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Die UNO ehrt Frauen, die das Meer schützen. Frauen wie die Schweizerin Sigrid Lüber, die vor 30 Jahren OceanCare gegründet hat.

Wädenswil, 6. Juni. Man könnte meinen, die UNO habe sich vom OceanCare-Jubiläum inspirieren lassen: Im 30. Jahr der Schweizer Meeresschutz-Organisation steht der „World Oceans Day“, mit dem die Weltgemeinschaft jeweils am 8. Juni die Bedeutung der Meere feiert, unter dem Motto „Gender & the Ocean“. „Damit werden die Geschlechterrollen bei marinen Themen beleuchtet – es geht um Frauen, die mit und vom Meer leben, aber auch um Frauen, die sich weltweit für das Leben im Meer einsetzen“, sagt eine, die es wissen muss: Sigrid Lüber, 64, hat im Frühling 1989 OceanCare gegründet (siehe Interview im Anschluss). Seither präsidiert sie die Organisation und beschäftigt am Sitz in Wädenswil neun Frauen. Und einen Mann.

Die lange Reise hat in den Alpen begonnen – mit Delphinen, die es eigentlich gar nicht gab: An der Spitze der „Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger ASMS“, so hiess der frisch gegründete Verein damals, protestierte Sigrid Lüber gegen den geplanten Bau eines Delphinariums in Martigny – mit Erfolg: Das Projekt wurde nie realisiert.

Für Sigrid Lüber war es der Auftakt eines Lebenswerks. Und vor allem: Ein Auftrag. Wenige Monate zuvor hatte sie ihre Ferien auf den Malediven verbracht. „Während eines Tauchgangs war ich plötzlich von freilebenden Delphinen umringt“, erinnert sie sich. „In diesem Moment wusste ich, was ich für den Rest meines Lebens zu tun habe!“

Aus dem Verein ASMS wurde bald schon die Nichtregierungsorganisation (NGO) OceanCare. Im Fokus standen nicht mehr ausschliesslich Meeressäuger; neben den Walen ging es ums grosse Ganze – um den Lebensraum Meer und die Lebewesen, die dieses unermessliche und doch so verletzliche Biotop bewohnen. Aber auch um die Zukunft der Menschen, die an den Küsten leben – mit dem Meer und vom Meer. Letztlich geht es um den ganzen Planeten. Und um unser aller Überleben.

Rasch hat sich OceanCare auf allen Ebenen Anerkennung und Respekt verschafft – national im Rahmen der Schliessung der beiden Schweizer Delphinarien in Rapperswil und Lipperswil sowie einer parlamentarischen Initiative, die zum Verbot von Delphin-Importen führte; weltweit mit der Einrichtung von Schutzprojekten für akut bedrohte Arten an den wildesten Küsten und in den tiefsten Meeren. Fluss-Delphine im peruanischen Amazonasgebiet, Mönchsrobben und Pottwale im Mittelmeer oder Gewöhnliche Delphine im Ionischen Meer sind Beispiele für Dutzende von Arten, die ihr Überleben wissenschaftlichen Forschungsprogrammen, diplomatischen Interventionen an internationalen Gremien und einer konsequenten Kampagnen-Arbeit verdanken.

Von Anfang an hat Sigrid Lüber Einsitz in internationalen Gremien genommen, an UNO-Tagungen teilgenommen, die Sitzungen der IWC (International Whaling Commission) beobachtet – und ihre oft mahnende, stets lösungsorientierte Stimme erhoben. Sie hat Bestechungsskandale aufgedeckt, über die gesundheitlichen Risiken beim Verzehr von toxisch belastetem Walfleisch aufgeklärt und mit Vorstössen und Anregungen Lobby-Arbeit für das Leben im Meer auf den Weg gebracht. Dabei ist der Respekt vor anderen Meinungen wichtiger als die Kontroverse, die Suche nach dem Konsens hat Vorrang. „In der Haltung bleiben wir konsequent und lassen uns auf keine Kompromisse ein“, betont Präsidentin Lüber. „Aber wir sind immer gesprächsbereit und anerkennen, dass oft verschiedene Wege zum Ziel führen.“

Nicht zuletzt diese konsequente Haltung hat der Organisation vor acht Jahren die höchste Anerkennung eingetragen, die einer NGO zuteilwerden kann: 2011 hat die UNO der Meeresschutz-Organisation den Sonderberater-Status zuerkannt – eine Ehre, die für eine NGO einem Ritterschlag gleichkommt. „Damit haben wir Zugang zu wichtigen Gremien auf höchster Ebene“, sagt Präsidentin Lüber. „Wir nehmen an Beratungen der Fachkommissionen und an Vollversammlungen teil, wir werden gehört, respektiert und immer wieder auch um unsere Haltung gefragt.“

Nicht nur in New York und Nairobi – auch in der Schweiz.

Vor einem Monat sollte das Basler Stimmvolk über das Projekt „Ozeanium – Basel liegt am Meer“ befinden. Zusammen mit der Fondation Franz Weber und weiteren Naturschutzorganisationen mahnte OceanCare die skandalöse Informationspolitik des Projekts an, bis endlich durchsickerte, welche Tierarten zur Schau gestellt werden sollten: unter ihnen Hoch- und Tiefsee-Arten wie Haie, Rochen und Kraken.

Am 19. Mai hat die Bevölkerung das Projekt bachab geschickt – exakt 30 Jahre nach dem verhinderten Bau des Delphinariums in Martigny.

Ein Kreis hat sich geschlossen. Aber die Reise ist noch lange nicht zu Ende.

 

Weitere Informationen und Links

  • Interview mit Sigrid Lüber, Gründerin und Präsidentin OceanCare
  • weitere Informationen über OceanCare: www.oceancare.org