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Der angebliche Konkurrenzkampf zwischen Walen und Menschen um die schwindenden Fischbestände ist ein beliebtes Argument zur Rechtfertigung des Walfangs. Fischer klagen, ihre Netze seien von Jahr zu Jahr weniger prall gefüllt, die gefangenen Fische immer kleiner und sie müssten immer weitere Wege in Kauf nehmen, um gute Fischgründe zu finden. Ein Problem, das in der heutigen Zeit von grossem Interesse ist, weil immer mehr Menschen an Hunger leiden. Doch sind wirklich die Wale verantwortlich für den signifikanten Rückgang an Biomasse in den Meeren?

Der vorliegende Bericht ist eine Gegenüberstellung widersprüchlicher Meinungen zu diesem Thema. Anlässlich der 60. Jahrestagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) im Juli 2008 in Chile haben zwei grundsätzlich verschiedene Organisationen ihre Begründungen für die globale Fischereikrise vorgestellt:

  • „The Institute of Cetacean Research“ (ICR) ist eine japanische Organisation, die vom Ministerium für Fischerei, Agrar- und Forstwirtschaft unterstützt wird. Sie befürwortet und unterstützt den Walfang und hat zwei Dokumente erstellt, die in diese Gegenüberstellung einfliessen: „Why Whale Research“ und „Whales and Whaling“. Diese Berichte schüren die Diskussion, dass ein Konkurrenzkampf um die Fischbestände zwischen Wal und Mensch bestehe.
  • Die „Humane Society International“ (HSI) ist eine international tätige Umweltschutzorganisation. Sie steht auf der Seite der Walschützer und hat den Bericht „Who’s Eating All the Fish“ an der IWC veröffentlicht. Darin wird gefordert, dass die Diskussion um die nicht bestehende Konkurrenz zwischen Wal und Mensch endlich beendet wird. Diese Behauptung der Walfangbefürworter wird als Hilfsmittel für Lobbying in Entwicklungsländern entlarvt. Auf diese Weise können ärmere Länder auf die Seite der Walfangstaaten gezogen werden, auch wenn sie selbst kein Interesse am Walfang haben.

Die beiden Berichte der ICR beinhalten identische Informationen in unterschiedlicher Darstellung. Sie weisen darauf hin, dass die Walpopulationen weltweit stark am wachsen seien. Speziell die Zwergwale seien stark verbreitet und Sichtungen rund um Japan würden von Jahr zu Jahr häufiger. In Japans Meeren habe sich die Population der meisten Walarten in den Jahren seit Einführung des Walfangmoratoriums verdoppelt. Gleichzeitig seien die Erträge der japanischen Fischerei von zwölf Millionen Tonnen auf weniger als sechs Millionen Tonnen gesunken. Deshalb müssten dringend mehr Wale getötet werden, um das Gleichgewicht zu erhalten.

Der kurze Bericht der HSI widerlegt einige Argumente, umfasst aber nicht alle Punkte der Berichte des ICR. Vor allem wird auf die Behauptung eingegangen, dass der Schutz der Wale vor dem Aussterben das Gleichgewicht des marinen Ökosystems stören würde und dieses Gleichgewicht nur durch gross angelegtes Töten der Wale wieder hergestellt werden könne. Es sind die Menschen, die durch Überfischung der Ozeane das Ökosystem an die Grenze des Zerfalls bringen, nicht die Wale, die sich seit Jahrtausenden ohne negative Folgen von den Meeresressourcen ernähren. Nur durch nachhaltigere Fischerei kann eine langfristige Erhaltung der Fischbestände gesichert werden.

Die Autoren der ICR-Berichte behaupten, Wale würden diverse Meeresressourcen in grossen Mengen konsumieren, die auch wichtige Nutztiere für die Menschen seien: Sardellen, Sardinen, Pazifischer Makrelenhecht, Kohlfisch, Lachs und Tintenfische. Dadurch entstehe ein enormer Konkurrenzkampf zwischen den Walen und den Fischereien weltweit. Wale verspeisen gemäss ihren Angaben drei bis fünf Mal mehr Meeresressourcen, als das Produktionsvolumen sämtlicher Fischereien der Welt zusammen (Fischerei Weltweit: 90 Millionen Tonnen/Jahr, Wale: 249 bis 436 Millionen Tonnen/Jahr).

Im Unterschied zu den Menschen ernähren sich Meeressäuger aber eher von den kleineren Fischen. Sie tragen also nicht die Verantwortung dafür, dass die durchschnittlichen Fänge der Fischereien immer kleinere Tiere von tieferem trophischen Niveau beinhalten. Dies ist ganz offensichtlich die Schuld der Fischereien, welche die Meere während vieler Jahre überfischt haben. Sie sind auch dafür verantwortlich zu machen, dass viele Fische nicht mehr die Möglichkeit haben, sich fortzupflanzen, weil sie zu früh gefischt werden. Dieses Problem ist eine der Hauptursachen für die globale Fischereikrise.

