bewirken.
Ein schwimmendes Zuhause
Nach einer Zugfahrt über Mailand und Genua kommen wir in Ligurien an, um uns dem Cetacean Sanctuary Research-Projekt anzuschliessen. Für die nächsten Tage wird ein Segelschiff unser Zuhause sein.
Zunächst wirken die Kabinen und der Stauraum klein. Bis zu elf Amateurforscher werden während der Expedition an Bord leben und sich fünf Kabinen mit vier Wissenschaftlern und dem Skipper teilen. Doch schon nach wenigen Stunden scheint alles seinen Platz gefunden zu haben.
Von Anfang weg fällt mir auf, wie konsequent Nachhaltigkeit gelebt wird. Der Abfall wird sortiert, Wasser wird aus dem Schiffstank in die eigenen Trinkflaschen abgefüllt, und mit den Ressourcen wird achtsam umgegangen. Viele Dinge, die an Land selbstverständlich erscheinen, bekommen auf See eine neue Bedeutung.
Die Menschen an Bord könnten unterschiedlicher kaum sein. Hier kommen Menschen aus Österreich, Deutschland, Italien, Dänemark, dem Vereinigten Königreich, den USA und der Schweiz zusammen. Der jüngste Teilnehmer ist noch minderjährig; andere befinden sich in der Blüte ihres Berufslebens, während wieder andere bereits ihren Ruhestand geniessen. Ihre beruflichen Hintergründe reichen von Meeresbiologie und Naturschutz bis hin zur Pharmaindustrie und zahlreichen anderen Bereichen.
Was uns alle verbindet, ist die Faszination für das Meer und der Wunsch, dazuzulernen und einen konkreten Beitrag zu dessen Schutz zu leisten. Schon bei der allerersten Einweisung macht der Forschungsleiter eines klar: Wir sind keine Passagiere. Wir sind eine Crew.
Es ist wunderbar zu sehen, wie schnell aus Fremden eine Gemeinschaft wird. Das Zusammenleben auf engstem Raum, gemeinsame Beobachtungen, gemeinsame Mahlzeiten und die geteilte Begeisterung über jede Sichtung schaffen im Handumdrehen eine besondere Verbundenheit. Wenn ein Crewmitglied an Bord Geburtstag hat, zaubert die Crew heimlich ein Tiramisu als Überraschung. Wir feiern gemeinsam. Ein kleiner, aber besonderer Moment , der zeigt, dass Citizen Science nicht nur von Daten und Forschung lebt, sondern auch von Menschlichkeit, Gemeinschaft und Erinnerungen, die noch lange nach Ende der Reise anhalten.
Bürgerwissenschaft zum Mitmachen
Jeder übernimmt eine Aufgabe. Es gibt Küchen- und Putzdienst, Sicherheitsunterweisungen und klare Abläufe. Vor allem aber sind die Teilnehmenden aktiv in die Forschung eingebunden. Sie wechseln sich bei der Wache am Ausguck ab, dokumentieren Sichtungen, helfen bei der Datenerhebung und lernen, wie Forscher Meeressäugetiere identifizieren und verfolgen. Die Forschung wird nicht für die Teilnehmenden, sondern mit ihnen durchgeführt.
Beim gemeinsamen Nachtessen spricht die Forschungsleiterin über die Herausforderungen, denen sich das Pelagos-Schutzgebiet gegenübersieht. Die Schifffahrtsrouten haben sich kürzlich erneut geändert; es verkehrt mehr Schiffsverkehr in Richtung Genua, und der Druck auf Teile des Schutzgebiets hat wieder zugenommen. Kollisionen mit Walen, Unterwasserlärm und andere Störungen stellen grosse Herausforderungen dar.
Mit beeindruckender Leidenschaft erklärt sie Zusammenhänge, die weit über biologische Fakten hinausgehen. In jedem Satz spürt man jahrzehntelange Erfahrung und zugleich eine Begeisterung, die direkt aus dem Herzen kommt.
Der erste Pottwal
Am nächsten Morgen springt der Motor an. Wir müssen schnell losfahren; für den Nachmittag ist schlechtes Wetter vorhergesagt. Die Crew ist aufgeregt und voller Vorfreude. Mir wird die Ehre zuteil, die erste Wache auf dem Ausguck zu übernehmen. Das Rauschen der Wellen, die salzige Luft, das Schaukeln des Schiffes: Was für ein Privileg!
Es dauert nicht lange, bis wir eine Gruppe von rund zwanzig Streifendelfinen entdecken. Unsere Aufgabe: nach Kälbern Ausschau zu halten und unsere Beobachtungen zu dokumentieren. Während wir die Tiere beobachten, hören wir plötzlich charakteristische Klickgeräusche über das Hydrofon.
Ein Pottwal. Alle Blicke richten sich auf das Meer. Die Forscher erklären uns, wie man die Tauchzeiten abschätzen kann, wie sich die Tiere orientieren und wann wir ungefähr damit rechnen können, dass sie wieder auftauchen. Dann ist es soweit. Ein Blas.
Kurze Zeit später taucht der Rücken eines riesigen Pottwals an der Oberfläche auf. Die Forscher erkennen ihn sofort: Bric, ein etwa 30-jähriges Männchen. «Wir haben Bric an den weissen Flecken auf seinem Rücken unterhalb der Rückenflosse und an den Kratzspuren erkannt. Wir haben ihn erstmals 2011 gesichtet», erklärt einer der Forscher. Anhand der charakteristischen Klickgeräusche, die vom Hydrofon aufgezeichnet wurden, schätzen sie seine Länge auf etwa 13 Meter.
