Plastik- wir alle benutzen es jeden Tag. Es umhüllt unser Sandwich, trägt unsere Einkäufe nach Hause, macht unsere Kleidung wind- und wasserfest und unsere Kosmetik cremig und streichzart. Wir lieben Plastik, denn es ist billig, leicht, stabil, flexibel und sieht attraktiv aus. Gleichzeitig sind wir schockiert, wenn, wie im Februar dieses Jahres an der norwegischen Küste, vom Aussterben bedrohte Wale stranden und sterben – abgemagert und mit einem Magen voll von Plastik.

Der Ozean ist voll von Plastik – in einigen Meeresströmungen befindet sich schon heute mehr Plastik als Plankton. Millionen Tiere verenden jedes Jahr aufgrund von Plastikverschmutzung. Wer ist verantwortlich dafür? Nicht ich, oder? Denn ich recycle doch so fleißig…?

Leider ist es nicht so einfach, die Verantwortung von sich zu weisen, denn wir alle sind Teil des Problems. Zwar ist es richtig, dass der prozentual größte Teil des Plastiks, das in den Weltmeeren schwimmt, aus der Dritten Welt stammt. Allerdings gibt es auch hier im vermeintlich reinlichen Nordeuropa reichlich viel Verbesserungsbedarf im Umgang mit Plastikmüll. Wussten Sie, dass statistisch gesehen jedes dritte Teil Plastik, das wir verwenden, im Ozean landet? Es werden nur circa 30% des Plastiks, welches unseren Alltag erleichtert, ordnungsgemäß recycelt. 40% wird als Brennmasse für anderen Müll verwendet und alles, was übrig bleibt, geht verloren im Prozess. Es wird vom Winde verweht, vom Regen fortgespült und am Ende landet fast jedes Plastikteil im Meer.

Plastik hat eine Halbwertszeit von mehreren Tausend Jahren, was besonders im Zusammenhang damit bedenklich ist, wie leichtsinnig wir das Material verwenden. Über die Hälfte allen Plastiks hat eine Nutzungsdauer von unter einer Stunde bevor wir es wegwerfen: Lebensmittelverpackungen, Plastiktüten, Strohhalme, Trinkbecher und Plastikbesteck. In der Natur zerfallen die Plastikteile dann in winzige Bestandteile, sogenanntes Mikroplastik.

Neben dem hässlichen Landschaftsbild plastikbedeckter Stände und dem Problem, dass Tiere unter dem Plastikmüll leiden, da sie ihn verschlucken oder sich daran verletzen, hat Plastik auch negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Die kleinen Mikroplastikteile verhalten sich wie Mini-Magnete für andere, schädliche Stoffe wie beispielsweise das krebserregende Bisphenol A (BPA). Die Partikel klumpen sich zusammen zu Giftblasen, welche von Tieren aufgenommen werden, sich in der Nahrungskette ansammeln und schlussendlich in unseren Körpern endet.

Mit Idealismus und geballter Kompetenz gegen Plastikmüll

Ich heiße Isabel, bin in Deutschland geboren und zur Zeit Doktorandin der Psychologie an der NTNU in Trondheim, Norwegen. Meine Forschungsinteressen sind der nachhaltige Verbrauch mariner Ressourcen sowie marine Plastikverschmutzung. Letztes Jahr beschloss ich aktiv zu werden und Lösungen gegen die rapide steigende Plastikverschmutzung zu entwickeln.

In meiner Ausbildung habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass das „Lösungen entwickeln“ zusammen besser als alleine funktioniert. Darum war das Setup von „Experten in Teamwork“, welches jedes Jahr an der NTNU arrangiert wird, eine ideale Möglichkeit eine Menge an Wissen zusammenzubringen. Die Experten in diesem Fall sind Masterstudenten verschiedenster Fachrichtungen, welche in 6-köpfige Gruppen eingeteilt werden. Die Gruppen arbeiten dann an innovativen Lösungen für die größten Probleme unserer Zeit: Maßnahmen gegen den Klimawandel, die Verbesserung des Gesundheitssystems, Möglichkeiten innovativer Energieversorgung – oder eben die Bekämpfung von Plastikverschmutzung.

 

Macht Norwegen plastikfrei!

