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20130630_192227«Nein, die Piraten sind nicht hier geblieben, aber sie haben teilweise ihre Gene hinterlassen.» Anna-Louisa Joensen erklärt, warum vor allem auf den südlichen Färöer Inseln auch Einheimische leben, die mit dunklen Augen und dunklem Haar so gar nicht nordisch aussehen. Sie lacht ansteckend und wird sogleich wieder ernst. «Es lag wohl auch daran, dass die Frauen bisweilen nicht rasch genug davonlaufen konnten, wenn plötzlich die Freibeuter auftauchten.» Damit spricht die Mutter von vier Kindern ein weiteres Kapitel der bewegten färöischen Geschichte an.

Eine Geschichte, geprägt vom unentwegten Überlebenskampf mit den rauen Naturelementen, fremden Mächten und Piraten. Umso berührender ist die Friedfertigkeit und Gastfreundlichkeit der Färinger. Nirgends zuvor habe ich eine solch einladende Offenheit erlebt wie auf dieser kleinen Inselnation am Rande Europas. Und so wird auch der bevorstehende Abschied schwerfallen. Anna-Louisa hat uns mitgenommen zu einem ganz besonderen Ort. An einem Pass zwischen Tórshavn und Velbastaður leben die letzten ursprünglichen Färinger-Pferde.

65 dieser Tiere gibt es noch. Doch Anna-Louisa Joensen und einige befreundete Pferdeliebhaber setzen alles daran, die kleinwüchsige urtümliche und einzigartige Pferderasse zu erhalten. Mit Sorgfalt und Akribie führen sie Zuchtbücher und kennen die Geschichte jedes einzelnen Tieres. Die Pferde mit ihren dichten, wilden Mähnen sind sehr gutmütig, geduldig, ja einfühlsam. Und vor allem genügsam. Kaum eine Pferderasse trotzt den Stürmen besser oder kommt mit kärglicherer Nahrung aus als die Färinger.

Der Sturm treibt uns in einen kleinen Verschlag. Während es draussen heult und rauscht, kommen wir auf J. R. R. Tolkiens «Herr der Ringe» zu sprechen. Der Epos ist auf den Färöern sehr beliebt; hat sich doch Tolkien intensiv mit der nordischen Sagenwelt befasst und «Lord of the Rings» damit geprägt. Der Autor beschreibe mit den Hobbits wohl die färöische Inselbevölkerung, meint Anna-Louisa und lacht erneut fröhlich. Tatsächlich gibt es alte Schilderungen über das gastfreundliche, gesellige Inselvolk, die stark an die Hobbits erinnern. Ob Tolkien sie gelesen hat?

Anna-Louisa Joensen gehört zu jenen Menschen auf den Färöern, die sich offen gegen eine Fortführung des «Grindadráp» aussprechen. Sie sieht keinen Grund, wozu die Grindwale heutzutage noch gejagt werden sollten unter dem Vorwand der Tradition. «Unsere Vorfahren, die im Kampf um ausreichende Nahrungsversorgung die Meeressäuger in Buchten zu treiben versuchten, kannten keine GPS, keine hochmotorisierten, sonarbestückten Yachten, Jetskies und Neoprenanzüge. Das hat mit dem alten Kulturgut nichts zu tun.»

Es ist ermutigend, Menschen wie Anna-Louisa zu sehen. Und ihre Zahl wächst. Auch wenn eine Mehrheit der Färinger das «Grindadráp» heute noch verteidigt, so schwindet doch das Interesse an der blutigen Treibjagd rasch. So sind sich selbst unter jenen, welche die Grindwaljagd befürworten, die meisten einig, dass sie wohl in den nächsten 10 bis 20 Jahren aussterben wird. Wenn nun aber gewisse Menschen von aussen kommen, um die Einheimischen in aggressiver Manier anklagen, belehren und bekehren zu wollen, dann könnte dies sehr wohl kontraproduktiv sein.