Hälfte der Korallenriffe der Welt ist gebleicht – und die Krise verschärft sich weiter
Mehr als die Hälfte der Korallenriffe weltweit ist bereits von Bleiche betroffen und die Situation verschärft sich immer noch weiter. Eine neue globale Studie zeigt das Ausmass der Krise und macht deutlich, wie schnell klimabedingte marine Hitzewellen Riffe an ihre Belastungsgrenzen bringen.
Korallenriffe gehören zu den lebendigsten und zugleich wichtigsten Ökosystemen der Ozeane. Sie beherbergen etwa ein Viertel aller marinen Arten, schützen Küstenlinien und sichern die Lebensgrundlagen sowie die Wirtschaft vieler Küstengemeinden. Doch steigende Meerestemperaturen setzen ihnen zunehmend zu. OceanCare hat bereits früher über Massenbleichen in ikonischen Ökosystemen wie dem Great Barrier Reef berichtet, wo Wissenschaftler weitverbreitete Korallenbleichen infolge mariner Hitzewellen dokumentiert haben – also längerer Perioden ungewöhnlich hoher Wassertemperaturen. Diese Ereignisse sind Ausdruck der umfassenderen Klimakrise. Eine neu veröffentlichte Studie zeigt nun, wie gravierend die kumulativen Auswirkungen wiederholter mariner Hitzewellen geworden sind: Viele Riffsysteme werden inzwischen über ihre Fähigkeit hinaus belastet, sich zwischen solchen Ereignissen zu erholen.
Ein globales Ereignis beispiellosen Ausmasses
Die neue Studie, veröffentlicht in Nature Communications, analysierte mehr als 15.000 Riffuntersuchungen weltweit, die während des sogenannten „Dritten globalen Korallenbleichereignisses“ (2014-2017) durchgeführt wurden, und stellt damit die bislang umfassendste Bewertung dieser Art dar. Auf Grundlage dieser Daten schätzen die Autoren, dass etwas mehr als die Hälfte der Korallenriffe weltweit von moderater (mindestens 10 % der Korallen sichtbar gebleicht) bis schwerer Bleiche betroffen war. Rund 15 % der Riffe erlitten zudem moderate bis schwere Mortalität, wobei 50 % oder mehr der Korallen verloren gingen. Bemerkenswert ist, dass sich dieses Ereignis weit über eine einzelne Saison hinaus erstreckte: Es dauerte drei Jahre und betraf Riffe in allen untersuchten Ozeanbecken.
Die Studie bestätigt ausserdem, dass Intensität und Häufigkeit mariner Hitzewellen in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Solche Hitzewellen können Bleiche auslösen, indem sie Korallen dazu bringen, die symbiotischen Algen auszustossen, die ihnen ihre Farbe verleihen – und vor allem ihre Fähigkeit zur Photosynthese, also zur Energiegewinnung. Bleiben Korallen zu lange ohne diese symbiotischen Algen, sterben sie schliesslich ab.
Ein globales Problem erfordert globale Lösungen
Die Ergebnisse für den Zeitraum 2014-2017 bilden einen ernüchternden Hintergrund für jüngere Entwicklungen. Daten von NOAA Coral Reef Watch zeigen, dass der Hitzestress, der zu Korallenbleichen führt, in den Jahren 2023–2025 das Ereignis von 2014-2017 bereits übertroffen hat. Etwa 84 % der Korallenriff-Ökosysteme weltweit sind betroffen – im Rahmen dessen, was als „Viertes globales Korallenbleichereignis“ beschrieben wird. Das bedeutet, dass Bleichereignisse nicht nur häufiger auftreten, sondern auch immer mehr der Riffsysteme betreffen, die die Grundlage mariner Biodiversität und vieler Küstenökonomien bilden.
Was bedeutet das alles? Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig: Korallenbleiche ist längst kein lokales Problem einzelner Riffe mehr, sondern ein globales Phänomen, das durch steigende Meerestemperaturen infolge menschengemachten Klimawandels verursacht wird – und gegen das kein Korallenriff-Ökosystem immun zu sein scheint. Gleichzeitig bleibt den Riffen mit jedem weiteren Ereignis immer weniger Zeit, sich zu erholen, bevor die nächste Hitzewelle einsetzt.
Diese Entwicklung gefährdet nicht nur Korallen selbst, sondern auch die unzähligen Arten und Küstengemeinden, deren Zukunft von gesunden Riffökosystemen abhängt. Ohne rasche Massnahmen zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, zur schnellen Reduktion von Treibhausgasemissionen in allen Sektoren und zur Beschleunigung des Übergangs zu kohlenstoffarmen Energiesystemen droht die rasche Erwärmung der Ozeane ehemals vielfältige Riffsysteme in stark degradierte und kaum wiedererkennbare Ökosysteme zu verwandeln.
Diese Publikation stellt eine bedeutende wissenschaftliche Zusammenarbeit dar: Auf Grundlage von Daten, die von Autorinnen und Autoren aus mehr als 140 Institutionen – darunter auch OceanCare – zusammengetragen wurden, macht sie das globale Ausmass der Korallenbleiche deutlich. Sie zeigt unmissverständlich, wie weit verbreitet das Problem bereits ist, und unterstreicht eine zentrale Erkenntnis: Der Schutz der Korallenriffe erfordert koordinierte internationale Massnahmen zur Reduktion von Emissionen und zum Schutz besonders gefährdeter Ökosysteme. Die Zukunft der Korallenriffe – und der Biodiversität, die von ihnen abhängt – ist untrennbar mit Entscheidungen verbunden, die weit über die Küsten hinaus getroffen werden.
