<

Es war im Jahr 2008, als Ecuador ein starkes Signal in die Welt sandte: Die Rechte der Natur waren ein integraler Bestandteil der ecuadorianischen Verfassung geworden, und Sumak Kawsay ihr Leitprinzip. Der Quechua-Begriff Sumak Kawsay steht, in einer für uns Bewohner des Nordens vereinfachten Form, für das „gute Leben“ („buen vivir“) und etabliert damit einen Massstab, der über quantitative Masszahlen hinausgeht. Es ist eine neue Vision zur Stärkung eines holistischen Naturbildes, das nicht nur die Biodiversität in ihrer Komplexität umfasst, sondern auch spirituelle Aspekte, und das nach Transparenz und Bürgerbeteiligung verlangt. Sechs Jahre später ist Ecuador nun Gastgeber der 11. Vertragsstaatenkonferenz der Bonner Konvention (CMS) und beherbergt hunderte Delegierte aus mehr als 100 Ländern, darunter auch Vertreter der Zivilgesellschaft, um über die Zukunft wandernder Tierarten zu beraten – geflügelte, landlebende und marine Globetrotter auf Pacha Mama, Mutter Erde.

Gastblog von Nicolas Entrup, Konsulent für OceanCare

Nicolas Entrup, Quelle: www.shiftingvalues.com

Nicolas Entrup

Der Ansatz Ecuadors ist bestechend, vor allem für die Naturschützer unter uns, denn er führt uns wieder vor Augen, dass auch das attraktivste Konzept, auch die fortschrittlichsten politischen Beschlüsse in internationalen Foren nur dann das Urteil der Zeit nicht fürchten müssen, wenn sie zu konkreten, messbaren Vorteilen für die Schutzziele führen. Kritisch gesprochen können wir hinterfragen, warum ein solches Konzept die weitere Steigerung des Ressourcenabbaus selbst in strengen Schutzgebieten Ecuadors nicht verhindern konnte, aber auch auf globaler Ebene ist es so, dass viele starke Beschlüsse von Mitgliedstaaten der Bonner Konvention nichts an der Situation verschiedener Tierarten geändert haben. Das sollte die Entscheidungsträger zum Nachdenken und die Zivilgesellschaft zum Protest anregen. Von daher ist es keine Überraschung, und tatsächlich ein positives Zeichen, dass die Umsetzung, Einhaltung und Durchsetzung von Beschlüssen zu den Kernthemen der diesjährigen Konferenz zählt.

Zwei Arten als Herausforderung für die Öl- und Gasindustrie

Dieser Tage wurde der jüngste Weltklimabericht des IPCC veröffentlicht, mit beunruhigenden Trends zum Klimawandel und seinen Folgen. Die CMS-Konferenz wird diese Diskussion aus der Perspektive betroffener Arten angehen – und zwei Arten in den Fokus der Debatte stellen:

Der Cuvier-Schnabelwal im Mittelmeer
Diese seltsam aussehende, tief tauchende Art ist äusserst empfindlich gegenüber starkem Lärm, dessen Verursacher vor allem Aktivitäten der Marine und die Suche nach Öl- und Gasvorkommen im Meeresboden mittels Schallkanonen („airguns“) sind. Diese seismischen Ressourcenexplorationen senden Schall mit bis zu 260 dB aus und setzen die Tiere einer grossen Gefahr aus. Eine der Regionen, in denen derzeit intensive seismische Untersuchungen durchgeführt werden, ist das Mittelmeer, etwa die Gewässer Griechenlands, Kroatiens und Spaniens.

Der Vorschlag für die Konferenz, diese gefährdete Walart in den Anhang I aufzunehmen, würde strengen Schutz bedeuten, auch vor anthropogenem Lärm. Diese Initiative stammt ursprünglich aus der Feder des spanischen Umweltministeriums, wurde schließlich von der EU eingebracht und von uns, der breiten Naturschutzbewegung, darunter OceanCare, NRDC, Wild Migration, Humane Society International, WDC und viele andere, begrüsst. Gleichzeitig setzt die Öl- und Gasindustrie ihre ignoranten Aktivitäten fort, besonders auch in europäischen Gewässern. Nicht einmal in Schutzgebieten hat diese Industrie ihre Suche nach Kohlenwasserstoffen gestoppt oder gebremst. Und es sind die Energie- und Wirtschaftsministerien, welche die Vergabe von Bewilligungen durchdrücken, oft sogar ohne Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung (z.B. Griechenland und Kroatien). Dabei haben dieselben Regierungen bei der letzten CMS-Konferenz 2011 internationalen Beschlüssen zugestimmt, dass eine UVP durchgeführt werden sollte.

Ein Aufruf, dem Eisbären überleben zu helfen
Dieser Aufruf wurde von der Regierung Norwegens eingebracht, die wacker die internationale Gemeinschaft auffordert, zur Minderung der negativen Folgen des Klimawandels beizutragen, den Lebensraum des Eisbären vor dem völligen Verschwinden zu bewahren und diese ikonische Art vor dem Aussterben zu retten. Der Vorschlag macht deutlich, dass die Arktis-Anrainerstaaten nicht ohne beträchtliche internationale Unterstützung erfolgreich sein können. Dabei müssen alle Aktivitäten des Menschen einbezogen werden, auch Industrien von Nicht-Anrainerstaaten, die starken Druck in Richtung Ressourcenexploration und -ausbeutung ausüben, darunter die Öl- und Gasindustrie und die internationale Schifffahrt.

Dementsprechend gibt es die lautstarke Forderung, die EU und Norwegen bei ihren Initiativen für einen besseren Schutz der Eisbären und Schnabelwale zu unterstützen, und zugleich von allen Ländern eine verbesserte Umsetzung von Schutzmassnahmen einzumahnen. Gleichzeitig ist das ein Aufruf für eine andere globale Energiepolitik. Und der Massstab für den Erfolg solcher Beschlüsse wird letztlich die Lage der Arten sein, die wir schützen wollen. Unsere bisherige Bilanz ist eine des Scheiterns. Aber unsere Vision muss positiv bleiben.