30 Masterstudierende der NTNU

Mein Kurs „Macht Norwegen plastikfrei“ startete am 9. Januar 2017 und 30 Masterstudenten aus den verschiedensten Fachrichtungen waren bereit, dem Plastik den Kampf anzusagen. Chemiker, Biologen, Ökonomen, Materialtechnologen, Philosophen und Soziologen bekamen Information rund ums Thema Plastikverschmutzung, Plastikverbrauch sowie die Reduktion dessen. Unterstützt wurde ich zusätzlich von Fredrik Myhre, einem Meeresbiologen aus Oslo und Kristine Ullaland von Zero Waste Norwegen.

In interdisziplinären Gruppen begannen die Studenten, Ideen zu entwickeln. Sie diskutierten, machten relevante Literatur und Personen ausfindig, stellten Berechnungen an und führten Interviews. Nach einer Woche stellten sie fünf vielversprechende Ideen vor:

Plastikke

Plastiktüten machen den größten Teil der Plastikverschmutzung aus. Die Gruppe Plastikke (norwegisch für „kein Plastik“) beschloss, Plastiktüten aus norwegischen Supermärkten zu entfernen. Die Studenten entwickelten ein Pfandsystem bei dem der Verbraucher gratis wiederverwendbare Tragetaschen ausleihen kann: sowohl kleine Tüten für Obst und Gemüse als auch größere Taschen für den gesamten Einkauf. Das Konzept bietet somit eine Lösung für alle, die ihre Tasche gerne einmal daheim liegen lassen. Man leiht sich einfach eine weitere Tasche und bringt sie bei Bedarf wieder zurück. Der Supermarkt gewinnt dabei ein nachhaltiges Image, Kundenloyalität und die Möglichkeit für Werbeprints auf den jeweiligen Taschen. Somit wird die Idee zu einer Win-Win Situation.

Plastic Horrastic

Gruppe Zwei beschäftigte sich mit Kosmetikartikeln, speziell mit der weiblichen Monatshygiene. Die Studenten berechneten die Gesamtmenge an Tampons und Binden, die eine Frau im Laufe ihres Lebens durchschnittlich verbraucht. Das schockierende Resultat ergab fast 100 Kilo!

Fredrik Myhre bestätigt zudem, dass er bei seinen Tauchgängen in den norwegischen Fjorden auf große Mengen Tampons und Binden stößt und diese einen großen Teil der Meeresverschmutzung ausmachen. Ein weiteres Problem mit Tampons und Binden ist, dass sie fälschlich in der Toilette entsorgt werden und Maschinen in den Kläranlagen blockieren und verstopfen, was hohe Reinigungs- und Reparaturkosten verursacht.

Über die Lebensspanne einer Frau gerechnet sind Produkte wie Tampons und Binden teuer und können aufgrund von Bleichstoffen und Mirkoplastikpartikeln sogar gesundheitliche Probleme verursachen. Plastic Horrastic hat ein Programm entwickelt, welches in norwegischen Schulen im Zusammenhang mit sexueller Aufklärung durchgeführt werden soll. Dieses Programm beinhaltet die Präsentation von Menstruationstassen plus die Verteilung von je einem Probeprodukt an Mädchen der fünften und sechsten Klasse. Menstruationstassen bestehen aus flexiblem Silikon und können bis zu zehn Jahre lang wiederverwendet werden. Sie sind hygienisch, sanft zum weiblichen Körper, preiswert, umweltfreundlich – eine ideale Alternative zu Tampons und Binden.

Mit dem Startpaket, welches den Schülern ausgeteilt werden soll, sollen sowohl Müllmengen als auch Kosten reduziert werden. Verglichen mit den Ausgaben, die durch die Reparatur von Kläranlagen oder der Reinigung von Stränden entstehen, ist die gratis Bereitstellung von Menstruationstassen an alle norwegischen Schülerinnen vernachlässigbar und somit ein lohnenswertes Geschäft.

Plastic Unfantastic

Die Gruppe Plastic Unfantastic arbeitete mit einer großen technischen Herausforderung, nämlich der Identifikation von Möglichkeiten, Mikroplastik aus dem Klärwasser zu entfernen, bevor es in Flüsse oder das Meer geleitet wird.

Die Gruppe entwickelte fünf faszinierende Methoden: Von Algen, die in einem zusätzlichen Extrabecken das Plastik aus dem Wasser filtern würden, über Magnetwände im Abflussrohr, die die negativ geladenen Plastikpartikel anziehen und festhalten würden, bis hin zu rotierenden Strömungen, die die mikroskopisch kleinen Partikel sammeln und leichter auffangbar machen würden. Alle Methoden sind umsetzbar bezüglich dem derzeitigen Stand der Technik und wurden der städtischen Kläranlage sowie einem nationalen Forschungsinstitut vorgestellt.

