Wal- und Delfinjagd auf Färöern: Wandel ist nicht aufzuhalten
Auf der ganzen Welt gibt es leider Grausamkeit gegenüber Tieren. Aber wir von OceanCare sind überzeugt, dass die Menschen nicht von Natur aus grausam sind. Dort, wo Grausamkeiten z.B. aufgrund falscher Informationen oder schlichtweg unhinterfragter Tätigkeiten begangen werden, können die Menschen beschliessen, ihr Verhalten zu ändern und die grausame Praxis zu beenden. Eine solche Veränderung braucht Bewusstseinsbildung durch Information und Dialog. Das wiederum bestätigt die bedeutende Rolle, die der Wissenschaft zukommt. Zum Beispiel werden die neuen Erkenntnisse über das – physische wie psychische – Leid der Wale und Delfine, die von Treibjagden betroffen sind, in die Diskussion einfliessen und die Bedenken vergrössern.
Neben besseren rechtlichen Vorgaben zur Vermeidung von Tierleid, die OceanCare erreichen will, wird also nach unserer Überzeugung auch die Bewusstseinsbildung den Wandel näherbringen.
Das trifft genauso auch auf die Färöer zu.
Sicherlich werden verschiedene Menschen die Tiere und ihr Verhalten je nach Erfahrung und Wissen unterschiedlich deuten. Was sie gelernt haben und was in ihrem sozialen Umfeld bekräftigt wurde, hat darauf einen grossen Einfluss. Dass eine grosse Gruppe Delfine oder Grindwale in gefährliche Untiefen getrieben und dort getötet werden kann, mag zum Beispiel als Beleg für Dummheit und Einfältigkeit der Tiere gesehen werden. Und dass kaum einmal welche von ihnen ausbrechen und entkommen, mag diese Sichtweise stützen. Allerdings zeigen Untersuchungen ganz im Gegenteil, dass diese Tiere hochkomplex sind. Dank ihrer grossen Gehirne können sie miteinander kommunizieren und ihre Aktivitäten aufeinander abstimmen. Ihr Verhalten gegenüber einer Treibjagd lässt sich daher treffender damit erklären, dass sie sich in einer Umwelt entwickelt haben, in der es die beste Antwort auf Gefahren ist, als Gruppe zusammenzubleiben. Im offenen Ozean gibt es keine Verstecke, daher beruht ihre Kultur darauf, beieinander zu bleiben, auch und gerade bei schrecklicher Gefahr.
Über Jahrtausende ihres Daseins auf diesem Planeten war das ihre erfolgreichste Strategie. Heute aber macht sich das verwundbar gegenüber Treibjagden. Im Laufe der Menschheitsgeschichte erlernten viele Völker unterschiedlicher Kulturen, wie man Wale und Delfine erbeuten kann. Zum Beispiel erkannten frühe seefahrende Walfänger, dass die Harpunierung eines Walkalbs (das langsamer schwimmt als ein erwachsener Wal und daher leichter zu treffen ist) dazu führt, dass die Mutter bei ihrem Jungen bleibt und helfen will, wodurch auch sie einfacher getötet werden kann.
Eine Frage der Kultur
Die Walfänger auf den Färöern (wo es auch abweichende Stimmen gibt) verteidigen ihre Wal- und Delfintötungen inbrünstig – mit dem Hauptargument, es sei wichtig für ihre Kultur. Daher kann Kritik an der Delfinjagd von ihnen als Angriff auf ihre Kultur und Identität wahrgenommen werden. Bei OceanCare respektieren wir das Schutzbedürfnis menschlicher Kulturen und die damit verbundenen Empfindsamkeiten. Allerdings können wir keinerlei Notwendigkeit erkennen, die färingische Kultur mit grausamen und unnötigen Tötungen von Walen und Delfinen zu unterfüttern.
