Keine Ahnung, ob ich seetauglich bin, aber ich habe mich für eine Woche auf Walbeobachtungstour mit einem Segelschiff angemeldet. Da erforscht eine Gruppe Freiwilliger aus der Schweiz die Pottwal-Population rund um Sizilien. – Jaaaa, es ist kein Scherz: Es gibt Pottwale im Mittelmeer! Citizen Science, nennt sich die Forschungstour und bedeutet, dass Laien mithelfen, Wale und Delfine in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Silvia Frey von OceanCare, leitet die Tour, ich durfte sie schon mehrmals portraitieren; sie ist eine ganz tolle, engagierte Persönlichkeit. Am meisten bewundere ich, wie unaufgeregt und wertfrei sie sich für den Meeresschutz einsetzt.

Bad und good news?

Das Mittelmeer stand die letzten Monate immer wieder traurig in den Schlagzeilen. Es stimmt mich unendlich nachdenklich, was dort geschehen ist und noch immer geschieht. Neben all den «bad news» bin ich überzeugt, brauchen wir Menschen auch good news. Darum habe ich mich entschieden, mit meiner Reportage auch den schönen Seiten dieses Meeres Raum zu geben und den Auftrag des Tier- und Meeresschutzes genauso ernst zu nehmen ohne das andere zu vergessen.

 

1.Tag, drei Sichtungen und ein rumpelnder Magen

Kaum auf dem Meer, schon die grosse Aufregung: Delfine!!! Was für ein Erlebnis, die Tiere kamen bis zu unserem Schiff und schwammen vor uns in der Bugwelle. Wunderschön!

Zweimal Streifendelfine, einmal «unidentifizierte Delfinart», wie das im wissenschaftlich korrekten Jargon notiert wird, wenn mans nicht mit hundertprozentiger Sicherheit genau identifizieren konnte. Aber wahrscheinlich waren es Tümmler. Nicht schlecht für meinen ersten Tag auf See mit OceanCare…

Diese wissenschaftliche Beobachtungsart nennt man «Transekt fahren». Dabei beobachten drei Leute je einen 60-Grad-Winkel des Meeres und suchen die Oberfläche nach Unregelmässigkeiten ab. Sichtungen werden im Protokoll vermerkt mit exakter Zeit, Koordinaten, Abstand zum Schiff und Bestimmung des gesichteten Tieres. Zudem haben wir ein Hydrophon dabei, eine Art Unterwassermikrofon, womit wir die Töne aufnehmen und analysieren können.

Es war so was von spannend, das Verhalten dieser grazilen Tiere zu beobachten. Es hat schon fast was Meditatives, wenn man eine Stunde einen bestimmten Winkel auf dem Meer nach Finnen und Fontänen absucht. Da herrscht eine konzentrierte Ruhe auf dem Boot. Dafür war Wellengang ziemlich auf und ab, mein Magen fand das biz weniger lustig und der Boden schwankt, zurück auf dem Festland, noch immer ein wenig. Aber da muss die werdende Seefrau wohl durch. Und noch was hab ich gelernt: mit dem Ankertrunk geht so ein Tag dann ganz wie von selbst zu Ende.

Streifendelphine

 

Wetterpech und Wellen

Leider hatten wir die nächsten Tage etwas Wetterpech: Bereits zum zweiten Mal mussten wir auf hoher See umdrehen, weil die Wellen zu hoch waren und somit die Sicht zu schlecht, um die wissenschaftliche Beobachtung durchzuführen. Dabei haben wir sogar zweimal Delfinbesuch gekriegt. Aber der hohe Wellengang verunmöglicht ein exaktes Beobachten, da geht so manche Finne und jeder Luftblas unter. Schade! Jetzt, wo mein Magen langsam wellenstabil wird…

Dafür konnten wir immer mal wieder die Segel hissen. Bin ich zu Beginn nur unnütz im Weg rumgestanden, durfte ich mit der Zeit sogar mal selber ans Steuer. Und das bei sechs Beaufort. Wow, was für ein Gefühl: Kein störender Motorenlärm, nur der Wind, die Wellen und wir. Und wie man den Wind spürt am Steuer, es reisst einen wahrlich richtig mit. Und: Es gibt niemand geduldigeren als unseren Skipper Roger. Wenn ich mal wieder rechts und links verwechselte – ich werde wohl nie herausfinden, was daran so unmöglich ist – meinte er nur ganz cool: «Das andere Rechts».

