Die Vorfreude ist riesig als ich am Samstag, 25.6.16 in Catania ankomme. Meine erste Wal- und Delphinforschungswoche steht mir bevor! Ein Gruppentaxi bringt mich mit meinen vier Mitstreitern zum Hafen Portorosa, der sich an der Nordküste der italienischen Insel befindet.
Auf dem Steg werden wir von der Projektleiterin, Dr. Silvia Frey und dem Skipper, Samuel Stähelin herzlich begrüsst. Sie zeigen uns die Earth Planet, unser Zuhause für die kommende Woche. Schnell das Gepäck in die Kabine gestellt und schon geht’s los mit dem ersten Programmpunkt.

Wir spazieren den Strand entlang zu einem Restaurant, wo wir in Kerzenlicht-Atmosphäre unseren Hunger stillen und uns beschnuppern. Eins ist nämlich trotz der bisher nur kurzen Begutachtung des Schiffs bereits klar: wir werden uns in den nächsten sieben Tagen sehr nahe sein. Jeder Zentimeter ist genutzt und Rückzugsmöglichkeiten kaum vorhanden. Doch die Chemie zwischen uns scheint zu stimmen und es wird munter geplaudert – phu, Glück gehabt!

Die erste Nacht auf dem Schiff ist unruhig. Wir haben sehr laute Nachbarn im Hafen, die bis in die frühen Morgenstunden feiern und uns allen den Schlaf rauben. Ich ahne zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sehr kurze Nächte die Norm werden sollen…

Trotz der Müdigkeit kann ich es am nächsten Morgen kaum erwarten, endlich in See zu stechen. Ich übe mich fleissig in Seemannssprache und sorge so für einige amüsierte Gesichter. Die meisten Volunteers haben nämlich (im Gegensatz zu mir) bereits viel Segelerfahrung und können sich ein Lachen nicht verkneifen, als ich euphorisch verkünde: Leinen los!

Earth Planet
Silvia instruiert die Volunteers

Unser erstes Ziel ist die Insel Vulcano, sie gehört zu den äolischen Inseln und liegt im Süden von Lipari. Silvia warnt uns vor, dass uns dort ein strenger Schwefelgeruch erwarten wird, da der Vulkan regelmässig Gas ausstösst. Auf dem Weg dorthin tasten wir uns an den Transekt heran, eine Beobachtungsmethode, mit der entlang einer geraden Linie Beobachtungen festgehalten werden können. Und tatsächlich: die ersten beiden Delphine geraten in unser Beobachtungsfeld! Sie tauchen zwar nur kurz auf, doch die Aufregung auf der Earth Planet ist gross.

Vor Vulcano angekommen melde ich mich zusammen mit einer Volunteer-Kollegin zum Kochdienst. Es ist nicht ganz einfach, auf einem schwankenden Schiff Gemüse zu schneiden und mit heissem Wasser zu hantieren. Doch uns gelingt ein grosser Topf Spaghetti mit Gemüsetomatensauce, den die Crew innert Minuten verschlingt. Ein bisschen Wein gehört natürlich auch dazu und durch die Plaudereien und Spässchen merke ich kaum, dass es schon nach Mitternacht ist. Für den nächsten Morgen ist Tagwache um 5.30 Uhr angekündigt – jetzt aber schnell ins Bett!

Wir haben viel vor an diesem Montag. Die Strasse von Messina liegt vor uns und natürlich freuen wir uns auf so viele Sichtungen wie möglich. Doch in der ersten Tageshälfte bleibt es ruhig. Wir wechseln uns im Stundentakt ab mit den Transekt-Schichten während Silvia ihr heissgeliebtes Hydrophon ins Meer gleiten lässt. Damit hören wir auch kilometerweit entfernte Unterwassergeräusche. Meist sind es Motorengeräusche von Schiffen. Doch plötzlich tauchen ganz leise seltsame Klickgeräusche auf – ein Pottwal! Wir halten in alle Richtungen Ausschau, doch der Wal lässt sich nicht blicken. Vermutlich ist er zu weit entfernt und damit ausserhalb unseres Sichtfelds. Dafür werden wir am Abend mit mehreren wunderschönen Delphinsichtungen belohnt. Die Streifendelphine sind neugierig und kommen ganz nah ans Schiff heran. Sie springen in den Bugwellen und manche drehen sich sogar leicht auf den Rücken, um uns kurz zu begutachten. Wer beobachtet hier wohl wen? Wir sind alle ganz aus dem Häuschen und kommen überglücklich, aber übermüdet (es war ein 14-Stunden-Tag!) am Fuss des Ätna, im Hafen von Riposto an.

