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Heute: Fabienne McLellan

New York City, Dienstag, 14. Juni 2016

Nie zuvor hat eine kleine Karte so viel freudige Erregung ausgelöst – und auch Stolz: Gestern Mittag hab ich den Badge bekommen, der mir den Zugang ins UNO-Hauptquartier öffnet, Nr. 808747, UNO-blau, gültig bis zum 31. Dezember 2016, mein Name steht drauf und mein Konterfei. Er hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: er ist aus Plastik – ausgerechnet …

Bevor die Debatte zum Thema Plastik eröffnet wurde, erhoben sich an die hundert Delegierte von ihren Plätzen und gedachten mit einer Schweigeminute der Opfer des Massakers von Orlando.

Sigrid und ich haben den Plenarsaal so frühzeitig betreten, dass wir den besten NGO-Platz bekamen. Mich hat beeindruckt, wie einhellig alle Delegierten und Experten die Dringlichkeit des Problems Plastikmüll in den Meeren erkannten. Besonders deutlich sind mir die Worte der Vertreterin aus Costa Rica in Erinnerung geblieben: Am Beispiel der Meeresschildkröten, die verenden, weil sie Plastikpartikel mit Nahrung verwechseln, verdeutlichte sie die tödliche Dimension des Problems. Aus einer lösungsorientierten Perspektive meldete sich der belgische Experte Peter Van den Dries zu Wort: Die grossen Handelshäfen der Welt sollten den Frachtschiffen Anreize liefern, ihren Müll nicht auf dem offenen Meer zu verklappen, sondern an Land; entsprechend sollten die Hafenverwaltung untereinander einen Plastikentsorgungs-Wettbewerb austragen: Nicht der umsatzstärkste Hafen ist der beste, sondern jener, der am meisten Plastik umweltgerecht entsorgt. Und ich begreife in aller Deutlichkeit, dass der Meeresschutz nur dann effizient durchgesetzt werden kann, wenn alle zusammenstehen – die Politik, die Wissenschaft, die Justiz – und jedes einzelne Mitglied der globalen Bevölkerung.

Die Sitzung erfordert höchste Konzentration; dabei wird mir endlich klar, warum der Mensch mit zwei Hirnhälften gesegnet ist: Eine ist nach aussen gerichtet und verfolgt die Debatte, die andere konzentriert sich auf den Laptop und auf das Statement, das wir im angesagten Moment zu einer konkreten Frage abgeben sollten. Sigrid ist mir eine wunderbare Lehrmeisterin; sie weiss stets sehr genau, wann es angebracht ist, diesen Delegierten oder jene Expertin anzusprechen – und wann man sich besser zurückhält: „Lobbyarbeit ist geprägt von Respekt und Empathie“, sagt sie. „Und da kommt es in erster Linie auf den richtigen Zeitpunkt an.“ Das sind Worte, die ich mir einpräge und gerne zu Herzen nehme. Morgen will Sigrid sich zum ersten Mal zu Wort melden.

Babaganoush Genuss

Babaganoush Genuss!

Am Abend hat Sigrid eine kleine Überraschung auf Lager: „Wir gehen ins Ali Baba!“ Dazu fällt mir zunächst nur die Höhle mit den sieben Räubern ein. Da sagt sie nur: „Babaganoush!“

Und ich erinnere mich: Oft genug hat Sigrid in der kleinen Küche unseres OceanCare-Büros von diesem türkischen Restaurant erzählt, in dem das beste Babaganoush – die Auberginen-Mousse ist mein erklärtes Lieblingsgericht! – von New York aufgetischt wird.

Sie hat nicht zu viel versprochen: Das Babaganoush im Ali Baba schmeckt so hervorragend, dass ich mir ernsthafte Sorgen mache – nicht um die Bluse, sondern um meinen schönen blauen UNO-Badge: Ich streife ihn mir vom Hals, um ihn vor allfälligen Kleckereien zu bewahren.

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit ist für uns die Zeit reif fürs Bett. Sigrid hat mir ihr Rezept gegen Jetlag empfohlen: Richte dich nicht nach der neuen Lokal-Zeit, sondern lebe so, als wärst du zuhause geblieben. Das hat noch einen anderen Vorteil: Morgens um vier, wenn wir aus den Federn kriechen und die Strasse unter dem Hotelfenster noch in nächtliches Dunkel gehüllt ist, nutzen wir die Zeit, um uns auf die nächste Sitzung in der UNO vorzubereiten – und an diesem Blog zu schreiben.

Fabienne mit UN Bagde

Fabienne mit UN Bagde

Da fällt mir ein: Der Badge! Ich habe ihn, nachdem ich mir am Vorabend die Zähne putzte, schön säuberlich in sein Band gewickelt und in die Handtasche gelegt. Damit ich ihn auch wirklich nicht vergesse. Ich häng ihn mir nochmals um den Hals, schaue ihn andächtig an und hoffe, dass eines Tages auch dieses Ding das Plastikzeitalter überwunden haben wird.

Und morgen meldet sich Sigrid wieder zu Wort.