Es wurde – wer kann es ihnen verübeln – zum running Gag der Woche…

Doch auch über das Leben im Meer haben wir viel erfahren: Die Forschungsleiterin Silvia Frey weiss unendlich viel zu erzählen aus dem Leben von Pottwalen und anderen Meeressäugern und über die Forschung im Mittelmeer. So konnten wirs natürlich noch weniger abwarten, endlich wieder rauszufahren… Und in der Zwischenzeit übte sich die Crew in Geduld, um mir jeden Tag einen neuen Seemannsknoten beizubringen. Auch das kein einfaches Unterfangen.

Apropos Crew: Das ist so eine Sache, eine Woche auf engem Raum gemeinsam mit fremden Leuten. Zuerst fand ich das schon biz gewagt. Doch nie hat mir der Freiraum gefehlt, vielleicht liegts an der Weite des Meeres, das einen umgibt, sicher aber auch am Groove auf so einem Schiff. Jeder packt an, wenn er was sieht, jeder quatscht mit jedem, spontan entstehen Koch-, Tischdeck-, Abwasch- und Aufräumteams. Es ist eine wahre Freude, Teil dieser schnell zusammengeschweissten Bordfamilie zu sein. Ich fühl mich unglaublich wohl und geniesse jedes Gespräch, egal mit wem es sich trifft.

 

Bootsbrevet mit Salatsauce

Das Leben auf hoher und wilder See fordert nicht nur den Magen und das Gleichgewichtempfinden, nein, es macht auch ganz schön hungrig. Und darben mussten wir wahrlich nicht. Da hatte es stets genug zu beissen, zu knabbern, zu trinken und selbst der Kaffee war in italienischer Manier mit der wunderbaren Mocca-Kanne zubereitet. Damit die auch beim Auf und Ab der Wellen mitmacht, kann man sie am Herd fixieren, der seinerseits in einer Halterung aufgehängt das Geschaukel ungerührt mitmacht. Sowieso ist so ein Schiff ein wahres Organisationswunder. Kein noch so kleiner Raum wird verschenkt und jede noch so kleine Schublade kann schaukelsicher verschlossen werden. Zum Glück, sonst hätten wir bei unserem Wellengang bald das nackte Chaos unter Deck gehabt. Mein internes «Bootbrevet» habe ich übrigens offiziell mit Salatsauce zubereiten auf See erfolgreich abgeschlossen. Darauf bin ich schon biz stolz: Ohne Magengerumpel, ohne IchmusssofortdenHorizontsehen. Und man konnte sie sogar essen…

Das volle Programm

Wir haben das Schiff am Schluss unserer Reise verlassen, wie wir es vorgefunden haben: bei heiterem Sonnenschein, fast chli fies. Platzregen, Sturm, Wellengang und ab und zu auch mal ein paar Sonnenstrahlen – das volle Programm gabs während dieser Forschungswoche. Das sei vollkommen untypisch für Sizilien in dieser Jahreszeit, sagten die Einheimischen. Jedoch perfekt für die Pottwale, um sich gut zu verstecken… Dafür zeigten die in der vorderen Woche aufgenommenen Klicks, das sind die Töne, mit denen Pottwale kommunizieren, dass sie effektiv hier im Ionischen Meer leben. Und umso wichtiger, dass die Forschung fortgesetzt wird, damit wir bald etwas mehr über diese Tiere erfahren. Und soviel ist nach dieser Woche auch für mich klar: Einmal bei einer solchen Forschungsreise dabei, will man einfach grad sofort wieder mitmachen. Das ganze Team konnte gar nicht aufhören mit Transekt fahren. Und die vielen Delfine haben uns den Abschied auch nicht gerade leicht gemacht… Mit einem Sprung ins warme Wasser verabschiedeten wir uns vom Meer. Nur ungern und mit dem Versprechen: Wir kommen wieder!