Die 19. Tagung des Informal Consultative Process (ICP) endete am 22. Juni 2018 in New York, USA. Das diesjährige Schwerpunktthema war die Problematik des vom Menschen erzeugten Unterwasserlärms. Der die Erkenntnisse des Expertengremiums zusammenfassende Bericht wird dem UNO-Generalsekretär der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UNGA) vorgelegt. Die Vereinten Nationen werden im Herbst darüber beraten, in welcher Weise man auf die Erkenntnisse reagiert. Wir reflektieren noch einmal die Geschehnisse und geben einen Ausblick.

Das Thema ist angekommen und zwar auf der höchsten Ebene der internationalen Politik. Unterwasserlärm stellt eine Bedrohung für die Bewahrung der marinen Artenvielfalt und des gesamten marinen Ökosystems dar. Die Auffassungen der Experten divergieren eigentlich nur bei der Frage des Ausmasses der möglichen negativen Auswirkungen des Unterwasserlärms. Dieser Tatsache wurde innerhalb der Diskussionen an dem ICP auch dahingehend Rechnung getragen, dass eine der zentralen Fragestellungen die möglichen sozioökonomischen Folgen dieser Form der Meeresverschmutzung war.

Eine der essentiellen Diskussionsgrundlagen für den Diskurs am ICP war der von Dr. Lindy Weilgart, Dalhousie Universität, im Auftrag von OceanCare verfasste Bericht, in dem die renommierte Meeresbiologin vorliegenden wissenschaftlichen Informationen über die Auswirkungen von Lärm auf Fische und Wirbellose zusammenfasste. Das Dokument liest sich wie ein Hilferuf der Wissenschaft, die Aktivitäten des Menschen in den Meeren besser zu regulieren. Kurz gesagt: die Meere müssen leiser werden – die internationale Politik steht in der Pflicht.

Eine daraus abzuleitende Konsequenz ist eine sorgsame Prüfung von lärmerzeugenden Aktivitäten, bevor eine Genehmigung solcher Projekte (z.B. Einsatz von Schallkanonen bei der Suche nach Öl) erteilt wird. Das geeignete Instrument ist die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Wie berichtet hatten die Vertragsstaaten der Bonner Konvention (CMS), die Bestandteil des Umweltprogramms der Vereinten Nationen ist, im Herbst 2017 Richtlinien für die Durchführung von UVPs vor lärmerzeugenden Aktivitäten beschlossen. Im Rahmen unserer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem CMS-Sekretariat und auf formelle Einladung der Vertretung Monacos an der UNO, präsentierten wir dieses Instrument an der ICP-Tagung. Warum das Rad neu erfinden, wenn das modernste Rennrad gerade fertiggestellt wurde? Die Richtlinien sind ein wichtiger lösungsorientierter Beitrag im Diskurs über Möglichkeiten, den Lautstärkeregler unter Wasser herunterzufahren.

Liest man nun den vor Ort besprochenen Abschlussbericht, so zieht das OceanCare-Team eine zufriedene Bilanz, da viele der sehr wichtigen und von OceanCare geforderten Aspekte darin reflektiert sind, u.a.:

  1. Anerkennung von Unterwasserlärm als Verschmutzung (Pollution) der Meere.
  2. Notwendigkeit der Untersuchung soziökonomischer Auswirkungen von Lärm verursachenden Aktivitäten in den Meeren im globalen Kontext.
  3. Zwei im Rahmen der Vereinten Nationen agierende Abkommen – die Bonner Konvention zur Erhaltung wandernder Tierarten (CMS) und die internationale Schifffahrtsorganisation (IMO) – haben mit ihren Richtlinien für Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) vor der Genehmigung lärmerzeugender Aktivitäten bzw. für eine leisere Frachtschifffahrt proaktive Massnahmen entwickelt, deren Anwendung von der internationalen Staatengemeinschaft einzufordern ist.
    4. Anreiz für Entwicklung lärmreduzierender Technologien: Staaten sind aufgefordert, regulierende Vorschriften zu erlassen, die Anreize zur technologischen Entwicklung lärmreduzierender Technologien schaffen.
    5. Massnahmen, u.a. die Durchführung von UVPs, aber auch die Einrichtung von Meeresschutzgebieten sind in dem Vertrag über den Schutz internationaler Gewässer (BBNJ), der im September verhandelt wird, zu berücksichtigen.

Es gäbe weit mehr zu berichten, doch widmen wir uns kurz einem Ausblick. Bereits am Dienstag, 26.6.2018, nach dem Ende des ICP, konnte OceanCare an einem Event im Europäischen Parlament über einige der Erkenntnisse des ICP referieren und für die Notwendigkeit effizienterer Massnahmen, als bisher in europäischen Meeren getroffen, werben. Parallel dazu präsentierten wir Informationen gegenüber Vertretern der Fischerei und Mittelmeeranrainerstaaten an einer Fachtagung in Marokko, die sich der Erhaltung kommerzieller Fischbestände widmete. Am Montag reist ein OceanCare-Team an die Tagung des Fischereikomitees der UNO-Welternährungsorganisation FAO in Rom.

Die Liste liesse sich lange fortsetzen, doch der wesentliche Punkt ist leicht zusammengefasst:
OceanCare widmet sich dem Grundsatz, konkrete Schutzmassnahmen auf internationaler Ebene zu verankern und diese messbar in der Praxis umzusetzen. Das ICP war mehr als weiterer Schritt, es war eine Weichenstellung für das ernste Adressieren der Gefahren des Unterwasserlärms. Die Herausforderungen bestehen weiterhin, doch sie schrecken uns nicht ab, sondern motivieren uns. Das Engagement für die Meere bleibt alternativlos.

Weiterführende Informationen

Lesen Sie die Gedanken von Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare, die das Thema Unterwasserlärm im Jahr 2004 an die Vereinten Nationen brachte.

CMS-Beitrag

Erkentnisse aus dem Bericht von Lindy Weilgart: Unterwasserlärm gefährdet die Ernährungssicherheit

Mit der APA und der AFP berichteten zwei Nachrichtenagenturen von den Ergebnissen der Tagung.

Der Artikel der AFP auf Englisch

Der Artikel der AFP auf Französisch

Der Artikel der AFP auf Spanisch