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Verlierer des Streits um Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer ist die marine Artenvielfalt. OceanCare weist auf wahre Opfer des Streits um fossile Ressourcen im Meeresboden hin.

Wädenswil, 13. Oktober 2020: Das türkische Forschungsschiff ORUC REIS soll Berichten zufolge in den nächsten 10 Tagen weitere seismische Untersuchungen im östlichen Mittelmeer durchführen. Dies wird neuerlich zu Spannungen zwischen der Türkei auf der einen sowie Griechenland, Zypern und der EU auf der anderen Seite führen. Die Wurzel dieses Konflikts ist die grundlegende Uneinigkeit über Gebietsansprüche im östlichen Mittelmeer im Zusammenhang mit dem Recht auf Ressourcenausbeutung.

Die internationale Meeresschutzorganisation OceanCare, die Sonderberater-Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) innehat, betont die Gefahren, die von seismischen Aktivitäten ganz generell ausgehen, egal welches Land sie durchführt. Schallkanonen geben dabei alle 10 bis 15 Sekunden, 24 Stunden am Tag, intensive Schallimpulse mit bis zu 260 Dezibel ins Meer ab. Dieser extreme Lärm gehört zu den lautesten menschlichen Aktivitäten und bedroht marine Arten. Zahlreiche Forschungen dokumentieren gravierende negative Auswirkungen auf Wale und Fische, aber auch auf Wirbellose, darunter die Tötung sämtlicher Krill-Larven in einem gesamten Studiengebiet durch die Nutzung einer einzigen Schallkanone. Auch stark sinkende Fischerträge wurden als Konsequenz bereits nachgewiesen.

„Aus Sicht des Meeresschutzes ist es unerheblich, unter welcher Flagge ein Schiff die Schallkanonen einsetzt. Sie sind so oder so eine Gefahr für das Leben im Meer“, betont Nicolas Entrup, Leiter des OceanCare-Programms gegen Unterwasserlärm. Sowohl Griechenland als auch die Türkei führen seismische Untersuchungen durch, darunter sogar solche im Hellenischen Graben, der tiefsten Region des Mittelmeers und Heimat gefährdeter Pottwale und tieftauchender Schnabelwale. Diese Arten sind durch derart extremen Unterwasserlärm besonders stark gefährdet“, erklärt Entrup.

OceanCare weist auch darauf hin, dass seismische Aktivitäten wie jene der Oruç Reis wohl gegen das Abkommen zum Schutz der Wale und Delphine im Mittelmeer (ACCOBAMS) verstossen, das auch von Griechenland und der Türkei unterzeichnet wurde. In den Jahren 2010 und 2019 beschlossen die ACCOBAMS-Vertragsstaaten Richtlinien für den Umgang mit Unterwasserlärm, die auch spezifische Erläuterungen zu seismischen Untersuchungen enthalten. Interessanterweise fand die letzte ACCOBAMS-Konferenz, 2019, – bei der diese Richtlinien beschlossen wurden – in der Türkei statt, die erst kurz vor der Konferenz dem Abkommen beigetreten war. Die Richtlinien besagen, dass bedeutende Lebensräume für Wale und Delphine gemieden und dass in den anderen Regionen die verträglichste Schallenergiequelle eingesetzt werden sollen. Laut OceanCare halten sich beide Staaten nicht daran.

„Wir fordern die Regierungen der Türkei und Griechenlands dringend auf, jegliche seismische Aktivitäten in der Region einzustellen. Aus Sicht des Walschutzes soll ein sofortiges Verbot solcher Aktivitäten in bedeutenden Lebensräumen von Meeressäugern, wie dem Hellenischen Graben, der Region südlich von Kreta und den Gewässern nördlich von Zypern, umgesetzt werden. Ausserdem fordern wir im Sinne des Meeres- und Umweltschutzes alle Staaten auf, die Suche nach Öl und Gas einzustellen, damit die Pariser Klimaziele erreicht werden können“, sagt Nicolas Entrup.

OceanCare verweist dabei auf Frankreich, das in seinem Teil des Mittelmeers bereits ein solches Verbot erlassen hat.

Spanien zieht im Rahmen der Diskussion über ein neues Klimagesetz ein solches Verbot der Öl- und Gassuche in den spanischen Gewässern in Erwägung. „Der Gesetzesvorschlag ist ein klares Signal an die Ölindustrie, um die Klimaziele bis 2050 zu erreichen. Wir brauchen alle Anstrengungen, um den erneuerbaren Energiesektor zu forcieren. Griechenland und die Türkei sind gut beraten einzusehen, dass die Nutzung von Öl- und Gasvorkommen keine Zukunft haben“ sagt Carlos Bravo, Ocean Policy Experte bei OceanCare in Madrid, Spanien.

 

Medienkontakte:

Nicolas Entrup, Ko-Leiter Internationale Zusammenarbeit, OceanCare, M. + 43 660 211 9963, nentrup@oceancare.org

Carlos Bravo, Ocean Policy Expert, OceanCare, M. + 34 626 99 82 41, cbravovilla@oceancare.org

 

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