Sandra Altherr (Pro Wildlife), Nicolas Entrup (OceanCare), Kate O’Connell (Animal Welfare Institute)

Mit Gemütlichkeit hat eine Tagung der IWC herzlich wenig bis gar nichts zu tun; umso schöner sind die wenigen Momente, in denen sich dennoch sowas wie Geselligkeit einstellt. Ich hab mir gestern ein paar Minuten zusammengestohlen, um im nahen Supermarkt Vitamine und Kalorien zu besorgen – die Vitamine in Form von frischem Obst und die Kalorien in Form von Ravioli, gefüllt mit Spinat und Ricotta. Am Abend, nach der Plenarsitzung, haben Fabienne und ich unsere Laptops auf die Seite und die Pfanne mit dem Salzwasser auf die Herdplatte gestellt, und dann haben wir Sandra Altherr von der deutschen NGO ProWildlife – sie bewohnt mit uns die Herberge im Meeresforschungsinstitut – zu einem privaten Abendessen eingeladen. Das war, zum ersten Mal seit einer knappen Woche, eine willkommene Abwechslung vom Fast-Food-Einerlei, auf welches sich unsere Ernährung am Rande der Tagung beschränkt.

Mit dem Herrn Althaus, der bis vor zehn Jahren die Schweizer IWC-Delegation angeführt hat, ist Sandra weder verschwägert noch verwandt – zum guten Glück, wie wir zufrieden konstatierten. Mit Bruno Mainini, der Althaus Nachfolge angetreten hat und jetzt, nachdem er auf den „Chair“ gewählt worden ist, als IWC-Präsident die Tagung leitet, sind wir – und das sage ich ohne diplomatische Zurückhaltung – sehr viel glücklicher.

Nicht nur wir – zweifellos auch die Meeressäuger …

Während wir es uns bei Ravioli und frischen Äpfeln gut gehen liessen, tafelte Mainini wohl nicht ganz so gemütlich, dafür wahrscheinlich eine Spur gediegener und gewiss sehr viel förmlicher im Tagungshotel: Seine Exzellenz, Pierre Yves Fux, der Schweizer Botschafter in Ljubljana, hatte den IWC-Präsidentren und die Schweizer Delegation zum feierlichen Diner geladen. Gut möglich, dass das Tischgespräch der Damen und Herren sich um dasselbe Thema drehte, das auch am Küchentisch beschäftigt hat: Zusammen mit Sandra Altherr und Kate O’Connell, der Vertreterin vom Animal Welfare Institute, hatten Fabienne und ich – präzise auf die Kaffeepause während der Plenarsitzung getimt – kurzfristig eine Medienkonferenz einberufen. Es ging uns vor allem darum, die Journalisten – unter ihnen Vertreter führender deutscher und französischer Agenturen – für einen Skandal zu sensibilisieren, der bislang sozusagen totgeschwiegen worden ist: Kein einziger Repräsentant der Staaten, die an der Tagung vertreten sind, hat es bis zu diesem Zeitpunkt für notwendig erachtet, den kommerziellen Walfang, der seit 30 Jahren offiziell durch das IWC-Moratorium weltweit verboten ist, auf die Traktandenliste setzen zu lassen, obwohl es gute, ja zwingende Gründe dazu gäbe.

Einen dieser Gründe liefert Norwegen: Unter dem Titel „Frozen in Time“ enthüllt eine aktuelle Untersuchung, dass die Skandinavier ihre schon überwunden geglaubte Tradition wieder aufleben lassen, das Moratorium permanent und hemmungslos verletzen und sich klammheimlich zum weltweit führenden Walfangland entwickelt haben. Allein im laufenden Jahr haben norwegische Walfänger 600 Zwergwale getötet – mehr als Japan und Island zusammen im selben Zeitraum. Die norwegische Bevölkerung allerdings will von Walfleisch gar nichts wissen: Es gibt praktisch keinen Markt. Und so wird dieses Fleisch um die halbe Welt verschifft- Wohin? Richtig: Japan! Ausgerechnet Japan …

Derweil erklären Japans Vertreter an dieser IWC – und dies ist ein weiteres Argument für die Notwendigkeit, den kommerziellen Walfang zu hinterfragen –, dass sie eine neue Walfang-Kategorie einführen wollen: „Small Type Coastal Whaling“. Man beachte das Wording, das den wahren Sachverhalt verschleiern und den empörenden Frevel schönreden soll: Die Umschreibung „Small type“ will nicht etwa zum Ausdruck bringen, dass es um eine Walfang-Kategorie geht, die nur im kleinen Rahmen stattfindet;¸ auch sind damit weder kleine Fischergemeinden angesprochen noch kleine Boote, die das blutige Geschäft betreiben – nein: „Small Type“ bezeichnet die Opfer, die Zwergwale, die kleinste der Grosswal-Arten. Aber das soll möglichst undeutlich zum Ausdruck gebracht werden. Deutlich hingegen – und das ist ebenso neu wir alarmierend – geben die Japaner zu, dass die fragliche – und zugleich höchst fragwürdige – Walfang-Kategorie nicht mehr nur „wissenschaftlich“, sondern durchaus kommerziell betrieben werden soll.

Es hat viel zu reden gegeben gestern Abend. Und so ist es halb zwei in der Früh geworden, als ich endlich den Weg Richtung Schlafstatt gefunden habe. Da hab ich noch meine Laufschuhe wahrgenommen, die noch immer unbenutzt nebeneinander in ihrer Ecke stehen, mich leicht vorwurfsvoll beäugen und ansonsten – das kann man jetzt verstehen, wie man will – vor sich hin muffeln.

Mehr in Gedanken als wörtlich hab ich vor dem Einschlafen „Tut mir leid“ zum Schuhwerk gesagt. Ihr wisst‘s, dass ihr die einzigen seid, die meine Batterien wirklich aufladen können. Jetzt hab ich schon das Notstromaggregat anwerfen müssen. Es gibt halt was noch Wichtigeres als euch. Aber bald, das versprech ich, kriegt ihr meine Füsse wieder …

 

Nicolas Entrup

Nicolas Entrup

Ocean Policy Consultant bei OceanCare

Zusammen mit Fabienne McLellan berichtet Nicolas Entrup täglich über die aktuellsten Entwicklungen an der 66. Internationalen Walfangkonferenz (IWC) in Portoroz, Slowenien.

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