Wädenswil/Heusenstamm, 24. Januar 2018. Sechsundsechzig Meeresschutzorganisationen, Umweltschutzorganisationen und führende Meereswissenschaftler haben kürzlich einen offenen Brief an den Vorsitzenden des Marine Stewardship Council (MSC), Dr. Werner Kiene geschrieben in dem sie den MSC im Hinblick auf „Principle 2“ des Standards (Einfluss auf das Ökosystem) kritisieren.

In ihrem Brief verurteilen die Unterzeichner den MSC dass er zunehmend Fischereien mit dem MSC Siegel auszeichnet obwohl diese Tausende von gefährdeten und bedrohten Tierarten fangen und den marinen Lebensräumen irreversiblen Schaden zufügen. Diese Zertifizierungspraxis, so der Brief, stellt die Glaubwürdigkeit des MSC in Frage und führt Verbraucher in die Irre, die beim Kauf von Fisch und Meeresfrüchten auf dieses Nachhaltigkeitssiegel vertrauen.

“Es muss der kumulative Einfluss der Fischereien auf die Bestände aller gefangenen Arten bewertet werden, inklusive des gesamten Beifangs“ sagt Dr. Cat Dorey, Meeresbiologin und Fischereiexpertin. “Wenn Fischereien die Erholung der Bestände an bedrohten Arten beeinträchtigen dürfen sie nicht als nachhaltig zertifiziert werden. Und zwar unabhängig davon ob es sich dabei um die Zielspezies der Fischerei handelt oder nicht. Ich denke dem würden die meisten Verbraucher zustimmen.“

Eine der Hauptforderungen aus dem Brief bezieht sich genau auf diese mangelnde Bedeutung und Aufmerksamkeit hinsichtlich des Schutzes derer Arten die nicht zur Zielspezies der jeweiligen Fischerei gehören. Viel zu oft wird bei der Bewertung oder Überprüfung einer Fischerei deren Einfluss auf gefährdete Arten ignoriert und zur Risikominimierung lediglich kleine Änderungen auf dem Papier vorgenommen anstatt auf echten, nachweislichen Veränderung auf dem Wasser zu bestehen.

„Hummer- und Stellnetzfischereien im Verbreitungsgebiet der Atlantischen Norkaperwale sind für eine Anzahl an Todesfällen dieser äusserst bedrohten Tiere verantwortlich“ sagte Kate O’Connell, meereswissenschafftliche Beraterin beim Animal Welfare Institute in USA. „Dennoch verlieren die Fischereien ihre MSC Zertifizierung nicht. Dies wiederum verdeutlicht dass der Standard so wie er heute geschrieben ist komplett versagt.“

Die Unterzeichner verstehen ihren Brief als Chance für den MSC, von einer Vielzahl an bekannten und angesehenen Organisationen rund um den Globus konstruktives Feedback zu erhalten um so den MSC Standard zu verbessern und dessen Glaubwürdigkeit als führendes Nachhaltigkeitssiegel zu bestätigen. Der Brief fordert zudem dass der MSC

• Keine Zertifizierung von Fischereien zulässt, die gezielt ihre Netze auf Meeressäuger oder andere gefährdete, bedrohte oder geschützte Arten ansetzt;
• Eine strikte „Haiflossen auf natürliche Weise am Tier befindlich“ Regelung für alle Fischereien einfordert die mit Haien in Berührung kommen; und
• Die Zertifizierung von Bodenschleppnetzfischereien in gefährdeten marinen Ökosystemen ablehnt.

Wenngleich der Brief einräumt dass der MSC auf die Bedenken von „Stakeholdern“ in einigen Fällen reagiert hat, so wird doch vor allem deutlich, dass es beim Zertifizierungsprozess gravierende Schwächen gibt, die dringend behoben werden müssen.

„Keine der Forderungen die wir hier stellen ist dem MSC neu, noch ist es so dass ihnen unsere Bedenken diesbezüglich nicht schon seit langem bekannt wären. Was jedoch neu ist, ist die Dringlichkeit für diese, die wir nunmehr in Anbetracht der angestrebten Zertifizierung von 20% des weltweiten Fischfangs bis 2020 sehen,“ sagte Dr. Iris Ziegler von Sharkproject.

Ohne umgehende Verbesserungen seiner Standards und seiner Prozesse läuft der MSC Gefahr selbst als Verantwortlicher für das Problem der Ausbeutung unsere Fischbestände angesehen zu werden und den Verbraucher in die Irre zuführen anstatt die Lösung hierfür zu sein und eine wirklich nachhaltige Alternative darzustellen.“

Der Anhang zum Brief geht im Detail auf die kritischen Schwachstellen des MSC Zertifizierungssystems ein die dafür verantwortlich sind dass Fischereien trotz wesentlicher Vorbehalte hinsichtlich des Umweltschutzes als nachhaltig zertifiziert werden. Fallbeispiele veranschaulichen die Art und das Ausmass der Bedenken der Unterzeichner des Briefes. Im Laufe von 2017 wurde der MSC bereits mehrfach dazu aufgefordert seine Standards und seinen Zertifizierungsprozess zu verbessern.