Delfine: Wenn Nähe zur Gefahr wird
Ein Delfin, der Boote begleitet oder die Nähe zu Schwimmenden sucht, sorgt bei vielen Menschen für Begeisterung. Doch wenn Delfine über längere Zeit ohne Artgenossen leben und beginnen, regelmässig mit Menschen in Kontakt zu treten, dann kann das für beide Seiten problematisch werden.
Im Jahr 2019 tauchte Confi, ein Grosser Tümmler, in einer Flussmündung in Galicien auf und blieb im Gebiet. Immer wieder begegnete er Muscheltauchern, Fischern, Schwimmerinnen und Schwimmern. Mit der Zeit begann der Delfin Kontakt aufzunehmen und liess sich schliesslich sogar berühren.
Confi ist kein Einzelfall. Zwischen 1950 und 2022 wurden sogenannte solitary-sociable dolphins – einzelgängerische Delfine, die regelmässig mit Menschen interagieren – an 47 Orten in 26 Ländern dokumentiert. Allein in Spanien wurden seit 1970 siebzehn solcher Delfine registriert.
Es gibt verschiedene Schritte, die ein einzelgängerischer Delfin durchlaufen kann: Zunächst hält sich das Tier über längere Zeit in einem begrenzten Gebiet auf. Es folgt Booten oder ruht neben Bojen, ohne sich Menschen aktiv zu nähern. Später interessiert sich der Delfin zunehmend für Schwimmende oder Gegenstände im Wasser. Erst danach kommt es vereinzelt zu direkten Interaktionen und schliesslich zu Körperkontakt. Nicht alle allein lebenden Delfine durchlaufen diese Entwicklung vollständig, manche kehren in einem früheren oder späteren Stadium wieder zu ihren Artgenossen zurück.
Warum Delfine allein bleiben
Es ist durchaus normal, dass sich einzelne Delfine zeitweise von ihrer Gruppe trennen. Warum einzelne Delfine allein leben, ist oft unklar. Als mögliche Ursachen werden der Verlust der Mutter oder der Gruppe sowie Krankheiten oder Verletzungen diskutiert. In Regionen mit kleineren Beständen leben Delfingruppen zudem oft weit voneinander entfernt, wodurch es länger dauern kann, bis ein einzelnes Tier wieder Anschluss an seine Artgenossen findet.
Nicht jeder Delfin, der allein schwimmt, verhält sich also ungewöhnlich. Und nicht jeder einzelgängerische Delfin sucht den Kontakt zu Menschen. Problematisch wird es erst, wenn ein Delfin über längere Zeit allein bleibt und beginnt, regelmässig Kontakt zu Menschen aufzunehmen.
Riskante Nähe für Mensch und Tier
Je mehr sich ein Delfin an Menschen gewöhnt, desto grösser werden die Risiken für beide Seiten. So nahm Confi etwa Muscheltauchern Atemregler oder Luftschläuche weg, was diese in Gefahr brachte. Nachdem die Medien über den Delfin berichteten, stiegen immer mehr Neugierige zu ihm ins Wasser, berührten ihn oder versuchten, auf seinem Rücken zu reiten. Als Confi 2021 von Schwimmenden und Jetskis bedrängt wurde, biss er eine Frau ins Bein. Auch bei anderen einzelgängerischen Delfinen sind Bisse, heftige Stösse oder Situationen dokumentiert, in denen Menschen daran gehindert wurden, das Wasser zu verlassen. Häufig gingen solchen Reaktionen aufdringliche menschliche Annäherungsversuche voraus.
Mit der Gewöhnung an unsere Nähe und an motorisierte Boote wächst für den Delfin das Risiko, von Bootspropellern schwer verletzt zu werden. Oft werden einzelgängerische Delfine zudem beim Ruhen oder Fressen gestört, Menschen berühren empfindliche Körperstellen oder versuchen, Gegenstände ins Blasloch zu stecken. Manchmal werden die Tiere auch gezielt angegriffen.
Confi wurde im Herbst 2022 durch eine Unterwasserharpune verletzt. Die Wunde heilte gut, er zog sich zeitweise zurück, suchte dann aber erneut die Nähe von Menschen. Im Juni 2025 verschwand er. Wenig später tauchten Fotos eines toten Delfins auf, dessen Proportionen und eine markante Narbe die Vermutung nahelegten, dass es sich um Confi handeln könnte. Die Verletzungen deuteten auf einen Bootspropeller als wahrscheinlichste Todesursache hin.
Abstand schützt
Der wirksamste Schutz für Mensch und Tier besteht darin, dass sich einzelgängerische Delfine gar nicht erst an Menschen gewöhnen. Je früher dieser Kontakt verhindert wird, desto geringer ist das Risiko für beide Seiten.
Wer einem solchen Delfin begegnet, sollte also weder mit ihm schwimmen noch ihn berühren oder füttern. Auf Booten gilt es, die Geschwindigkeit zu reduzieren, einen gleichmässigen Kurs zu halten und dem Tier ausreichend Raum zu lassen. Beobachtungen sollen den zuständigen Behörden oder einer Meeresschutzorganisation gemeldet werden, damit Schutzmassnahmen getroffen werden können.
Mit unserem Verhalten können wir dazu beitragen, dass Delfine das bleiben, was sie sind: wilde Tiere – und keine Attraktion für uns Menschen.
Hilf mit, Delfine zu schützen
Der Fall von Confi zeigt, wie wichtig die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den Schutz wild lebender Delfine ist. OceanCare setzt sich weltweit mit Forschung, Umweltbildung und konkreten Schutzprojekten für Delfine und ihre Lebensräume ein. Mit einer Delfinpatenschaft hilfst du, diese Arbeit zu ermöglichen.
