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Deutsche Übersetzung des Huffingtonpost Artikels von Mark Simmonds vom 19.2.16, mit freundlicher Erlaubnis.

Kaum ein Anblick ist beklemmender als der eines sterbenden Wals, der von einer kräftigen Brandung umspült wird. Genau das mussten wir aber in den vergangenen Wochen erleben, als etliche prächtige Pottwale an den Küsten der Nordsee strandeten. Natürlich stellen wir uns da die Frage, warum dies geschehen ist und ob wir ihnen hätten helfen können.

Tote, kranke oder verletzte Wale und Delphine können an die Küsten gespült werden, und bei stürmischem Wetter kann das häufiger der Fall sein als sonst. Es gibt also ein normales Mass an Strandungen, das aus natürlichen Gründen variieren kann. Auch die Bestandszahlen und Verbreitungsmuster der Wale beeinflussen die Strandungsraten. Wenn sich die Populationen also (hoffentlich) von der Bejagung erholen, kann auch die Zahl jener steigen, die an Land geschwemmt werden. Und Populationsverschiebungen durch den Klimawandel können lokale Strandungsmuster verändern.

Massenstrandungen lebender Wale geben besondere Rätsel auf. Sie widersprechen unserem Hausverstand, sind aber bei bestimmten Arten mit besonders starken sozialen Bindungen nicht aussergewöhnlich. Dazu zählen auch die Grindwale und die Pottwale. Draussen auf hoher See leben diese Wale in Schulen und sind zum Überleben in hohem Masse aufeinander angewiesen, etwa wenn es darum geht, gemeinsam Nahrung zu finden oder Feinde abzuwehren. Wenn sie aber in flacheren Gewässern in Schwierigkeiten geraten, kann dieser starke Gruppenzusammenhalt mitunter tödliche Folgen haben.

© Mark Simmonds / HSI

© Mark Simmonds / HSI

Der natürliche Lebensraum der Pottwale ist die Tiefsee. In ihrer Evolution haben sie sich auf Tiefsee-Tintenfische spezialisiert und tauchen daher 1000 Meter und mehr hinab, um ihre Beute zu finden. In Europa findet man sie unter anderem am Rande des Kontinentalschelfs nördlich und westlich der Britischen Inseln. In der Regel handelt es sich hier um Männchen, denn die Weibchen bleiben weiter im Süden. Die südliche Nordsee hingegen ist ihnen völlig fremd. Hier ist nicht ihr Zuhause. Das Meer ist flach, hat einen weichen Grund (was ihre Sinne verwirren kann) und im Süden mit dem Ärmelkanal nur einen schmalen, verlärmten und sehr seichten Ausgang. Auf das Auftreten von Grosswalen in diesem Bereich folgt daher nicht selten deren Strandung.

Massenstrandungen von Pottwalen sind in Europa keineswegs Einzelfälle, aber 29 beteiligte Wale sind bei weitem mehr als bei allen bisherigen Ereignissen. Vielleicht sind gleich mehrere Gruppen in die Nordsee geraten. Das unterstreicht einmal mehr, wie wichtig eine gründliche Untersuchung der Vorfälle ist. Ich habe zwar bisher herausgestrichen, dass Strandungen natürlicherweise vorkommen, aber sie können auch vom Menschen verursacht werden. Der soziale Zusammenhalt mancher Wal- und Delphinarten kann dazu benutzt werden, mit Booten und Lärm ganze Gruppen an die Küste zu treiben und dort zu töten. Dies geschieht leider weiterhin auf den Färöern und in Japan. Ebenso können intensiver Lärm und Störungen auf offener See die Wale Richtung Land und damit in eine gefährliche Situation manövrieren.

Grossbritannien ist im Feld der Walpathologie weltweit führend und die Experten der von der Regierung unterstützten Forschungsgruppe CSIP (Programm zur Erforschung von Wal- und Delfinstrandungen) können bei vielen Strandungen die Ursachen aufklären. Dank ihnen und anderen hervorragenden Wissenschaftlern wissen wir heute, dass starker Lärm bestimmte Arten dazu bringen kann, zu schnell aufzutauchen, sodass sich Gasbläschen in ihren Geweben und Gefäßen bilden, so wie bei der „Taucherkrankheit“ bei Menschen. Bei Walen kann das den Tod oder Lebendstrandungen nach sich ziehen.

Bemühungen zur Rettung von Meerestieren werden im Vereinigten Königreich zur Gänze von Freiwilligen getragen und von einem Netzwerk gemeinnütziger Organisationen koordiniert, darunter British Divers Marine Life Rescue, RSPCA und SSPCA. Dieses Netzwerk bildet die Marine Animal Rescue Coalition, die sich im Lauf der Jahre effiziente Vorgehensweisen auf der Grundlage neuester veterinärmedizinischer Kenntnisse erarbeitet hat. Freilich stellen gestrandete Grosswale eine sehr grosse Herausforderung dar und standen in den letzten Jahren im Mittelpunkt vieler Diskussionen und Beratungen mit anderen Experten auf allen Kontinenten. Leider gibt es hier keine einfachen Antworten. In der Regel sind diese Wale so gross, dass sie nicht ohne weitere Schädigung bewegt werden können, und dass schon der Strandungsvorgang rasch zu irreparablen inneren Schäden führt. Und selbst wenn die Helfer einen der gestrandeten Pottwale schnell bergen und in die Nordsee zurückbringen hätten können, wäre er dort immer noch am falschen Ort, in einer ungeeigneten Umgebung ohne Nahrung, wo er vielleicht einfach erneut gestrandet wäre. Auch Möglichkeiten zur Euthanasie von Grosswalen, um ihr Leiden zu vermindern, werden regelmässig erwogen. Aber auch hier gibt es derzeit keine gangbaren Lösungen für die vielen Probleme, die mit der enormen Grösse der Tiere einhergehen. Die Retter überprüfen aber regelmässig ihre Vorgangsweisen und lernen von neuen Erkenntnissen, die von der Pathologie und anderen Wissenschaftszweigen hervorgebracht werden.

Inzwischen sind wir in Grossbritannien gut aufgestellt, um auf Strandungen von Delphinen, Schweinswalen und anderen Kleinwalen reagieren zu können, und wir arbeiten daran, das Training auf Retter in anderen Erdteilen auszuweiten. Wenn Sie einen gestrandeten Delphin oder Wal finden, versuchen Sie nicht, die Situation alleine zu lösen – damit können Sie sich selbst und die Tiere in Gefahr bringen (die Tiere unsachgemäss zu bewegen, kann ihnen tödliche Verletzungen zufügen) –, sondern rufen Sie die Experten!


Portrait_Mark_SimmondsMark Simmonds ist ein weltweit bekannter Meeresbiologe, der sich mit den Faktoren auseinandersetzt, die einen Einfluss auf Meeressäuger haben. Er ist Autor/Ko-Autor von über 200 wissenschaftlichen Abhandlungen, Berichten, Artikeln und Rezensionen und einer Vielzahl von Büchern. Seine Arbeit hat dazu beigetragen, dass die Auswirkungen der Meeresverschmutzung durch Chemie, des Unterwasserlärm, aber auch des Klimawandels auf Meeressäuger in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sind.