Story

Leben auf Kollisionskurs

06. Januar 2026

Er hat den Walfang überlebt und den Wandel der Meere miterlebt. Vor siebzig Jahren kam ein Pottwal im Atlantik zur Welt – zu einer Zeit, als der Ozean noch unberührter war. Heute durchkreuzen Frachter, Tanker und Fähren sein Zuhause. Jede Begegnung kann tödlich enden.

Die Geschichten der Wale erzählen vom Aufstieg des Menschen und vom Preis des Fortschritts. Sie erinnern daran, dass Schutz möglich ist, wenn wir handeln. OceanCare setzt sich mit Forschung und Verhandlungsgeschick entschlossen dafür ein, dass die Riesen der Meere sicherer leben können.

Der Anfang einer langen Reise

1956, vor Teneriffa: Ein junger Pottwal erblickt das Licht der Welt. Eine Tonne schwer beginnt er sein Leben in einer vergleichsweise stillen Unterwasserwelt. Zehn Jahre lang bleibt er bei seiner Mutter, lernt jagen und tauchen. Als er sich schliesslich allein aufmacht, zieht er in die kalten Gewässer der Barentssee, wo er zum mächtigen Bullen heranwächst.

In den 1970er-Jahren schliesst er sich anderen Männchen an, die den Nordatlantik durchstreifen. Der Ozean scheint grenzenlos – bis sich am Horizont eine neue Ära abzeichnet.

Vom Walfang zur Frachtschifffahrt

1986 bringt eine historische Wende. Das internationale Walfangverbot rettet den meisten Grosswalen das Leben. Auch unser Pottwal entgeht den Harpunen und pendelt nun zwischen kalten Jagdgebieten und warmen Paarungsgewässern. Doch mit der modernen Schifffahrt bahnt sich eine neue Gefahr an.

Immer grössere, schnellere und lautere Schiffe sind auf den Meeren unterwegs. Fast 100 000 Schiffe fahren heute pausenlos auf See. Während Pottwale mit rund 1,5 Knoten sehr langsam schwimmen, erreichen viele Schiffe 20 Knoten und mehr. Kommt es zum Kollisionskurs, haben die Wale wenig Chance, rechtzeitig auszuweichen. Im Mittelmeer ist diese Gefahr allgegenwärtig: Rund 30 000 Schiffe durchqueren jedes Jahr den Hellenischen Graben, das Kerngebiet einer kleinen, stark gefährdeten Pottwal-Population.

2001 wird unser Pottwal im Atlantik getroffen: Ein Schiffspropeller verletzt ihn schwer. Er überlebt die Kollision, doch jeder Atemzug an der Wasseroberfläche bleibt gefährlich.

Bedrohte Weggefährten

Damit ist er nicht allein. Auch andere Riesen teilen sein Schicksal. Vor der Südküste Sri Lankas lebt ganzjährig eine Blauwalpopulation in Gewässern, durch die eine der wichtigsten Handelsrouten zwischen Asien und Europa verläuft. Jährlich sterben – so eine wissenschaftliche Schätzung – in dieser Region 30 bis 60 stark gefährdete Blauwale durch Kollisionen.

Im nordwestlichen Mittelmeer sind Finnwale und Pottwale gefährdet, deren Habitate von Hochgeschwindigkeitsfähren durchkreuzt werden. Fahren Schiffe schneller als 10 Knoten, steigt das Risiko tödlicher Zusammenstösse deutlich.

Engagement für sichere Meere

OceanCare arbeitet dafür, dass Wale sicher durch ihre Lebensräume ziehen können. Die Organisation unterstützt wissenschaftliche Projekte, die Walhabitate kartieren und deren Nutzung durch Schiffe dokumentieren. Diese Daten bilden die Grundlage für Gespräche mit Reedereien.

Oberste Priorität für OceanCare hat die Umfahrung von Walgebieten. Wo dies nicht möglich ist, fordert die Organisation eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 10 Knoten und setzt auf Innovation: Das Frühwarnsystem SaveMoby erkennt Pottwale an ihren Klicklauten und warnt Schiffe in Echtzeit, damit sie rechtzeitig abbremsen können. Mit der griechischen Regierung soll das System bis 2028 in Hochrisikogebieten wie der Strasse von Kythira umgesetzt werden.

Gemeinsam Verantwortung übernehmen

«Kein Schiffskapitän möchte einen Wal rammen», sagt Nicolas Entrup von OceanCare. Er betont: Walschutz und Wirtschaft sind keine Gegensätze. «Weniger Tempo bedeutet weniger CO₂-Emissionen, weniger Treibstoffkosten, weniger Unterwasserlärm – und weniger tote Wale.»

Einige Reedereien haben Routen bereits angepasst und das Tempo freiwillig reduziert. Damit sank das Kollisionsrisiko für Pottwale im östlichen Mittelmeer um mindestens 30 Prozent. OceanCare fordert nun verbindliche Tempolimits in Walgebieten.

Sein letzter Aufstieg

2025: Ein letztes Mal kommt der alte Pottwal an die Oberfläche, um Luft zu holen. Nach einem langen Leben schliesst er die Augen und sinkt in die Tiefe. Der Ozean, den er siebzig Jahre bewohnte, ist lauter geworden und wird intensiv befahren.

Zurück bleibt die Hoffnung, dass wir Menschen die Not der Wale verstehen. Und die Mahnung, dass der Schutz dieser Tiere keine Kür, sondern unsere Pflicht ist.

Begleiten Sie die Wale in eine sichere Zukunft

OceanCare engagiert sich weltweit für den Schutz der Wale. Ihre Patenschaft hilft, Kollisionen zu verhindern und Lebensräume zu schützen.

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