Pantorangen

Die Pantorangen entwickelten einen attraktiven, stabilen Aluminiumbecher, welcher als Alternative zu Plastikbechern auf Festivals genutzt werden soll. Ihre Initiative #egenkopp (norwegisch für „eigener Becher“) strebte an, mit dem Zeitgeist zu gehen und die Benutzung von wiederverwendbaren Bechern attraktiv für die junge Zielgruppe der Festivalbesucher zu machen.

Der Becher besteht aus leichtem Aluminium und verfügt über einen Karabiner, der am Gürtel befestigt werden kann um somit die Hände zum Tanzen frei zu haben. Festivallogos können am Becher angepinnt werden, um diesen zu personalisieren. Zudem soll mit dem #egenkopp eine Initiative angestoßen werden, die Vorteile eines wiederverwendbaren, personalisierten Bechers über soziale Netzwerke zu verbreiten. Um Hygieneansprüchen gerecht zu werden und lange Wartezeiten am Ausschank zu vermeiden, würde der Becher mit einem innovativen Magnetsystem an Selbstbedienungsstationen vom Boden aus befüllt werden.

Plastless

Die fünfte und letzte Gruppe beschloss, mit der Universitätskantine zusammenzuarbeiten und den dortigen Plastikverbrauch zu reduzieren.

Das aktuelle Recyclingssystem am Campus ist sehr verbesserungsbedürftig und an vielen Stellen finden sich keinerlei Möglichkeiten, Müll zu trennen. Zudem werden pro Monat mehrere Tausend Plastikboxen in der Kantine ausgegeben, in welche Studenten und Angestellte ihr Mittagessen vom Buffet füllen. Das verursacht eine große Menge an nicht recyceltem Plastikmüll.

Die Gruppe entwickelte wiederverwendbare Lunchboxen, die am Campus günstig angeboten werden sollen. Als attraktiven Bonus bekommen Benutzer einen Rabatt auf warme Speisen und Salate aus der Universitätskantine. Zusätzlich zu der Lunchbox diskutierten die Studenten mit den Verantwortlichen der NTNU über mögliche Verbesserungen im Recyclingssystem am Campus sowie eine Informationskampagne für Angestellte und Studenten.

Hier sehen wir gerade erste Erfolge, denn im März wurden bereits Anlagen für bessere Mülltrennung am Campus installiert.

Der Plastik-Stein wurde ins Rollen gebracht…

Leider ist „Experten in Teamwork“ nur ein dreiwöchiger Intensivkurs, mit dem man tolle Ideen entwickeln, allerdings nicht das System verändern und ganz Norwegen von Plastik befreien kann. Jedoch brachten wir einen Stein ins Rollen.

Ich bin begeistert von dem großen Engagement, dem Einsatz und der Kompetenz meiner Studenten sowie den genialen und durchdachten Ideen, die sie entwickelt haben. Jedes der Projekte übertraf meine Erwartungen um Längen, vor allem in Bezug auf Umsetzbarkeit und Neuigkeitsgrad.

Ich hoffe, dass einige der Projekte tatsächlich in Taten umgesetzt werden und dazu beitragen, den leichtsinnigen Umgang mit Plastik zu verändern. Selbstverständlich müssen hierfür viele Institutionen kooperieren und bereit sein, sich zu verändern, bequeme Praxen zu ersetzen, eventuell Geld zu investieren und aus alten Gewohnheiten auszubrechen. Auf lange Sicht jedoch ist jede Investition gegen Plastikverschmutzung lohnenswert.

Jeder einzelne von uns profitiert von einer sauberen und gesunden Umwelt. Norwegen, sowie der Rest der Welt ist schöner ohne Plastikmüll und wir haben es in der Hand.

 

Isabel Richter

Isabel Richter

Isabel Richter ist Doktorandin an der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) in Trondheim. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit nachhaltigem Konsumentenverhalten mit Fokus auf Ernährung und marine Ressourcen. Zu Beginn dieses Jahres leitete sie einen Intensivkurs im Rahmen des Universitätsprogrammes „Experten in Teamwork“ zum Thema Plastikverschmutzung. Dort hat sie mit 30 Masterstudenten unterschiedlicher Disziplinen fünf Ideen entwickelt, wie Plastik im Alltag effektiv reduziert werden kann.