Die Diskussion und die Abstimmung am 19. Mai 2019 über das Ozeanium in Basel haben gezeigt, dass in weiten Teilen der Bevölkerung ein Wertewandel stattgefunden hat.  Arten- und Tierschutz muss dort stattfinden, wo die Tiere naturgemäss leben und nicht in einer künstlichen Umgebung.

Dieser Wertewandel kommt nicht überraschend. Dank dem guten Zugang zu Informationen weiss die Bevölkerung heute viel mehr über Tiere und nimmt diese nicht mehr ausschliesslich als Attraktion wahr, sondern als fühlende Wesen. Daher wurde aus dem Plan für ein Ozeanium ein NOzeanium.

In der Schweiz ist das kritische Bewusstsein gegenüber Wildfängen und Gefangenhaltung von Meerestieren schon seit langem am Wachsen. Wenn ich an die letzten dreissig Jahre denke, in denen ich für und mit OceanCare an diesem Thema arbeite, dann wird klar, dass ein Grossteil der Bevölkerung diese Tiere nicht in einem Betonbecken oder Glastank anschauen möchte. Vielmehr erfreut sie sich an (spannenden) Informationen über das natürliche Verhalten der Tiere in einem Dokumentarfilm oder plant diese Tiere irgendwann einmal in freier Wildbahn zu beobachten.

Ein Blick auf die Chronologie der Diskussion zu Delphinarien und Ozeanarien in der Schweiz zeigt diesen Trend auf eindrucksvolle Weise:

1989: Verhinderung des Baus eines Delphinariums in Martigny/VS

1998: Der Kinderzoo Knie schliesst das Delphinarium

2012: Die Schweiz erlässt ein Importverbot für alle Wale und Delphine

2013: Schliessung des letzten Delphinariums in der Schweiz, dem Connyland

2019: Die Basler Bevölkerung lehnt den Bau des Ozeaniums ab

Ich denke, dass sich der Zugang zu den Tieren über die Jahre hinweg massiv verändert hat und damit auch das Konzept der Tierliebe, welches auch die Verantwortung des Menschen gegenüber den Tieren miteinbezieht. Viele Menschen wollen nicht mehr mit Delphinen in einem Becken schwimmen, weil man sie ach so liebt. Viele sind aufgeklärt und verzichten auf den Besuch eines Delphinariums, das Wildfänge bezogen hat und dadurch z.B. die Delphintriebjagd in Taiji (Japan) fördert, die sich in den letzten Jahren immer mehr auf lukrative Wildfänge  für Delphinarien spezialisiert hat. Doch die zunehmend kritische Haltung reduziert sich nicht auf Meeressäugetiere.

Man fühlt sich unwohl, Haie dabei zu beobachten, wie sie endlos Kreise in einem Aquarium drehen. Fragen nach dem Nachschub für die in Aquarien verendeten Tiere werden gestellt und ebenso nach der Herkunft der Beutetiere. Selbst die Energie- und Kosteneffizienz von Aquarien und ihr Einfluss auf den Klimawandel werden kritisiert.

Die Bevölkerung will den Zoos also keine Carte Blanche mehr geben. Das Wissen ist nicht mehr den Zoologen vorbehalten. Es gibt in allen Bevölkerungsschichten gebildete Menschen und solche mit Fachwissen. Und: Es gibt ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass es Dinge gibt, die uns immer verborgen bleiben. Peter Jaeggi, Journalist, sagt auf Social Media in seinem Kommentar zum Abstimmungsergebnis treffend: „Ein grosses Problem wird jedoch leider für immer bleiben: Tiere können nicht sprechen. Interpretationen der Verhaltensforschung sind menschliche Interpretationen. Was immer da gesagt wird – die direkt Betroffenen werden nie widersprechen. Daraus erwächst eine ganz besonders grosse Verantwortung des Menschen. Getragen vom Grundsatz: Im Zweifelsfalle für das Tier.“

Die Abstimmung über das Ozeanium bestätigt eindrücklich, dass das Prinzip «im Zweifelsfall für das Tier» mittlerweile den Wunsch der Mehrheit ausdrückt.

Mit tiefer Befriedigung sehe ich den Wertewandel in der Haltung der breiten Öffentlichkeit in der Schweiz gegenüber der Gefangenhaltung von Meerestieren voranschreiten und freue mich am Beitrag, den OceanCare hierzu geleistet hat.

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Präsidentin, OceanCare

Sigrid Lüber ist Gründerin und Präsidentin von OceanCare