Kaum verhüllter Angriff auf Moratorium: Antigua und Barbuda bringt erneut Walfang-Resolution ein
- Trotz aller Appelle eingereicht: Am späten Freitagabend hat Antigua und Barbuda seinen Antrag veröffentlicht, gemeinsam mit IWC-Staaten aus dem Pazifik, der Karibik und Westafrika – trotz einer wenige Tage vorher veröffentlichten Umfrage, wonach die Mehrheit im Land keinen kommerziellen Walfang will. 22 internationale Organisationen hatten die Regierung zuvor gebeten, den Vorstoss zu unterlassen.
- Dritter Anlauf innerhalb von vier Jahren: Ähnliche Anträge gab es 2022 und 2024. Auch wenn es im Titel nicht mehr enthalten ist, ist das Ziel dasselbe geblieben: die Aufhebung des globalen Walfang-Moratoriums.
- Task Force für Fangquoten: Die Resolution verlangt, eine Task Force einzusetzen. Sie soll prüfen, ob die IWC ihr Berechnungsverfahren für kommerzielle Fangquoten wieder in Kraft setzt.
- Ein Land ohne eigenen Walfang: Antigua und Barbuda hat nie kommerziellen Walfang betrieben, setzt sich international aber seit Jahren mit Nachdruck für die Aufhebung des Verbots ein. Als Haupttreiber gilt die japanische Entwicklungshilfe, die der IWC-Kommissar des Landes selbst auf über 200 Millionen US-Dollar in zwanzig Jahren beziffert.
Wenige Tage nachdem eine Umfrage ergeben hat, dass die deutliche Mehrheit im Land den kommerziellen Walfang ablehnt, hat Antigua und Barbuda dennoch bei der Internationalen Walfangkommission (IWC) einen Resolutionsentwurf eingebracht, der das weltweite Walfangmoratorium gefährdet. Der Antrag wurde am späten Freitagabend, 31. Juli, veröffentlicht. Verhandelt wird er bei der IWC70 vom 27. September bis 2. Oktober im australischen Hobart.
Eingebracht haben ihn neben Antigua und Barbuda auch Palau, St. Kitts und Nevis, St. Lucia und Togo, sowie laut Text erstmals „die Gruppe, die sich für die nachhaltige Nutzung lebender Meeresressourcen einsetzt“. Welche Länder damit gemeint sind, wurde nicht weiter ausgeführt. Es ist der dritte Anlauf dieser Art in vier Jahren, und der erste, dessen Titel das Moratorium nicht mehr nennt.
OceanCare hatte im Juli mit 21 weiteren Organisationen an Premierminister Gaston Browne appelliert, auf die Resolution zu verzichten. Die Meeresschutzorganisation kritisiert, dass die entschärfte Sprache am Ziel nichts ändert und die Argumente der Resolution nicht haltbar sind.
Kommerzieller Walfang ist seit 1986 weltweit verboten. Die Resolution greift dieses Verbot nicht direkt an. Sie verlangt zunächst nur eine Task Force, die prüfen soll, ob die IWC ihr Verfahren zur Berechnung kommerzieller Fangquoten wieder anwendet. Wird das Verfahren aktiviert, ist der kommerzielle Walfang praktisch wieder betriebsbereit.
2022 in Portorož und 2024 in Lima nannten die Anträge ihr Ziel noch offen: die Aufhebung des Moratoriums und den Aufbau einer Walfangindustrie. 2022 kam es nicht zur Abstimmung. 2024 zog Antigua und Barbuda den Antrag zurück, weil sich breiter Widerstand abzeichnete, und stellte Konsultationen und eine überarbeitete Fassung in Aussicht. Zu diesen Konsultationen ist es nie gekommen. Der neue Text unterscheidet sich inhaltlich kaum vom alten.
Ungewöhnlich ist auch, wer den Antrag mitträgt. Bei der IWC bringen normalerweise nur Mitgliedsregierungen Resolutionen ein. Wer sich hinter der genannten „Gruppe“ verbirgt, bleibt offen.
Ein Vorstoss für wen?
Antigua und Barbuda besitzt keine Walfangflotte und plant auch keine. Vom kommerziellen Walfang hätte das Land selbst also nichts.
„Es ist zutiefst enttäuschend, dass Antigua und Barbuda diesen Versuch zum dritten Mal anführt. Der Titel hat sich geändert, die Absicht nicht. Die Mehrheit der IWC-Staaten hat längst deutlich gemacht, dass sie diese Debatte nicht erneut führen will. Antigua und Barbuda hat nie kommerziell Wale gejagt und hat es auch nicht vor. Es stellt sich die Frage, worum es hier wirklich geht“, sagt Fabienne McLellan, Geschäftsführerin von OceanCare.
