Mittwoch, 20. Juni 2018, New York

Heute, am längsten Tag in diesem Jahr und am letzten dieses Frühlings, melde ich mich, zwischen einer eiligen Morgendusche und dem leichten Frühstück, aus unseres Hotels zu Wort. Die Aufbruchstimmung, die mich schon auf dem Flug über den Atlantik wach gehalten hat, hat sich zur adrenalinfördernden Gewissheit verstärkt: Wir sind mittendrin. Mittendrin in dieser Woche, die sich als Höhepunkt der bald dreissig Jahre alten Geschichte unserer Organisation erweisen wird; mittendrin im Herzen einer Stadt, die für viele als Nabel der Welt gilt und von der man sagt, dass sie niemals schlafe. Vor allem aber mittendrin in einem umweltpolitischen Prozess, der – so hoffen wir inständig – die Meere nachhaltig leiser machen wird.

Während die restliche Welt fussballfiebernd nach Russland schaut und die westliche Welt fassungslos zur Kenntnis nimmt, wie die USA nach dem Klimaabkommen nun auch den Menschenrechtsrat verlassen haben, werden im Hauptgebäude der Vereinten Nationen Lösungen für das grosse Problem der Unterwasserlärmverschmutzung diskutiert, welche die Zukunft der marinen Ökosysteme sichern sollen.

Denn es geht um nichts weniger als die Erhaltung des marinen Lebensraums, dessen Bewohner, auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen sind, dass wir die Vielfalt des Lebens in den Meeren nicht dem tödlichen Lärm-Getöse opfern.

Es sind die kleinen Details, die uns bewusst machen, welche Wertschätzung uns mittlerweile innerhalb dieses Gremiums, des UNO-Seerechts-Abkommens, zuteilwird: Bis anhin sassen wir auf Stühlen, die allgemein den NGOs vorbehalten waren; jetzt ist unser Platz beschriftet: „OceanCare“.

 

Wir haben im Rahmen unserer offiziellen Präsentation deutlich gemacht, dass die akute Bedrohung des submarinen Biotops der Anfang eines Prozesses ist, der nach den Pflanzen und Tieren in den Ozeanen unweigerlich auch uns Menschen zum Verhängnis wird. Dies zeigte Nicolas Entrup, Ocean Policy Experte, eindrücklich in seinem Vortrag, zu dem OceanCare vom UNO Seerechtsabkommen eingeladen wurde. Nicolas beschloss seinen Vortrag mit einem Video-Dokument, in welchem Bjornar Nicolaisen, der ein Leben lang auf den Lofoten vom Fischfang gelebt hat, bezeugt, welches Desaster die seismischen Untersuchungen mit Druckluftkanonen der Ölindustrie für seine Fischgründe bedeutete.

 

Die Betroffenheit über diese Videobotschaft war in den Gesichtern der Delegierten deutlich sichtbar.

Uns ist es ähnlich ergangen, als wir am Vorabend des Eröffnungstages unser Hotel verliessen, um ein Laptopkabel einzukaufen, und dabei an einem obdachlosen Menschen vorbeikamen, der am Strassenrand vor sich hin vegetierte. Das unsägliche Elend, mitten in dieser stolzen Stadt in einem Land, das sich seiner unbegrenzten Möglichkeiten rühmt, hat uns sehr betroffen gemacht: Es ist dieser Kontrast, der mir wie eine Parabel auf unsere Zeit vorkommt: Ungerührt berauben wir Geschöpfe und Kreaturen ihrer Lebensgrundlage im Meer – und ebenso achtlos gehen wir an Mitmenschen vorbei, denen mit wenig Aufwand, ein bisschen guten Willen und einem freundlichen Lächeln schon geholfen wäre.

Die Meere sind die Basis allen Lebens, sie produzieren 50 Prozent des Sauerstoffs, den wir atmen, sie ernähren Milliarden von Menschen. Sie sind unsere Zukunft. Deshalb müssen wir sie mit aller Kraft schützen.

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber, Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit nimmt mit Fabienne McLellan, Nicolas Entrup, Joanna Toole und Johannes Müller an der Konferenz des UNO-Seerechtsabkommens teil. Sie berichtet regelmässig aus New York über den Verlauf der Konferenz.