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Vor genau 30 Jahren wurde der Vaquita, eine kleine Schweinswalart, die ausschliesslich im nördlichen Teil des Golfs von Kalifornien, Mexiko, vorkommt, in der Roten Liste als „stark gefährdet“ (endangered) eingestuft. Heute zählen wir noch maximal 9 Vaquitas, lebende Relikte, deren Genpool kaum ausreichen wird, um der Ausrottung zu entgehen. Es ist dies ein weiteres Fanal einer verfehlten Artenschutzpolitik.

Im Jahr 1992 gründete der mexikanische Präsident das Komitee zur Erhaltung des Vaquita und des Totoaba, einer Fischart, deren Schwimmblase insbesondere am asiatischen Markt enorme Preise erzielt. Das Schicksal beider Arten ist unweigerlich miteinander verbunden. Wird der Totoaba mit Stellnetzen bejagt, verheddern sich die Vaquitas als „Beifang“ in den Netzen und ersticken.

Mit der Einrichtung des oberen Golfs von Kalifornien als Biosphärenreservat im Jahr 1993 wurde der Lebensraum der beiden Meeresbewohner unter Schutz gestellt, ein Verbot der kommerziellen Fischerei in der Kernzone des Gebietes eingefordert und die mexikanische Marine um Unterstützung bei der Überwachung des Verbots der Totoaba-Fischerei im Hauptgebiet des Vaquita gebeten. So weit der Schutzgedanke am Papier. Der Tod in den Nylonmaschen setzte sich aber fort, die Zahl der mexikanischen Schweinswale sank auf wenige Hundert, der Preis für die Schwimmblase des Totoaba stieg weiter. Natürlich wurde auch der Ruf von Wissenschaftlern und Walschützern nach einer strikten Umsetzung der Schutzmaßnahmen lauter. So stellte die US-Regierung Millionen Dollar bereit, was zumindest das Monitoring der Situation verbesserte, jedoch auch so umschrieben werden kann, dass man seither eben das Aussterben wissenschaftlich fundiert begleitet und belegt. Zahlreiche Initiativen folgten, wie das temporäre Verbot der Stellnetzfischerei. Oder das von Anfang an zum Scheitern verurteilte, aber prominent kommunizierte Projekt, Vaquitas für die Zucht in Gefangenschaft zu fangen – wobei jedoch mindestens ein Tier starb.

Maximal neun Exemplare – keine der Massnahmen war effektiv genug, um den Vaquita zu retten. Es half auch nicht, dass der Vaquita bereits seit 1996 in der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ (critically endangered) eingestuft war, ebenso wie der chinesische Flussdelphin Baiji, dessen letzte Sichtung bereits knapp 20 Jahre zurückliegt.

Vaquita und Baiji sind keine Einzelfälle, sondern stehen vielmehr exemplarisch für ein gescheitertes Artenschutzkonzept, an dem die Politik dennoch bis heute festhält. Die Artenschutzpolitik basiert auf der Einteilung von Arten nach ihrem Gefährdungsstatus. Dieser richtet sich vor allem danach, wie viele Exemplare von einer Art noch vorhanden sind und wie der Trend der Populationsentwicklung ist. Erhöhter Schutz und striktere Erhaltungsmaßnahmen sollten dann eingesetzt werden, wenn die Individuenzahl einer Art besonders stark gesunken ist und die Art als stark gefährdet eingestuft wird. Zu diesem Zeitpunkt ist es aber bereits sehr schwierig, teuer und aufwendig – und letztlich oft erfolglos –, den Trend noch aufzuhalten bzw. umzukehren.

Dass dies nicht nur in Mexiko und China, sondern global ein Problem darstellt, zeigt auch ein Blick nach Europa. So hat die Orca-Population in der Region vor Gibraltar nur noch weniger als 40 Mitglieder. Vom einst als Götterboten verehrten Gewöhnlichen Delphin im Golf von Korinth zählen Wissenschaftler gar nur noch 20 Exemplare. Der Nördliche Glattwal ist aus dem europäischen Teil des Atlantiks gänzlich verschwunden und nur noch vor der nordamerikanischen Ostküste zu finden. Die Europäische Union hat die weltweit strengsten Schutzbestimmungen für Waltiere, aber auch diese kommen oft zu spät oder werden nicht umgesetzt.

Für die Artenschutzpolitik der Zukunft muss der Auftrag daher heien: Was selten geworden ist, soll gerettet werden, und was noch häufig ist, soll häufig bleiben! Entscheidend wird dabei die konsequente Implementierung und der effiziente Vollzug von Schutzmassnahmen, die bis dato viel zu oft nur auf dem Papier existieren.

Nicolas Entrup

Nicolas Entrup

Co-Leiter Internationale Zusammenarbeit