<

So kühl wie heute war es diesen Monat noch nie. Regen und Wind machen schon um 6.30 Uhr klar, dass heute wohl kaum eine Treibjagd stattfinden wird. Trotzdem fahren wir nach Taiji hinüber, um sicherzugehen. Die Bucht ist leer und alle Jagdboote, erkennbar an den typischen Lärmstangen, liegen im Hafen vertäut.

Der Tag wird ruhig bleiben und wir nutzen ihn, um ins ca. 15 Kilometer entfernte Shingu zu fahren, den nächsten grösseren Ort. Hier gibt es ein riesiges Einkaufszentrum im amerikanischen Stil. Der Lebensmittel-Supermarkt heisst Okuwa. Mit Ric kam ich vor zwei Jahren hierher um zu filmen, wie er Wal- und Delfinfleisch einkaufte, um es auf genetische Herkunft und Quecksilber-Verseuchung untersuchen zu lassen.

Zu meiner Überraschung können Kiki und ich diesmal weder Delfin- noch Walfleisch finden. Haben sie es definitiv von den Okuwa-Regalen genommen? Das wäre ein gutes, hoffnungsvolles Signal. Oder sind ihnen bloss die Vorräte ausgegangen, die sie bald wieder aufstocken werden?

In Shingu treffen wir uns dann mit einem lokalen Journalisten zum Essen. Er ist ganz auf der Seite der Delfinjäger und will seinen Namen nicht öffentlich genannt sehen. Aber immerhin spricht er mit uns und ist bereit zu debattieren. Und er gibt uns einige interessante Informationen:

  • Tatsächlich bestehen direkte Verbindungen zwischen Taiji und den Färöer-Inseln, wo dieses Jahr wieder exzessiv Grindwale gejagt werden in Treibjagden, die denen in Taiji ähnlich sind. Vor rund fünf Jahren besuchte ein Delfinjäger aus Taiji die Färöer, um neue Tötungsmethoden zu studieren. Eine Tötungsmethode bestehe darin, einen scharfen Metallstab ins Genick, bzw. Rückgrat von Delfinen (auch Grindwale sind eine Delfinart) zu rammen, womit sie innerhalb einer Sekunde tot seien, erklärt der in Shingu lebende Journalist. Diese neue Methode werde nun teilweise auch in Taiji angewandt. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass sie teilweise zur Anwendung kommt oder ausprobiert wird. Letzten Dezember ist es Dieter Hagmann von der Deutschen Organisation Atlantic Blue gelungen, versteckte Aufnahmen zu machen, wie Rundkopfdelfine auf diese Art getötet wurden. Die Methode hat den “Vorteil” dass dabei kaum Blut ausfliesst und die Bucht grausig rot färbt. Doch bei diesen Bildern kann einem allemal übel werden. Vor allem, wenn man sieht, dass einige Delfine auch nach dieser angeblich schnellen Tötungsart noch leben…
  • Der betreffende Journalist ist selber soeben von den Färöern zurückgekehrt, wo er laut eigenen Angaben herzlich willkommen geheissen wurde, als wäre er “einer der ihren” – weil er halt unweit von Taiji lebt und für die Beibehaltung der Delfinjagd schreibt.
  • Derselbe Journalist will dem Bürgermeister von Taiji, Kazutaka Sangen, vorschlagen, Taiji als Partnergemeinde mit der Färöer-Hauptstadt Thorshavn aus naheliegenden Gründen zu verschwistern.
  • In Shingu gibt es ein Restaurant, das sich auf Delfinfleisch-Gerichte spezialisiert hat. Ich werde noch versuchen, den Namen herauszufinden. Gemäss dem Journalisten habe die Nachfrage nach diesen Spezialitäten in den letzten Monaten deutlich zugenommen. Mehr Leute wollten nach der Debatte um den Film THE COVE Delfinfleisch probieren, sagt er: Aus Neugier und Solidarität mit den Jägern. Auch hier in Katsuura, wo wir untergebracht sind, gibt es ein Spezialitäten-Restaurant mit Delfinfleisch-Gerichten im Angebot.
  • Kiki und ich sind auch in den lokalen Supermarkt in Katsuura gegangen und haben hier ebenfalls einige Arten von Wal- und Delfinfleisch auf den Verkaufsregalen gefunden.
  • Ach ja, und in Tokio haben wir vor zwei Tagen nochmals dem Tokyu Excel Hotel im Stadtteil Shibuya einen Besuch agestattet. Hier waren wir im Rahmen der Aktionen rund um den 1. September für eine Woche untergebracht. In einem Verkaufsautomaten des Hotels entdeckte das Save Japan Dolphins Team Dosen mit Walfleisch und machte bei der Direktion einige unmissverständliche Bemerkungen darüber. Darauf wurde das Dosenfleisch entfernt. Bei unserem Besuch vorgestern fanden wir dieses aber schön säuberlich wieder in den Automaten eingefüllt.

Hans Peter Roth vor Ort für OceanCare