In vergangenen Jahrhunderten mussten sich die Menschen auf dieser entlegenen Gruppe kleiner Inseln für ihr Überleben aufs Meer hinaus orientieren und der Fang von Meerestieren war wichtig für die Ernährung. Heute ist die Situation ganz anders. Die Inseln sind nun viel weniger isoliert, untereinander sind viele mit Tunnels verbunden und ihre Supermärkte sind reich mit Produkten aus aller Welt ausgestattet. Die Färinger haben heute sogar einen der höchsten Lebensstandards in der nordostatlantischen Region.
Auch der Vorgang der Jagd hat sich verändert. Bis zum frühen 20. Jahrhundert wurde sie noch mit Ruderbooten und einfachen Kommunikationsmitteln betrieben. Ein Wachposten entdeckte eine Delfinschule und informierte die Gemeinde, die dann im Falle geeigneter Wetterbedingungen zur Jagd aufbrach und mit Ruderbooten versuchte, die Tiere an die Küste zu treiben. Heutzutage werden dafür Motorboote und Jetskis sowie moderne Kommunikationsmittel (Handys, Apps etc.) eingesetzt. Die Kultur des Walfangs ist also nicht mehr dieselbe wie früher. Heute profitiert die Jagd auf Wale und Delfine von der gesamten Bandbreite moderner Technik.
Es ist auch offensichtlich, dass den Menschen auf den Färöern Tierschutz wichtig ist. Sie haben Gesetze zum Schutz von Heim- und Haustieren wie im benachbarten Europa (das auch keineswegs frei von Grausamkeit gegenüber Tieren ist).
Allerdings scheint sich die Tierschutzgesetzgebung der Färöer nicht auf Meeressäugetiere zu erstrecken. Trotzdem zeigt sich auch in diesem Bereich, dass man dem Tierleid nicht gleichgültig gegenübersteht. So wurden seit den 1990er-Jahren Bemühungen unternommen, die Tötungswerkzeuge zu „verbessern“, etwa durch die Entwicklung einer langstieligen doppelschneidigen „Spinal-Lanze“. Dieses Werkzeug wird am Ende des Fangprozesses in den Nacken eines Kleinwals oder Delfins gestossen, wodurch das Rückenmark und die umgebenden Blutgefässe durchtrennt werden sollen. Früher war dafür ein langes Messer verwendet worden.
Auch der Haken, mit dem ein Kleinwal oder Delfin fixiert und in seichtes Wasser gezogen wird, wurde „verbessert“. Früher war es ein spitzer Haken, der den Tieren ins Fleisch gehauen wurde. Die neue, 1995 eingeführte Form hat ein rundes Ende und wird ins Blasloch gesteckt. Diese Neuerungen zeigen einerseits ein Bewusstsein gegenüber der Frage des Tierleids und andererseits eine Bereitschaft, auf Bedenken mit Veränderung zu reagieren.
Ein irreführender Blickwinkel
Auf der englischsprachigen Version der Website der färingischen Regierung ist zu lesen:
„Früher wurden Wale mit einem speziellen Messer getötet. Heute wird eine von einem färingischen Tierarzt entwickelte Spinal-Lanze verwendet. Der Wal verliert sein Bewusstsein und stirbt binnen weniger Sekunden. Das Tierschutzrecht der Färöer verlangt, dass Wale so schnell wie möglich getötet werden, um das Leiden zu minimieren. Heute wird eine ganze Walschule in 5 bis 10 Minuten getötet.“ (Quelle)
Diese Aussage spiegelt die derzeit auf den Färöern wahrscheinlich weit verbreitete Auffassung wider, dass die Jagd sowohl schnell als auch relativ human erfolge. Die Jäger betrachten sich selbst als effizient und glauben, dass Tierwohlbelange berücksichtigt werden.
