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Man sollte sich nie zu sehr an Blaue Bucht-Tage gewöhnen. Irgendwann wendet sich das Blatt. Wie gestern. Nach acht Tagen ohne Treibjagd trotz recht guten Jagdbedingun­gen, hatten wir schon frühmorgens ein mulmiges Gefühl. Tatsächlich machten wir mit dem Fernglas schon vor 8 Uhr am Horizont zwei Boote nahe beieinander aus. Bald kamen mehr Boote dazu und schliesslich war eine volle Jagdformation mit 12 Booten aufgereiht, um Delphine immer näher gegen die Küste zu treiben.

Treibjagd

Treibjagd

Auf jedem Boot steht ein Mann, der mit einem Hammer an eine massive, ins Wasser gehaltene Metallstange schlägt und damit unter Wasser einen Höllenlärm macht. Aufgereiht erzeugen die Jagdboote somit eine Lärmmauer, der die Delphine als geräuschempfindliche verstört und deren Kommunikation mittels Lauten verunmöglicht. Um dem Lärm zu entkommen von den Booten hinter sich, fliehen sie näher und näher zur Küste hin, bis sie schliesslich in der berüchtigten Bucht enden, wo sie entweder für eine Gefangenschaft im Delphinarium ausgelesen oder ihres Fleisches wegen brutal abgeschlachtet werden.

Tötungsbucht

Tötungsbucht

Sobald wir eine solche Formation beobachten, wissen wir betrübt, was da draussen abgeht. Das kann eine Herausforderung sein, auch für die gemeinsame Arbeit als Beobachtungsteam. Denn logischerweise fühlt man sich traurig, angespannt, empfindlich und reizbar. So mussten wir uns gegenseitig an die Bewahrung des guten Gemeinschaftsgeistes erinnern, als wir vom Aussichtspunkt zum Hügel fuhren, der direkt über der Tötungsbucht liegt. Das funktioniert und hat grundsätzlich bisher sehr gut funktioniert, trotz oder gerade wegen der Schrecknisse, die wir mitansehen mussten.

Auf dem Hügel angekommen, dauerte die Treibjagd schon nahezu drei Stunden an. Es war ein Hin und Her mit einer mittelgrossen Delphinschule, noch rund eine Seemeile draussen. Dann ging es plötzlich schnell. Die Delphine waren völlig erschöpft und in Panik. Mit Netzen abgeschottet in der Tötungsbucht, wurde die Familie von etwa 20 Rundkopfdelphinen immer näher an den Tötungsstrand gedrängt, um dort, versteckt unter Planen, aufgerieben zu werden. Einmal mehr ein entsetzlicher Anblick, mit Müttern, die bis zuletzt ihre dicht an sie gedrängten Kleinen beschützen wollten.

Delphin im Netz

Delphin im Netz

Bei ihren verzweifelten Fluchtversuchen verhedderten sich einige Delphine in Netzen. Einige überwanden ein Netz, bloss um von einer weiteren Netzreihe gestoppt zu werden. Die meisten Delphine konnten die Jäger aus den Netzen holen. Aber einer blieb unentdeckt. Unter der Wasseroberfläche verstrickt, ertrank er elendiglich; ein Tod, der für diese luftatmenden, empfindlichen Tiere so schrecklich sein muss wie für einen Menschen. Und unerträglich zum Mitanschauen… Gleichzeitig versuchen wir in solchen Momenten einfach zu funktionieren, unsere Arbeit zu machen und später mit den Emotionen fertig zu werden. Das funktioniert nicht immer sehr gut…

Nach der Tötung zogen kleine Boote die toten Delphine zum Hafen von Taiji hinüber, unter Blachen versteckt, aber zeitweise trotzdem sichtbar. Würden die Jäger wieder einen ertrunkenen Delphin ins Meer werfen, wie jenen, dessen Kadaver wir nach der vorangegangenen Treibjagd schliesslich am Strand fanden? Tatsächlich fuhren sie wieder aufs offene Meer hinaus, um sechs Delphine ins Wasser zu kippen. Diese aber lebten. So zählen wir 13 getötete Delphine und einen ertrunkenen, sowie sechs freigelassene, die wir durchs Fernglas schliesslich wegschwimmen sahen.

Still und mit hängenden Köpfen machten wir uns auf den Rückweg. Die Hilflosigkeit ist schwer zu beschreiben, wenn man den Tieren, die man schützen und retten will, so nahe ist und sie dann auf so grauenvolle Weise sterben sehen und hören muss, nach dieser endlos langen, aufreibenden Treibjagd. Man kann kaum der Versuchung widerstehen, ins Wasser zwischen die Jäger und die friedfertigen Tiere zu springen; aber das würde keinen einzigen retten. Danach muss man mit den Gefühlen klarkommen. Es sind diese Roten Bucht-Tage, wenn der gute Gemeinschaftsgeist am Wichtigsten ist.

Marna & Hans Peter

Marna & Hans Peter

 

 

 

 

 

 


 

Wenn Sie OceanCare unterstützen, helfen Sie Delphinen auf der ganzen Welt. Sie können zum Schutz der Delphine beitragen, indem Sie auf Besuche von Delphinarien verzichten und Ihre Freunde und Bekannte aufklären. Danke für Ihren Einsatz für die Delphine.

Hans Peter Roth und Marna Frida Olsen sind bei der Delphintreibjagd in Taiji vor Ort und berichten OceanCare regelmässig über die aktuellen Geschehnisse.