Wädenswil, 6. November 2017: Bis vor kurzem ging es vor allem um Meeressäugetiere, insbesondere tief tauchende Wale, wenn die Gefahren von Unterwasserlärm thematisiert wurden. Eine neue Auswertung der vorhandenen Literatur zeigt nun aber die alarmierenden Belege für schädliche Folgen von Unterwasserlärm für Fische und Wirbellose auf. Dies sollte bei Entscheidungsträgern die Alarmglocken schrillen lassen, denn zunehmender bzw. intensiver Lärm kann sich unmittelbar negativ auf das Nahrungsnetz der Meere auswirken, und damit auf die Fischerei und sogar die Ernährungssicherheit.

OceanCare, eine internationale Meeresschutzorganisation, beauftragte Dr. Linda Weilgart von der Dalhousie University in Kanada mit dieser Studie. Dr. Weilgart wertete darin 114 Studien aus, davon 104 aus referierten wissenschaftlichen Zeitschriften, die verschiedene anthropogene Unterwasserlärmquellen, 61 Fischarten und 26 Arten von Wirbellosen untersucht hatten. Die Erkenntnisse sind erschreckend.

Dokumentierte Auswirkungen:

  • Störungen der ontogenetischen Entwicklung, darunter körperliche Missbildungen sowie höhere Sterblichkeit von Eiern oder Jungtieren
  • innere Verletzungen und andere körperliche Schäden, die zu Taubheit, Orientierungslosigkeit oder sogar zum Tod führen
  • Verschlimmerung der Gehörschäden mit der Zeit und monatelang andauernder temporärer oder sogar permanenter Gehörverlust
  • Stress mit negativen Folgen für das Immunsystem, den Fortpflanzungserfolg etc.
  • Verhaltensänderungen, darunter Aggression, Fluchtreaktionen, verminderte Kommunikation und Nahrungsaufnahme
  • Schäden an DNA und Physiologie
  • hohe Sterblichkeit von Zooplankton, das Lärm ausgesetzt war

Zu den in den ausgewerteten Studien untersuchten Lärmquellen zählen u.a. Schiffe, Schallkanonen („Airguns“) für die Suche nach Öl- und Gasvorkommen und die Erkundung des Meeresgrundes, das Pfahlrammen bei der Errichtung von Offshore-Windkraftanlagen, sowie Sonargeräte.

„Für Meeresfische und -invertebraten, die in vielen wichtigen Lebensfunktionen auf Akustik angewiesen sind, stellt Lärm eine Bedrohung ihrer Entwicklung, Anatomie, Physiologie und Verhaltensweisen dar. Offenkundig schadet Lärm dem Ökosystem als Ganzes und verschlechtert den Lebensraum der Meerestiere“, sagt Dr. Linda Weilgart, Autorin der Literaturauswertung.

„Aktivitäten, die potentiell schädlichen Lärm verursachen, müssen strikt reguliert werden, insbesondere in Gebieten, die von grosser Bedeutung für die marine Biodiversität sind. Gelingt es nicht, das Problem Lärm in einen verantwortungsvollen Umgang mit den Meeren einzubeziehen, laufen wir Gefahr, die UN-Ziele für die nachhaltige Entwicklung in Bezug auf den Meeresschutz zu verfehlen, und setzen überdies die Ernährungssicherheit von Küstengemeinden aufs Spiel. Da nach seismischen Untersuchungen der Fischfangertrag um 80% zurückgehen kann, Beifang zunimmt und die Mortalität von Zooplankton in einem beträchtlichen Umfeld steigt, sollten sehr strenge Vorsorgemassnahmen für lärmerzeugende Aktivitäten in unseren Meeren angewendet werden“, sagt Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare.