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S1370395Was für ein Anblick, wenn die Färinger ihre Ruderboote zu Wasser lassen. Wunderbare, bauchige Holzkonstruktionen, die den alten Wikingerbooten bis heute sehr ähneln. Das Erbe ist unübersehbar. Die Wikinger waren phänomenale Seefahrer, haben Nordamerika 500 Jahre vor Kolumbus entdeckt, konnten mit ihren Segelschiffen navigieren. Und nordische Seefahrer haben vielleicht auch die Färöer schon weit früher erstmals besiedelt als heute angenommen.

Die Färinger sind stolz auf ihr kulturelles Erbe. Zu Recht. Über hunderte von Jahren haben sie in kleinster Bevölkerungszahl von wenigen Tausend Menschen den rauen Bedingungen und der Tyrannei verschiedener Mächte getrotzt. So haben sie bis heute mit ihrer urtümlichen nordischen Sprache überlebt. Deshalb kommen Ausländer, die mit dem Finger zeigen und ohne Vorwissen über die Färinger schimpfen, hier verständlicherweise nicht eben gut an – auch wenn es um die Grindwaljagd geht.

Die Grindwale haben über Jahrhunderte essentiell zum Überleben der Menschen auf den Färöern beigetragen. Das Auftauchen einer Grindwal-Schule oder deren Aus­bleiben konnte entscheiden, ob in Dörfern Hunger herrschte oder nicht. Das gebirgi­ge Gelände und das raue Klima eignen sich kaum für Landwirtschaft. Im Gegensatz zu heute waren die Menschen des kleinen abgelegenen Inselreiches früher daher zwingend angewiesen auf die Fischerei, ihre Nutztiere – und die Grindwale.

Diese jagten sie mit kleinen Ruderbooten. Das «Grindadráp», so heisst die Jagd auf Grindwale auf Färöisch, war ein kräftezehrender Wettlauf in Wind und Wellen, mit Kälte und Nässe. Dass die Männer es tatsächlich schafften, mit ihren Nussschalen Wale zu erlegen, ist eindrücklich. Und Grund genug, dieser Kultur Achtung zu zollen; genau wie die Färinger Grund genug haben, den Grindwalen Dankbarkeit und Achtung zu zollen, weil die Meeressäuger entscheidend zum Überleben dieser Kultur beigetragen haben.

Welch‘ wunderschönes Bild, als ich in Skala, einem Dorf am Skalafjord einem Wettkampf dieser urtümlichen aber sehr schnellen Ruderboote beiwohnen durfte. Männer- und Frauenteams ruderten in verschiedenen Kategorien um die Wette, unten den anfeuernden Rufen der Leitperson und des sehr zahlreichen Publikums. Das Sportfest wurde im nationalen Radio live übertragen.

Bis zu mehr als 8 Knoten, also bis zu 15 Stundenkilometer, bringt die durchtrainierte zehnköpfige Mannschaft eines «Tíggjumannafar»– der Königsklasse bei Wettkämp­fen – aufs Wasser. Eine phänomenale Geschwindigkeit. Möge die ästhetische und eindrückliche Tradition solcher Ruderwettkämpfe lange fortbestehen. Was für ein Gegensatz beim Anblick Ruderboote die modernen, hochmotorisierten Schnellboote, Yachten und Jetskis, die heute für das «Grindadráp» zum Einsatz kommen.

Hier verkommt der Begriff «Tradition» zur vielbemühten Worthülse, die so gar nichts mit dem ursprünglichen Ringen mit den Elementen zu tun hat, mal ganz abgesehen vom damit verbundenen Tierleid. So gibt es Traditionen, die gerne auf den Platz in der Geschichtsdokumentation beschränkt sein dürfen, während es sich lohnt, gewisse andere Traditionen am Leben zu erhalten. Gerade auf den Färöern wird dies deutlich.