Eine Erklärung liegt seit Jahren auf dem Tisch: Japan. Das Land treibt die Wiederzulassung des Walfangs international voran. Auf eine mögliche Gegenleistung angesprochen, verwies der IWC-Kommissar von Antigua und Barbuda, Daven Joseph, 2024 auf japanische Hilfszahlungen von über 200 Millionen US-Dollar in zwanzig Jahren und antwortete: „Ist das falsch?“
Argumente halten nicht stand
Die Resolution spricht von „nachhaltiger Nutzung“ und behauptet, die Walbestände hätten sich seit dem Moratorium deutlich erholt. Für viele Bestände stimmt das nicht. Wale werden alt und bekommen selten Nachwuchs. Zahlreiche Populationen sind bis heute stark dezimiert, viele Arten gelten als bedroht. Hinzu kommen Beifang, Unterwasserlärm, Schadstoffe, Meeresmüll, schwindende Nahrung, zerstörte Lebensräume und der Klimawandel.
Das zweite Argument lautet, Walfang sichere Ernährung und Lebensgrundlagen. Belege dafür bleibt die Resolution schuldig. Norwegen, Island und Japan betreiben als einzige Länder kommerziellen Walfang und verkaufen das Fleisch kommerziell. Walfleisch verdirbt schnell, Transport und Lagerung sind teuer, und ein Teil der Produkte ist wegen der Schadstoffbelastung nicht zum Verzehr geeignet. Wer Ernährung sichern will, muss Überfischung, illegale Fischerei, Beifang und Verschwendung bekämpfen.
„Mehr als 200 Fachleute der West and Central Africa Coalition for Whales haben die Lage klar beschrieben. In den meisten Ländern West- und Zentralafrikas ist Walfleisch weder traditionell noch kulturell bedeutsam, und die Annahme, Wale dezimierten die Fischbestände, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Erträge gehen zurück, weil überfischt wird, weil illegal gefischt wird und weil Lebensräume zerstört werden. Wale bewirken das Gegenteil: Sie verteilen Nährstoffe im Wasser und machen das Meer produktiver, von dem die Fischerei lebt“, sagt Maximin Djondo, Aquatic Wildlife Conservation Specialist bei OceanCare.
Rückhalt fehlt auch im eigenen Land
Wale bringen vielen Küstengemeinden schon heute Geld, allerdings auf anderem Weg: durch Whale Watching, in einer ökonomischen Grössenordnung, die der Walfang nie erreichen würde. Gerade für einen Inselstaat, dessen Wirtschaft vom Meer lebt, ist dieser Ansatz relevant.
Auch im Inland steht die Regierung mit ihrer Position weitgehend allein. Eine Umfrage von CoreConsult Inc. im Auftrag des Antigua and Barbuda Ocean Trust ergab: 64 Prozent lehnen den kommerziellen Walfang ab, 60 Prozent wollen nicht, dass ihr Land eine solche Resolution einbringt. 68 Prozent wussten gar nicht, dass sich ihre Regierung bei der IWC dafür einsetzt.
Bemerkenswert ist eine weitere Zahl: 62 Prozent befürchten, die Haltung der Regierung könnte dem Ansehen des Landes schaden. Der Zeitpunkt ist heikel, denn im Oktober richtet Antigua und Barbuda den Caribbean Blue Economy Summit aus und im November das Treffen der Commonwealth-Regierungschefs.
Ein möglicher Ausweg
OceanCare fordert Antigua und Barbuda und die mitantragstellenden Staaten auf, die Resolution zurückzuziehen und keine Initiative zu unterstützen, die den kommerziellen Walfang zurückbringen könnte. Stattdessen könnte sich das Land für das Südatlantische Walschutzgebiet einsetzen, über das in Hobart ebenfalls entschieden wird. Das würde nicht nur den Walen helfen, sondern auch der sonst vorbildlichen Linie Antigua und Barbudas beim Meeresschutz und in der Klimapolitik gerecht werden – und dem Willen der eigenen Bevölkerung entsprechen.
Weitere Informationen
- Der von Antigua und Barbuda für die IWC70 eingereichte Resolutionsentwurf. Frühere Walfang-Resolutionen bei der IWC aus den Jahren 2022 und 2024
- Die landesweite Umfrage
- Der Brief an Premierminister Gaston Browne vom 24. Juli 2026, unterzeichnet von 22 Organisationen
- IWC-Kommissar Daven Joseph über die japanischen Hilfszahlungen (2024)
- Die IWC70 findet vom 27. September bis 2. Oktober 2026 im australischen Hobart statt
