Vera Bürgi am Dolphinity World Festival

Mittwoch, 22. Juni 2016

Am späten Nachmittag sitze ich am Hafen eines kleinen Fischerdorfes mit einem grossen Namen: Los Gigantes. Das bezieht sich weniger auf die Bewohner dieses Ortes als vielmehr auf diese kolossalen Felsformationen, die dort, wo das Land das Meer berührt, hoch in den Himmel ragen. Ich richte meinen Blick in die Ferne – dorthin, wo das Meer den Himmel berührt. Und ich denke an das Buch, das mir auf dem Flughafen Zürich an einem Kiosk aufgefallen ist: „Die richtige Flughöhe“, von Bertrand Piccard.

Irgendwo dort draussen muss er sein …

Letzte Woche, als meine Kolleginnen Sigrid Lüber und Fabienne McLellan von ihren Erfahrungen an der UNO in New York berichteten, haben sie an dieser Stelle den Schweizer Umwelt-Pionier erwähnt, der mit seinem Sonnenenergie-Flugzeug eine Zwischenlandung eingelegt hat – ebenfalls in New York. Und an diesem Montag, als ich auf den Start des Air Berlin-Jets zur spanischen Insel Teneriffa wartete, ist auch Piccard zur längsten Etappe seiner Weltumrundung aufgebrochen: 90 Stunden über diesen Atlantik – ebenfalls Richtung Spanien.

Ich hatte gar keine Wahl: Ich musste dieses Buch kaufen – und machte Piccard zu meinem Reisebegleiter.

IMG_4610Er hat seinem Experimental-Flugzeug den Namen „Solar Impulse 2“ gegeben, und der Welt will er einen Impuls geben – er will beweisen, dass es möglich ist, ohne einen Tropfen Benzin den Globus zu umrunden. Die Menschheit braucht solche Impulse, wenn sie eine Zukunft haben soll. Im Vorfeld des zweiten „World Dolphinity Festivals“, das heute offiziell mit dem Begrüssungs-Apéro begonnen hat, haben sich die ersten zehn Teilnehmer, die gestern schon eingetroffen sind, Gedanken über diese überlebensnotwendigen Impulse gemacht.

Wir haben uns an einen runden Tisch gesetzt – Wissenschaftler, Künstler, Umweltschützer, die aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern kommen – und erst einmal Fragen formuliert, ohne gleich Antworten finden zu wollen:

Finden wir Argumente, die dafür sprechen, dass der Mensch nicht nur die Natur braucht, sondern sie auch ihn?

Sind wir bereit, jetzt und in der unmittelbaren Zukunft, die notwendigen Schritte zum Überleben unserer Art einzuleiten?

Vera Bürgi am Dolphinity World Festival

OceanCare-Geschäftsleiterin Vera Bürgi am Dolphinity World Festival © Dolphin Embassy

Rasch wird deutlich, mit welch ungeheurer Disziplin die Teilnehmer bei der Sache sind, wie ernsthaft und konzentriert die Gespräche geführt werden. Individuelle Perspektiven finden einen gemeinsamen Nenner, die Energie jedes einzelnen verdichtet sich im Kollektiv zu einem starken Thinktank. Wir erkennen das dramatische Tempo, mit welchem wir uns auf den Abgrund zu bewegen, wir sehen das Chaos, das jede Lösung so unmöglich aussehen lässt – und ahnen, dass der Ausweg aus dem Chaos in eine neue Ordnung führt. Denn auch wenn wir keine klaren Antworten haben, wissen wir doch dieses: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Wir müssen radikal umdenken und umkehren, wenn wir vorwärts kommen wollen.

Bertrand Piccard beantwortet die Frage nach unserem Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart mit einem spannenden Vergleich: Die Krise, die man annimmt, wird zum Abenteuer. Das Abenteuer aber, das man ablehnt, wird zur Krise. Man muss, um zur Lösung zu finden, die Krise als Herausforderung annehmen.

Donnerstag, 23. Juni 2016

Heute morgen um sieben ist Bertrand Piccard sicher in Sevilla gelandet. Ich empfinde Freude und Erleichterung. Er hat wilde Turbulenzen überstanden, die Herausforderung angenommen und die Krise bewältigt. Sein Abenteuer geht weiter.

Und ich bin gespannt, was dieser Tag bringen wird. Unterdessen sind alle Teilnehmer angekommen; wir werden die begonnenen Gespräche in erweiterten Kreisen fortsetzen. Der Prozess ist im Gang.

Und bald einmal werden wir auch hinausfahren aufs Meer und – so hoffe ich doch sehr – jenen Wesen begegnen, unter deren Zeichen dieses Festival zelebriert wird. Die Krise der Delfine ist unsere Herausforderung – und unser grosses Abenteuer.

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