Zudem muss angenommen werden, dass die Zahl für das Produktionsvolumen der Fischereiindustrie nur jene Fische umfasst, die Verkauft werden. Beifänge und nicht für den menschlichen Konsum verwertbare Biomasse, die in den Schleppnetzen hängen bleibt, wird kaum dazugerechnet, während bei den Walen alles berücksichtigt wird, was sie aufnehmen. Diese Zahlen würden sich bei einer fairen Berechnungsweise also stark annähern.

Die Weltbevölkerung wird bis Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts neun Milliarden übersteigen. In den ICR-Berichten wird davon ausgegangen, dass zu diesem Zeitpunkt nicht mehr genügend Nahrungsmittel auf dem Land produziert werden können, um alle Menschen zu ernähren. Deshalb müssten die Ressourcen der riesigen Ozeane genutzt werden. Die Forschung Japans würde somit zu dem führen, was sie ursprünglich erreichen wollten, einer Wiedereinführung des Walfangs.

Der Bericht der HSI zeigt auf, dass weniger als die Hälfte der Fische, die entlang der Küsten, also in den exklusiven Wirtschaftszonen der ärmeren Länder gefangen werden, eine Nahrungsquelle für die lokale Bevölkerung darstellen. Ein Grossteil wird in die Wirtschaftsmetropolen (meist Europa, Nordamerika, Japan und vermehrt auch China) exportiert. Das Argument, dass Entwicklungsländer aufgrund der Wale zu wenig Nahrung hätten ist also widerlegt. Es sind die vorherrschenden wirtschaftlichen Interessen, die dazu führen, dass die Nahrungsmittel ungerecht auf der Welt verteilt werden. An einem Modell, das für West-Afrika berechnet wurde, kann gezeigt werden, dass eine Ausrottung der Wale nur sehr marginale, bis gar keine Auswirkungen auf die Meeresressourcen und die Fangerfolge der Fischereien hätte.

Abschliessend soll noch auf einige Punkte der ICR-Dokumente eingegangen werden, für welche keine Entsprechung im Bericht der HSI gefunden wurde. Ich werde mir erlauben, diese selbst zu kommentieren:

Die ICR präsentiert in den Berichten auch Ergebnisse vom wissenschaftlichen Walfang Japans. Ein Resultat besagt, dass im antarktischen Raum extrem viele Jungtiere von Zwergwalen vorhanden und somit die Population langfristig gesichert sei. Wie bereits erwähnt seien die meisten Walpopulationen stark am wachsen und könnten wieder von den Menschen genutzt werden.

Es ist zu hoffen, dass die Walpopulationen tatsächlich am wachsen sind. Nachdem sie von uns Menschen an den Rand des Aussterbens gebracht wurden, ist es an uns, ihnen die dringend notwendige Erholungsphase zu gewähren, damit ihr Fortbestand gesichert werden kann.

Eine weitere Erkenntnis der japanischen Forschung ist, dass Wale während einem Jahr weite Wanderungen machen.

Dies als Resultat der wissenschaftlichen Forschung Japans anzugeben ist geradezu zynisch. Erstens ist bereits bekannt, dass viele Walarten während einem Jahr weite Wege zwischen den Orten wo sie sich Paaren, Gebären und die Jungen aufziehen und ihren Jagdgebieten zurücklegen. Zweitens müssten nicht hunderte von Walen getötet werden, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen (Japan tötete in der Saison 2007/2008 offiziell 862 Wale zu wissenschaftlichen Zwecken).

Obwohl in den Berichten nie davon die Rede ist, dass Walfleisch konsumiert wird, halten sie fest, dass die Verschmutzung des Fleisches von Zwergwale in der Antarktis mit PCB’s oder Quecksilber extrem klein sei und die von der Japanischen Regierung vorgegebenen Konzentrations-Werte nicht überschreite.

Es ist eine bekannte und logische Tatsache, dass die Fische und Meeressäuger im antarktischen Raum weniger stark mit Umweltgiften kontaminiert sind, als jene, die sich in der Nähe von besiedelten Küsten aufhalten. Resultate betreffend der Kontamination dieser Walbestände sucht man in diesen Berichten jedoch vergeblich. Studien von anderen Organisationen zeigen, dass sie offizielle Norm der Japanischen Regierung – die übrigens viel tiefer ist, als jene anderer Länder – um ein vielfaches übersteigen.

Schlussendlich pocht die ICR darauf, dass Japan eine grosse Tradition im Walfang habe und belegt dies mit Bildern und Dokumenten aus dem siebzehnten Jahrhundert. Somit wäre Japan, wie beispielsweise auch Grönland, berechtigt, Walfangquoten für die indigene Bevölkerung zu vergeben.

Dieser Beitrag zeigt einerseits auf, dass die Fischereikrise nicht wirklich im Zentrum der Berichte steht, sondern vielmehr die Suche nach Gründen zur Rechtfertigung des Walfangs. Andererseits wird eben diese Tradition Japans von Walfanggegnern und der Walfangkommission stark angezweifelt oder schlicht als nicht vorhanden angesehen.