OceanCare an der Tagung des Ständigen Ausschusses zum Schutz migrierender Tierarten

Seit gestern nehme ich in Bonn an einer Artenschutz-Tagung teil. Der frühere deutsche Regierungssitz, mittlerweile wieder zur unaufgeregten Provinz-Metropole am Rhein zurückgestuft, ist derzeit Schauplatz einer Konferenz, die in diesen unsicheren Zeiten zukunftsweisende Beschlüsse fassen muss: Der Ständige Ausschuss der CMS (Convention on Migratory Species) bereitet die Vertragsstaatenkonferenz vor, die im Herbst 2017 in Manila tagt, der Hauptstadt der Philippinen.

Wie die Welt dannzumal aussehen wird, ist zumindest fraglich, denn die letzten Stunden und Tage haben sehr deutlich gemacht, in welch bedrohliche Umbruchphase wir jetzt schon geraten sind: Es war ein böses Erwachen an diesem Morgen, als ich schlaftrunken im Hotelzimmer das Radiogerät einschaltete und in den Früh-Nachrichten den Namen des soeben gewählten zukünftigen US-Präsidenten vernahm Ich war tief enttäuscht und schockiert; denn insgeheim hatte ich gehofft, dass meine Vorahnung nicht eintreffen, dass die Befürchtung, die schon fast Gewissheit war, sich doch noch als unberechtigt herausstellen würde.

Mein zweiter Gedanke galt einem anderen Mann – und diese Erinnerung ist so angenehm, dass sie fast schon ein bisschen tröstlich wirkt.

Weil ich spürte, dass eine Erkältung im Anzug ist, und weil ich wusste, dass das Appartement-Hotel Kaiser Karl etwas abgelegen in einem Bonner Aussenquartier liegt, wollte ich mir, als ich am Vorabend auf dem Flughafen Köln-Bonn angekommen war, die aufwändige Anreise mit dem öffentlichen Verkehr ersparen: Ich leistete mir ausnahmsweise ein Taxi und kam mit einem Mann ins Gespräch, an dem mir die warme Stimme und vor allem diese gepflegte Sprache auffiel. Vor bald dreissig Jahren, sagte der Taxifahrer, sei er aus der Türkei nach Deutschland gekommen, und er habe, um sich möglichst rasch in der neuen, selbst gewählten Heimat zu integrieren, beschlossen, die deutsche Sprache gründlich und akzentfrei zu erlernen. Bald kamen wir auf das Thema zu sprechen, das derzeit die Menschheit aufwühlt: Die US-Wahlnacht war angelaufen und würde in den nächsten Stunden mit einem Resultat enden, das nicht nur die Amerikaner betrifft – es wird das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen: Wird Hillary Clinton es beim zweiten Anlauf schaffen, zum ersten Mal in der Geschichte der USA das mächtigste politische Amt bekleiden und diese Aufgabe mit jener Energie wahrnehmen, die dem weiblichen Prinzip zum Durchbruch verhilft, mit der Kraft, die Leben spendet und Leben schützt. Oder wird jener Mann ins Weisse Haus einziehen, der Weiblichkeit unverhohlen verspottet, der den Besitz todbringender Waffen zum bürgerlichen Grundrecht deklariert, dessen Söhne als Grosswildjäger prahlen und neben den Kadavern von Tieren posieren, die sie abgeknallt haben?

Der freundliche, türkischstämmige Taxifahrer und ich teilten die deutliche Vorahnung, dass diese Nacht ein Ende nehmen würde, das nicht gut sein wird – für die Menschen nicht und auch nicht für die Welt der Tiere. Dabei kamen wir auf den Grund meiner Reise nach Bonn zu sprechen, auf die Tagung des Ständigen CMS-Ausschusses. Und auch in diesem Punkt waren wir uns einig: Das Engagement regierungsunabhängiger Organisationen, die sich für den Schutz der Natur und der Tiere einsetzen, wird in naher Zukunft noch dringender werden.

Als der Taxifahrer mich vor dem Hotel absetzte und ich das Portemonnaie aus der Tasche holte, zeigte er mir eine kleine schwarze Kladde. Das sei sein Tagebuch, sagte er, das habe er immer bei sich: „Jedes Mal, wenn ich einem Menschen begegne, der mich besonders beeindruckt, werde ich das diesem Buch anvertrauen. Jetzt habe ich wieder was zu schreiben!“

Während in Bonn der Ständige Ausschuss des CMS-Abkommens zum Schutz migrierender Tierarten tagt, triumphiert in New York ein Milliardär, der migrierende Menschen mit Mauern von seinem Land fern halten will. Dabei geht mir dieser Taxifahrer nicht aus dem Kopf, der seine Heimat verlassen musste – ein Land, in dem heute eine demokratische Institution nach der anderen der Willkür eines machthungrigen Diktators zum Opfer fällt.

Und doch gibt es Hoffnung – zum Beispiel an der CMS-Tagung, wo mir chinesische Umweltschützer auffallen, die sich mit enormem Enthusiasmus für ihre Ideale stark machen.

Nach diesen Eindrücken bin ich mit gemischten Gefühlen zum Tagungszentrum aufgebrochen: Morgen, am letzten Tag der Konferenz, wird OceanCare eine besondere Ehre zuteil.

Davon wird noch zu berichten sein …

 

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare

Sigrid Lüber berichtet vom 45. Meeting des CMS Standing Committee.

Bonner Konvention