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klaksvikMehr als die Hälfte des Jahres ist vorüber. Und weiterhin hat es nicht eine einzige Grindwal-Treibjagd gegeben. Nun ist die Zeit angebrochen, wo die Färinger am häufigsten zum «Grindadráp» rufen: im Juli und August. Optimismus ist daher verfrüht. Treibjagd konnte noch gar keine stattfinden, weil 2013 noch keine Grindwale im Gebiet der Färöer in Sicht kamen. Wenn sie auftauchen, ist zu befürchten, dass es einmal mehr schief geht. Denn aus Sicht des Wal- und Delphinschutzes geht es natürlich jedes Mal schief, wenn eine Waljagd stattfindet.

Nicht so aus Sicht der färöischen Waljäger. Die Hartgesottenen unter ihnen warten nur auf die Ankunft der Meeressäuger, in der Hoffnung dass genügend Menschen, genügend Boote sich an der Treibjagd beteiligen werden, um die Tiere zur Strecke zu bringen. Und sie werden nicht müde zu betonen, wie «human» das «Grindadráp» sei; wie rasch, effizient, professionell und mit entsprechend wenig Schmerz verbunden die Tötung sei.

Verglichen mit den bestialischen Methoden, mit denen Delphine in Japan – es ist nicht anders auszudrücken – hingemetzelt werden (ich war mehrmals Augenzeuge), ist auch einzuräumen, dass die Grindwale (auch eine Delphinart) auf den Färöern deutlich rascher und weniger schmerzvoll getötet werden – ohne damit das «Grindadráp» im Geringsten zu rechtfertigen. Denn zuvor müssen die Opfer eine erschöpfende Hetze über bis zu 10 Seemeilen(!) durchmachen; die Strandung und den Horror der Auslöschung des gesamten Familienverbandes. Wal um Wal. Bis zum letzten Tier.

Dabei geht das buchstäbliche Blutbad selbst aus Sicht der Grindwaljäger bisweilen schief – fürchterlich schief. Und es führt auch innerhalb der färöischen Gemeinschaft zu Kritik und Auseinandersetzungen. Nachfolgend einige Beispiele, die zeigen, dass das «Grindadráp» auch aus Sicht der Waljäger bei weitem nicht immer so «human» ist, wie viele Färinger zu behaupten nicht müde werden. Alle Beispiele stammen aus zuverlässigen Quellen innerhalb der Gemeinschaft der Grindwaljäger(!).

Klaksvík 18. 6. 1978: In der zweitgrössten Stadt der Färöer werden 31 Orcas an Land getrieben und getötet. Man habe die Schwertwale zunächst mit Grindwalen verwechselt, lautet später die absurde Begründung des einmaligen Ereignisses. Ein Video belegt die Tötung und das lange Leiden (Achtung, schwerverdaulich): www.youtube.com/watch?v=QbD0ZCmdpV

Klaksvík 16. 9. 2009: Drei Rundkopfdelfine werden getötet, obschon diese auf den Färöern geschützt sind. Man habe sie mit Grindwalen verwechselt, lautet die absurde Begründung. Grindwale und Rundkopfdelfine sind schon rein farblich schwer zu verwechseln.

Hvalba 13. 4. 2010: Erneut werden 21 Rundkopfdelfine getötet, mit derselben dünnen Begründung. Bjarni Mikkelsen, färöischer Zoologe, Grindwalkenner und Befürworter des «Grindadráp», kritisiert die «Verwechslung» scharf.

Klaksvík 19. 7. 2010: In der grössten Treibjagd der letzten sechs Jahre werden 228 Grindwale an den Strand von Klaksvík getrieben, obschon es hier nur Raum hat für ca. 100 Tiere. Die Tötung findet spätabends fast in der Dunkelheit statt, ist sehr chaotisch und artet in ein eigentliches Massaker aus. Selbst viele Einheimische sind entsetzt. Nur vier Mann mit Ausbildung zum raschen Töten sind anwesend und mit dem Durcheinander und der grossen Anzahl an Tieren überfordert. Derweil herrscht «Jekami»; junge Burschen, teilweise auch Frauen, machen sich mit Messern an den Grindwalen zu schaffen. Viele Wale bluten bei lebendigem Leib aus und gehen langsam zugrunde. Der «Horror» von Klaksvik – anders lässt es sich nicht beschreiben – führt zu einer Debatte innerhalb der Färöer, unter welchen Vorgaben das «Grindadráp» in Zukunft durchgeführt werden soll.*

Bildergalerie zum Ereignis (Achtung, schwerverdau­lich): http://benjaminrasmussen.photoshelter.com/gallery-image/Grindaboe-The-Faroese-Whale-Kill/G0000OGSZfV8qpFA/I0000tUeIzCqPubA

Video eines färöischen TV-Beitrags zum Ereignis (Achtung, schwerverdaulich): www.youtube.com/watch?v=QbD0ZCmdpVA

Víðvík 10. 11. 2010: Zu spät werden 62 Grindwale in die abgelegene und unbewohnte Bucht von Víðvík getrieben. Die Tage sind auf den Färöern Mitte November äusserst kurz. Die Dunkelheit bricht herein. Man beschliesst, die toten Tiere erst bei der nächsten Taghelle auszuweiden. Am Folgetag sind Fleisch und Speck vieler Kadaver bereits verdorben. Ein Grossteil des Fangs wird unverwertet im Meer versenkt.

Hvalba 24. 11. 2012: 36 Grindwale werden in die Hvalba («Walbucht») auf der Südinsel Suðuroy getrieben, um einige davon mit Sendern zu versehen. Danach finden die geschockten und desorientierten Tiere in den sandigen, weitläufigen Untiefen vor Hvalba nicht mehr ins offene Meer. Sie stranden, fallen mit der Ebbe trocken und liegen bis zum nächsten Tag hilflos im Sand. Einige verenden. Erst nach vielen Stunden bürokratischem Hin und Her erhalten die Einheimischen die Genehmigung, alle Tiere zu töten.

Hvalba ist dafür bekannt, dass hier bisweilen natürlicherweise Entenwale stranden. Diese sind auf den Färöern geschützt, dürfen aber getötet und ihr Fleisch verwertet werden, wenn sie stranden. Ein färöischer Insider (Name und Position uns bekannt) vermutet, dass es bei Hvalba ab und zu auch zu einem «assisted stranding» kommt, dass also bei der Strandung etwas «nachgeholfen» wird, wenn sich ein Tier in die dortigen Untiefen verirrt.

Die Färinger mögen nun beteuern, dass es sich bei den erwähnten Ereignissen um Ausnahmefälle handle. Doch wenn es fünfmal schief geht innerhalb von nur drei Jahren bei einer überschaubaren Gesamtzahl von Grindwalfängen, darunter bei einem äusserst gravierenden Fall, dann müssen auch bei eingefleischten Grindadráp-Befürwortern Fragezeichen auftauchen.

Auflistung von Grindwalfängen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart (auf Färöisch): www.heimabeiti.fo/default.asp?menu=125

Galerie von 14 färöischen Tötungsstränden (Bilder von Hans Peter Roth, Juni 2011): www.diebucht.ch/Aktuelldetail/items/287.html

* Ob in Klaksvík künftig überhaupt noch Grindwale getötet werden können, ist angesichts eines derzeit im Bau befindlichen Grossdocks mitten im Ort fraglich.