Nach einem Tauchgang in Tiefen von bis zu 1’000 Metern ruht er sich einige Minuten an der Oberfläche aus, bevor er mit seiner mächtigen Schwanzflosse und seinem charakteristischen Trompetenlaut wieder in die Tiefe verschwindet.
Was für eine Begegnung!
Wenn das Meer die Regeln bestimmt
Nicht an jedem Tag gibt es Sichtungen. An manchen Tagen verhindern Wind und hohe Wellen die Forschung. Seekrankheit wird zum Gesprächsthema. Joghurt und Kuhmilch werden vorsichtshalber vom Morgenbuffet entfernt. Sicherheit geht immer vor. Wir besuchen Bordighera und erfahren mehr über die im Pelagos-Schutzgebiet lebenden Meeressäugetiere. Die berühmten Jacaranda-Bäume und die leuchtenden Bougainvillea-Blüten prägen die Landschaft der ligurischen Küste. Beeindruckend ist auch zu sehen, wie Tethys ihr Wissen mit der lokalen Bevölkerung teilt. Bildung und Sensibilisierung stehen im Mittelpunkt der Naturschutzbemühungen.
An einem weiteren stürmischen Tag führt uns unsere Route ins Valle Argentina. Vorbei an Badalucco und Montalto erreichen wir den Fiume Argentina, dessen Tal vor Millionen von Jahren noch unter dem Meeresspiegel lag. Inmitten steiler Felswände, klaren Wassers und üppiger Vegetation wird deutlich, wie eng Land und Meer geologisch miteinander verbunden sind. Selbst diese Stunden abseits der Forschung bieten wertvolle Einblicke in die Naturgeschichte der Region und ermöglichen es uns, die Landschaft rund um das Pelagos-Schutzgebiet mit neuen Augen zu betrachten.
Ein Rätsel auf hoher See
Am letzten Tag der Expedition erwartet uns ein weiterer besonderer Moment. Wir begegnen einem Finnwal, die zweitgrösste Tierart unseres Planeten. Wir folgen dem Tier mehrmals, während es an die Oberfläche kommt. Dann nähert sich ein riesiges Frachtschiff.
Plötzlich wird die Begegnung zu einem nervenaufreibenden Moment. Alle beobachten die Situation mit angehaltenem Atem. Wird es zu einer gefährlichen Nahbegegnung kommen? Sofort kommen Erinnerungen an die vielen dokumentierten Fälle von Schiffskollisionen mit Grzwalen im Mittelmeer in den Sinn. Es scheint, als habe es keine Kollision gegeben. Nachdem das Schiff vorbeigefahren war, konnten wir den Wal wieder entdecken. Doch dieser Moment macht deutlich, wie real diese Gefahr ist und warum Schutzmassnahmen zur Vermeidung von Kollisionen so wichtig sind. Genau solche Erkenntnisse fliessen dank langfristiger Forschung in konkrete Naturschutzprojekte, internationale Abkommen und politische Lösungen ein. Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie eng Wissenschaft, Naturschutz und Politik miteinander verflochten sind.
Später entdecken wir weitere Streifendelfine, darunter eine Mutter mit ihrem Kalb. Ein berauschender Abschluss einer aussergewöhnlichen Woche.
Die Wissenschaft braucht Menschen
Als wir am Sonntag unsere Sachen zusammenpacken, bleiben vor allem zwei Gefühle zurück: Dankbarkeit und Hoffnung.
Dankbarkeit für das ausserordentlich engagierte Team von Tethys, das mit Professionalität, Herzlichkeit und Leidenschaft arbeitet. Dankbarkeit für die Begegnungen mit einem Pottwal, einem Finnwal und Dutzenden von Streifendelfinen. Aber auch Dankbarkeit für die Menschen an Bord, die innerhalb weniger Tage zu einer eng verbundenen, Gemeinschaft zusammengewachsen sind und diese Reise mit ihrer Neugier, Offenheit und Begeisterung geprägt haben.
Und Hoffnung. Denn diese Woche hat gezeigt, dass Meeresschutz keine abstrakte Idee ist. Er wird von Menschen verwirklicht, die Verantwortung übernehmen, Wissen teilen und gemeinsam handeln. Bürgerwissenschaft macht genau das möglich. Ohne das Engagement von Freiwilligen wären viele Expeditionen, Datenerhebungsprojekte und Langzeitbeobachtungen in diesem Umfang nicht möglich. Man muss keine Meeresbiologie studiert haben, um Meeressäugetiere schützen zu wollen. Alles, was es braucht, ist Zeit, Aufmerksamkeit und Begeisterung.
Manchmal beginnt der Meeresschutz mit einer Beobachtung vom Ausguck eines Forschungsschiffs aus. Und manchmal ist es genau diese Beobachtung, die unsere Sicht auf die Welt verändert.
Enge Zusammenarbeit zwischen Tethys und OceanCare
Tethys und OceanCare arbeiten eng zusammen, um das Risiko von Schiff-Wal-Kollisionen und Unterwasserlärm im Pelagos-Wal-Schutzgebiet zu verringern. Gemeinsam sind wir Teil des neu gegründeten Pelagos-Konsortiums, das darauf abzielt, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Politikgestaltung einfliessen zu lassen und messbare Schutzmassnahmen zu sichern.
An anderer Stelle, im Ionischen Meer in Griechenland, unterstützt OceanCare seit über 20 Jahren das Ionian Dolphin Project (IDP) von Tethys bei der Erforschung und dem Schutz von Grossen Tümmlern und Gewöhnlichen Tümmlern in drei Natura-2000-Gebieten im Ionischen Meer. Auch du kannst dich an dieser Forschung beteiligen.