Dabei wird übersehen, dass das Leiden der Tiere bereits mit der Treibjagd selbst beginnt – genauer gesagt in dem Moment, in dem die Gruppe bemerkt, dass sie eingekesselt wird, und versucht, vor den Booten zu fliehen. Ihr Leiden setzt sich fort, wenn sie sich in gefährlich seichtem Wasser wiederfinden, wo ihnen die Gefahr zu stranden bewusst ist. Dann folgt die Strandung selbst, bei der sie mit einem grossen Haken, der in ihre Blaslöcher eingeführt wird, an Land gezogen werden. In dieser unnatürlichen Situation sind ihre Organe grossem und zweifellos schmerzhaftem Druck ausgesetzt. Da sich Treibjagden über Stunden ziehen können – in seltenen Fällen werden Delfine oder Wale sogar über Nacht festgehalten – ist ihr Leiden nicht in Sekunden oder Minuten, sondern in Stunden zu bemessen.
Dies wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse belegt und sollte daher Gegenstand einer umfassenden Debatte, Reflexion und hoffentlich auch Veränderung sein. Je besser unser Kenntnisstand ist, desto besorgter müssen wir über die Fortsetzung der Treibjagden auf Wal- und Delfinarten sein, egal wo sie stattfinden.
Das obige Zitat der Regierung beschäftigt sich nur mit dem abschliessenden Tötungsprozess. Das ist aber nur die halbe Geschichte. Darüber hinaus ist ihre Behauptung, der Tod trete innerhalb weniger Sekunden nach Anwendung der Spinal-Lanze ein, zweifelhaft. Mit der Durchtrennung des Rückenmarks wird das Tier zwar gelähmt, aber nicht getötet oder sofort bewusstlos. Dafür ist es nötig, die Blutversorgung des Gehirns ausreichend zu unterbrechen, und ob die Spinal-Lanze dies bewirkt, ist fraglich.
Historisch gesehen wurden Treibjagden auch von Gemeinden auf den schottischen Inseln durchgeführt. Hier wurde diese Praxis eingestellt und die schottische Kultur blüht zweifellos weiterhin. Wir hoffen, dass ein solcher Wandel auch auf den Färöern stattfinden wird. Ja, wir sind sogar davon überzeugt. Ein solcher Wandel würde eine bestimmte Aktivität beenden, aber die lokale Kultur, zu der eindeutig eine besondere Beziehung zur Tierwelt des Meeres gehört, kann auch ohne weitere Grausamkeiten und Tötungen erhalten bleiben.
Fänge im Jahr 2025 auf den Färöern
Die jährlichen Fangzahlen auf den Färöern schwanken stark, lagen zuletzt aber bei ca. 700 Grindwalen und einer – mit Ausnahme des Jahrs 2021 – niedrigen dreistelligen Zahl an Delfinen (in manchen Jahren auch gar keine). Im Sommer dieses Jahres erlangten wir Kenntnis von folgenden Jagden (die Zahlen sind noch inoffizielle Schätzungen):
- 12.6.2025, Leynar, mehr als 246 Wale (Fotos zufolge bis zu 296)
- 5.7.2025, Bø, 49 Grindwale
- 20.7.2025, Tjørnuvík, 116 Grindwale
- 25.8.2025, Skálafjörður, 50 Atlantische Weissseitendelfine
- 26.8.2025, Sandagerði, > 30 Grindwale
- 30.8.2025, Hvalba, 29 Grindwale
Ausblick in die Zukunft
OceanCare wird die Jagden weiterhin sorgfältig beobachten. Wir werden darüber berichten und die Behörden der Färöer und Dänemarks respektvoll auffordern, sie zu beenden. Unsere bisherigen Dialogangebote wurden ignoriert, aber wir werden nicht lockerlassen. Die Kenntnisse über Leiden und Wohlbefinden bei Tieren entwickelt sich und können ein neues Licht auf die Wal- und Delfinjagd werfen, indem sie die wahre Natur und das Empfinden dieser erstaunlichen Tiere offenbaren.
Es ist wichtig, weiterhin Kritik zu äussern und die Bedenken bei jeder sich bietenden Gelegenheit über diplomatische Kanäle anzusprechen. Deshalb fordern wir weiterhin von allen in Machtpositionen, dies bei allen ihren Treffen mit Repräsentanten der Färöer zu tun.
Veränderungen sind eine Konstante und die Treibjagden werden aufhören.