Wir wissen noch nicht, wie anstrengend der nächste Tag werden soll und verlieren uns in Gesprächen über die Delphinsichtungen und allerlei anderen Geschichten, die die Müdigkeit in unsere Köpfe spült. Wieder wird die Nacht sehr kurz. Doch kaum geht die Sonne auf, bin ich schon wieder ungeduldig und der Schlafmangel ist vergessen. Es wird ein windiger Tag und die Wellen auf dem Meer sind zu hoch, um Tiere sehen zu können. Die Segel sind gesetzt und wir trotzen dem Wind in Richtung Siracusa. Jede Bewegung auf dem Schiff wird zur Herausforderung, denn ständig wirbeln Sitzkissen, Trinkflaschen und andere kleinere Gegenstände übers Deck. Bis anhin wurden wir alle von der Seekrankheit verschont, doch bei diesem Wellengang wird einer Kollegin doch etwas mulmig. Auch ich bin froh, als wir im Hafen von Siracusa ankommen und wieder festen Boden unter den Füssen haben.

Auch am nächsten Tag sind die Winde zu stark für unser Forschungsvorhaben und wir müssen im Hafen bleiben. Immerhin: wir bekommen von Silvia eine hochspannende Einführung über das Ökosystem Meer und die Waltiere im Mittelmeer. Selten habe ich es erlebt, dass jemand in so kurzer Zeit so viel Wissen vermitteln kann – beeindruckend! Nach einem kurzen Nickerchen bin ich bereit für einen Rundgang durch die Küstenstadt und wir finden sogar ein schönes Plätzchen zum Baden. Es tut gut, die Seele etwas baumeln zu lassen. Wir gönnen uns am Abend einen Restaurantbesuch und lassen den Tag gemütlich ausklingen.

Die letzten beiden Tage vergehen wie im Flug. Wir haben wiederum mehrere Delphinsichtungen – die Tiere scheinen uns zu mögen! – und langsam aber sicher bekomme sogar ich etwas Routine im Schiffsalltag. Auch den Pottwal hören wir noch zweimal, doch zeigen will er sich noch immer nicht. Diesem unsichtbaren Begleiter gelingt es dennoch mit jedem Klick, den er von sich gibt, eine zum Zerreissen gespannte Atmosphäre auf der Earth Planet zu erzeugen.

 

Am Freitag erleben wir noch etwas ganz Besonderes. Beim Badestopp am Mittag entdecken wir einen Thunfischschwarm. Vorsichtig, um die Tiere nicht zu erschrecken, steigen wir mit Schnorchel und Taucherbrille ins Wasser und können die Fische aus nächster Nähe beobachten. Wir scheinen hier in ein bevorzugtes Jagdgebiet der Thunfische gelangt zu sein, denn auch auf der Weiterfahrt sehen wir immer wieder springende Schwärme – ein eindrückliches Spektakel!

Wir kommen wiederum in Riposto an und die Abschiedsstimmung liegt bereits in der Luft. Ich bin überrascht, wie schnell ich die mir bis anhin fremden Menschen ins Herz geschlossen habe. Die geteilte Aufregung bei Sichtungen, die stundenlangen Gespräche, das gemeinsame Kochen und die gegenseitige Unterstützung bei den Arbeiten an Bord schweissen die ganze Crew zusammen. Es ist ein kleiner Mikrokosmos, der bei der Abreise am Samstagmorgen aufgelöst wird. Doch bereits wird ein Wiedersehen geplant und die Freude über die gemeinsam verbrachte Zeit überwiegt den Abschiedsschmerz. Mir wird so deutlich wie noch nie zuvor vor Augen geführt: OceanCare verbindet nicht nur Mensch und Tier, sondern auch Mensch und Mensch.

An Bord der Earth Planet
Sandra Ludescher

Sandra Ludescher

Sandra Ludescher ist Kommunikationsleiterin bei OceanCare und war im Juli 2016 auf ihrer ersten Wal- und Delphinforschungsreise. Weitere Informationen zu den jährlich stattfindenden Expeditionen finden Sie hier: www.oceancare.org/forschungsreise