<

Heute: Fabienne McLellan

Mittwochnachmittag, gegen vier Uhr: Sekundenlang herrscht Schweigen im Saal. Bis Sigrid die Hand auf den Knopf legt, der dem Chairman signalisiert, dass sie sich zu Wort melden möchte. Seine Exzellenz, Botschafter Nicholas Emiliou, bezeichnet Sigrid dieses Mal nicht als „Lady in the Back“, er spricht sie zur Abwechslung mit „OceanWorld“ an – und schaltet ihr Mikrophon auf live.

„Wer Plastik aus dem Meer abschöpfen will, muss darauf achten, dass keine marinen Lebewesen gefährdet werden.“ Sigrid wählt klare Worte, in ihrer Stimme liegt Bestimmtheit. „Wie“, fragt sie und wendet sich an die Vertreterin von Ocean Cleanup, „gedenken Sie, dieses Problem zu lösen?“

Mit ihrer Reaktion auf die Präsentation des Projekts Ocean Cleanup erntet Sigrid Zustimmung von verschiedenen Seiten.

Worum geht es? Das ebenso aufsehenerregende wie umstrittene Projekt eines jungen Holländers will das Plastikmüll-Problem handstreichartig lösen: Eine gigantische Barriere, eine Art Vorhang, 50 Kilometer lang und über 30 Meter tief, soll im Meer der Strömung ausgesetzt werden und wie ein riesiges Sieb Makroplastik aus dem Wasser filtern. Über die Tiere, die in diesem Gebilde hängen bleiben, hat die Dame, die das Projekt vorstellte, kein Wort verloren, obwohl die sogenannte Biomasse akut bedroht ist: Alle denkbaren marinen Lebensformen – dazu gehören vor allem die kleinsten Wesen, das Plankton, aber auch die grössten, die Bartenwale, die von den winzigen Krebsen leben, und natürlich Delphine, Fische, Schildkröten, Robben – könnten jämmerlich verenden.

Unsere Intervention löst eine angeregte Diskussion aus. Mehrere Delegierte, unter ihnen die Vertreterin von Deutschland, teilen unsere Bedenken und halten fest, dass die Abschöpfung des Plastikmülls auf keinen Fall auf Kosten der Biomasse erfolgen darf.

Voller Freude und – ja, auch mit einem Gefühl des Stolzes – verlasse ich am Abend das UNO-Hauptquartier. Ich habe sehr konkret erlebt, welche Bedeutung unsere Organisation hat. Die souveräne Art, mit der Sigrid den Meeresbewohnern eine Stimme gibt, hat mich tief beeindruckt. Sie sagt, dass eine vermeintlich einfache Lösung für ein hochkomplexes Problem selten die richtige ist; sie mahnt an, wo man genau hinschauen muss, am deutlichsten dann, wenn die meisten es nicht hören wollen.

Mir wird klar, wie gross die Fussstapfen sind, die Sigrid vorlegt.

Wir wählen einen Umweg über die Fifth Avenue, eine der Einkaufsstrassen, die man offenbar gesehen haben muss, wenn man New York besucht.

Die Strassen von New York

Die Strassen von New York

Ein mondäner Laden neben dem anderen, Wolkenkratzer und glitzernde Spiegelglasfassaden, der überbordende, hemmungslos zur Schau gestellte Luxus fährt mir ziemlich schräg ein; er wirkt fast schon hämisch, besonders dann, wenn zwischen den Mode- und Schmuckläden obdachlose Menschen am Boden kauern und sich kaum getrauen, um einen Dollar zu betteln. Eine trendige New Yorkerin verlässt eine Parfümerie und geht achtlos an einer zerlumpten Gestalt vorbei, die ihr scheu die offene Hand hinhält. Mit dem Geld, das die eine Person für ihr Parfüm ausgegeben hat, käme die andere eine Woche lang einigermassen über die Runden.

Wir sind erleichtert, dem Rummel der Fifth Avenue zu entfliehen und fühlen uns schon beinahe zu Hause, als wir in die Second Avenue einbiegen und uns im bereits vertrauten Ali Baba nochmals ein Babaganoush genehmigen. „Die Amerikaner“, resümiert Sigrid unter dem Eindruck der offenkundigen sozialen Kontraste, „schauen nicht gut zu den Bedürftigen.“ Und gerade jetzt, gebe ich zu bedenken, wird der Mann, der angetreten ist, um diese Kluft zu überbrücken, seine Kandidatur für das Weisse Haus aufgeben – und ich frage mich, was das Volk dazu bewegt, eher einen Donald Trump zum Präsidenten zu machen als einen Bernie Sanders.

Das wird nicht nur das Problem der Amerikaner sein, es wird auch uns betreffen. Genauso, wie die Vermüllung der Meere nicht nur jene betrifft, die an den Küsten leben – es geht uns alle an, weil wir alle verantwortlich sind. Auch in der Schweiz.

Camden Howitt, Vertreter einer neuseeländischen Umweltschutzorganisation, bringt es auf den Punkt: „Plastic does not pollute, people pollute“ – schuld an der Umwelt- und Meeresverschmutzung ist nicht das Plastik; die Menschen sind es, die den Planeten mit Plastik verschmutzen. So sind wir nicht nur ein Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung.

Morgen meldet sich Sigrid wieder zu Wort.