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Anhand des Schicksals zweier Wale sehen wir, wie sehr dieses durch uns Menschen beeinflusst ist. Der eine, ein junger Pottwal, wurde im Juni nördlich von Sizilien gesichtet. Er hatte sich in treibendem Fischereigerät verheddert. Der andere, ein Erwachsener weiblicher Finnwal, wurde zunächst an der Ostküste Griechenlands gesichtet und schwamm durch die Strasse von Sizilien ins Ligurische Meer. Die Besonderheit: Dem Finnwal fehlte die gesamte Schwanzflosse.

Zwei Wale unterschiedlicher Art, im gleichen Meer, dem Mittelmeer, den nahezu gleichen Gefahren ausgesetzt, die alle vom Menschen verursacht werden. Pottwale, aber auch sämtliche anderen Wale und Delphine, Meeresschildkröten und Seevögel verfangen sich zu Tausenden in treibendem Fischereigerät. Ob es sich um Treibnetze handelt, deren Verwendung in europäischen Gewässern seit dem Jahr 2002 und im gesamten Mittelmeer seit 2005 verboten ist, oder um Fischernetze und -leinen, die bewusst auf See „entsorgt“ wurden, ohne Hilfe bedeutet dies den Tod der darin verhedderten Tiere. Bedenkt man, dass alleine in europäischen Gewässern durchschnittlich etwa 25.000 Netze mit einer Länge von 1 250 Kilometern jährlich über Bord gehen, kann man sich das Ausmass der Gefahr vor Augen führen.

Im Falle des weiblichen Finnwals sind sich Experten nicht sicher, ob die Schwanzflosse durch eine Kollision mit einem Schiff abgetrennt oder durch Verfangen in Fischereigerät amputiert wurde. Aber es wurden Details über den Wal bekannt, die uns zutiefst besorgt und auch traurig stimmen.

Abschied von „Codamozza“

Unsere Partnerorganisation in Italien – das Tethys Research Institute –, deren wissenschaftliche Projektarbeit OceanCare seit vielen Jahren unterstützt, konnte anhand des Abgleichs von Foto-Material die Identität des Finnwals bestimmen, der im Jahr 1996 zum ersten Mal von Tethys gesichtet wurde. Bereits zum damaligen Zeitpunkt fehlte dem Tier ein Grossteil der linken Schwanzflossenhälfte. In all den Jahren blieb der „Codamozza“ (abgeschnittene Fluke) getaufte Wal ein Rätsel und Faszination für die Wissenschaft, da es einer enormen Kraftanstrengung bedarf, sich derart eingeschränkt fortzubewegen und Nahrung zu finden. Doch mit dem Verlust der gesamten Schwanzflosse, der aller Erkenntnis nach bereits im Herbst 2019 erfolgte, sind die Tage der Walberühmtheit gezählt.

„Codamozza wurde zuletzt vor einigen Tagen im Golf von Toulon gesichtet. Sie wirkte sehr erschöpft, ihre Bewegungen stark verlangsamt. Wir befürchten, dass sie heute bereits nicht mehr am Leben und auf den Meeresboden abgesunken ist. Es ist ein furchtbar trauriges Schicksal und wir werden unsere Bemühungen weiter verstärken, um solche Schicksale in Hinkunft zu vermeiden“, sagt Dr. Simone Panigada, Präsident des Tethys Research Institutes und Finnwalexperte.

„Für Codamozza kann der Mensch kaum noch etwas tun. Ihr Schicksal ist jedoch unser Auftrag, die Meere zu einem besseren, sichereren Ort für Wale und andere Meeresbewohner zu machen“, kommentiert Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare, das Schicksal des Finnwals.

Der junge Pottwal, der sich im Juni in treibendem Fischereigerät verfangen hatte, wurde von der Küstenwache befreit. Drei seiner Artgenossen warteten in der Nähe auf ihr Gruppenmitglied.

Weiterführender LINK

Nicolas Entrup im Interview mit ARD BRISANT

Webnews zu dem Finnwal ohne Fluke

Wal-Warnsystem Save Moby