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20130622_000858 (2)Der Slættaratindur ist ein einsamer Ort. Trotzdem ist es auf dem höchsten Berg der Färöer selten still. Oft ist er Sturm-umtobt und noch öfter steckt die subarktische Bergspitze im Nebel. Einmal im Jahr wird es aber besonders lebhaft: vom 21. auf den 22. Juni, einer Nacht, die keine ist. Dann besteigen traditionell Hunderte von Färingern den 882 Meter hohen Berg, um die Sommersonnenwende zu feiern.

Sie haben relatives Glück. Statt Sturm bläst nur ein kräftiger Wind; die Spitze steckt zwar im Nebel, aber wenig darunter hat man schon eine gewisse Fernsicht unter der Wolkendecke. Gegen Norden überglänzt der Horizont golden die mystische Dämmerung. Es ist Mitternacht. Bald schon wird es wieder heller, ganz hell – und die Sonne geht auf.

Die Einheimischen mögen solche Traditionen. Für viele gehört da bis heute auch die Grindwaljagd dazu. Wenn es sich ergibt, dass Schulen von Grindwalen nahe genug an eine färöische Küste gelangen, wird dies mit grosser Wahrscheinlichkeit zu ihrem Verhängnis. Einheimische werden über das Radio informiert, wo sich die Tiere aufhalten und in der Folge mit ihren Booten ausrücken, um die Meeressäuger an einen der 22 Strände zu treiben, wo die Tötung zugelassen ist.

Jetzt ist die Zeit der grossen Feste, der Schulabschlussfeiern, der durchgewachten Nächte. An vielen Partys fehlen dann nicht die dünn geschnittenen Scheiben getrockneten Grindwalfleischs. Viele mögen das bis heute. Doch die jüngere Generation meidet es mehr und mehr. Kaum eine schwangere Frau und kaum eine Frau, die bald Kinder möchte, wird das Fleisch anrühren. Ansonsten werden ihr Freundinnen oder Freunde an der Party auf die Finger klopfen. Zu stark sind der Speck und das Fleisch von Grindwalen mit Quecksilber und anderen Schadstoffen belastet. Das gehört unter den 48‘000 Inselbewohnern heute zum Allgemeinwissen.

Werden deshalb auch die Grindwal-Treibjagden bald der Vergangenheit angehören? Vielleicht. Aber es wird noch dauern. Und könnte dies ein Grund sein, warum dieses Jahr bislang noch kein einziges «Grindadráp» – so heisst die aus tierschützerischer Sicht verwerfliche Hetze auf färöisch – stattgefunden hat? Dies wäre wohl eine allzu optimistische Einschätzung.

Die Einheimischen sind sich einig: dieses Jahr sind um die Färöer bisher schlicht keine Grindwale aufgetaucht. Weniger einig ist man sich hingegen über die Ursache des Ausbleibens: Es kann mit der wechselnden Richtung und Stärke des Golfstroms zu tun haben, der einmal eher nördlich, dann wieder mehr südlich an den Färöern vorbei zieht. Es kann am Wetter liegen, den vorherrschenden Winden. Oder mit den Makrelen, welche sich zurzeit offenbar in grossen Mengen in färöischen Gewässern tummeln und angeblich die Kalmare, die Hauptnahrung der Grindwale, vertreiben, wie ein Einheimischer vermutet.

Doch dies sind alles Spekulationen und Mutmassungen. All die verschiedenen Faktoren und Zusammenhänge überfordern in ihrer Komplexität auch die Fachleute. Sicher ist: Vorschneller Optimismus ist verfrüht. Jetzt ist die hellste Zeit, mit den besten Bedingungen für das «Grindadráp». Und der Juli und August, die Monate mit den höchsten durchschnittlichen Jagdzahlen, stehen erst noch vor der Tür.

Hans Peter Roth, vor Ort für OceanCare