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Heute: Sigrid Lüber

New York City, Mittwoch, 15. Juni 2016

Auf dem Weg zum UNO-Hauptquartier

Auf dem Weg zum UNO-Hauptquartier

Im Zeitalter der Düsenjets brauche die Seele, so sagt ein geflügeltes Wort, oft etwas länger, bis sie den vorauseilenden Körper wieder eingeholt hat. Heute morgen, am dritten Tag in New York, sind wir wirklich angekommen – auch seelisch. Biorhythmisch allerdings richten wir unsere innere Uhr nach wie vor an der mitteleuropäischen Sommerzeit aus – wobei der Sommer, wie wir hören, eher hier im Westen stattfindet! –, aber arbeitstechnisch hat uns der UNO-Alltag schon voll im Griff. Wenn wir morgens durch die Strassenschluchten der 45th Street Richtung UNO-Hauptquartier marschieren, ist es fast so, als gingen wir zur täglichen Arbeit.

Der Umgangston hinter der ehrwürdigen Glasfassade ist geprägt von ausgesuchter Höflichkeit – das erklärt, weshalb ich noch nie in diesem Umfeld eine aggressive Stimmung wahrgenommen habe. Die Damen und Herren Delegierte werden vom Chairman – er leitet im Wechsel mit einem Co-Chairman die Sitzungen – mit „distinguished delegate“ tituliert. Gleich nach Eröffnung der Debatte hat „Seine Exzellenz Nicholas Emiliou, Botschafter der permanenten Vertretung von Zypern bei der UN“ (so der volle Titel des Chairmans) mir das Prädikat „The Lady in the Back“ verliehen, als er mir das Wort erteilte. Ich bemühte mich, mir nicht anmerken zu lassen, wie überrumpelt ich mich in diesem Moment fühlte; denn nach dem streng hierarchischen Protokoll hätten eigentlich die Delegierten der einzelnen Nationen vor uns NGO-Vertretern ihre Statements vortragen sollen. Mir war‘s recht – ich hatte rasch erkannt, dass er tatsächlich mich gemeint hatte und genoss die volle Aufmerksamkeit des Plenums, als ich die Vereinten Nationen über die Forderung von OceanCare informierte, dass alle Plastikmaterialien klassifiziert, nach ihren toxischen Eigenschaften eingestuft und die gefährlichsten Stoffe verboten werden müssten.

Es sollte ein anstrengender Tag werden. Eine zusätzliche Veranstaltung beschränkte das Mittagessen auf zwei vegetarischen Sandwiches, die Fabienne in einer der Verpflegungsstationen besorgte. Am Nachmittag ergriff ich erneut die Gelegenheit, um auf zwei weitere elementare OceanCare-Anliegen aufmerksam zu machen: Einerseits sollen Workshops eingerichtet werden mit dem Ziel, das Leben jener Tiere zu retten, die in Netzen gefesselt und in anderem Plastik-Unrat unentrinnbar gefangen worden sind. In meinem letzten Votum machte ich die Delegierten darauf aufmerksam, dass Regierungen, die multilaterale Umweltabkommen unterzeichnet haben, verpflichtet sind, diese auch einzuhalten. Wenn wir das Problem Plastikmüll im Meer in den Griff bekommen wollen, brauchen wir eine internationale Taskforce, die weltweit die Lücken im gesetzlichen Regelwerk schliessen kann.

Den Tag haben wir bei einem famosen Italiener ausklingen lassen, in netter Begleitung von zwei Kolleginnen, die wie wir an der UNO Umweltschutz-Organisationen vertreten. Ich habe oft, wenn ich in diplomatischer Mission unterwegs bin, ein unstillbares Verlangen nach frischer vegetarischer Kost: Der Insalata mista mundete hervorragend.

Fabienne hat mich darauf hingewiesen, dass sie am Morgen etwas Zeit brauche, um in die Gänge zu kommen. Was ich aber täglich erlebe, ist eine fröhlich lachende Kollegin, die – noch bevor sie die Beine aus dem Bett gebracht hat – übers ganze Gesicht strahlt. Das liegt wohl am Wecker-Klingelton meines Handys: Ich hab da eine muntere hawaiianische Melodie installiert.

Im Sitzungssaal der UNO, im Hotelzimmer oder im Restaurant – überall sind wir einander in diesen Tagen sehr nah, und es ist alles andere als selbstverständlich, dass wir diese ungewohnte Vertrautheit über so lange Zeit konfliktfrei überstehen. Das liegt vor allem daran, dass die Chemie zwischen uns stimmt, wir funken auf derselben Wellenlänge und gewähren einander innerhalb des zweisamen Rahmens stets auch das bisschen Bewegungsfreiheit, den liebevollen Respekt und die notwenige Rücksichtnahme, die unter diesen Bedingungen möglich ist.

Nur am Rande kriegen wir mit, dass heute Abend auf dem alten Kontinent die Schweizer Fussballer ihren zweiten EM-Match austragen – gegen wen jetzt wieder? Egal – Fussball ist im Moment buchstäblich kontinental weit weg!

 

Ob es zu einem Treffen mit Bertrand Piccard kommt?

Ob es zu einem Treffen mit Bertrand Piccard kommt?

Ganz nah ist hingegen ein Schweizer, der mit ganz anderen Mitteln in einer anderen umweltpolitischen Mission den Globus umkreist: Bertrand Piccard ist mit seine „Solar Impulse“ auf dem John F. Kennedy Airport gelandet. Mich würde es ja wundern, wenn er im Rahmen dieser Zwischenlandung nicht einen Abstecher zur UNO machen würde. Und es würde mich enorm freuen, wenn es unter diesen Umständen zu einer Begegnung mit diesem charismatischen Pionier käme.

Und so fassen wir für diesen Tag zwei wichtige Vorsätze. Erstens wollen wir Bertrand Piccard und seinem Co-Piloten André Borschberg für die letzte Etappe back to Europe Glück und Erfolg wünschen. Und zweitens müssen wir den Concierge um einen Wasserkocher bitten, damit wir die leeren Stunden zwischen Hawaii-Weckruf und UNO-Sitzung mit heissem Kaffee füllen können.

Morgen meldet sich Fabienne zu Wort.