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Thomas Mani wollte wissen, wieviel Mikroplastik im Rhein schwimmt. Um das herauszufinden, hat er sich im Juli zu einer Forschungs-Expedition von Basel nach Rotterdam aufgemacht. Im Gastblog verrät er die ersten Erkenntnisse, einen persönlichen Tipp und wagt Hochrechnungen. Die Resultate sollen als Ausgangspunkt für weiterführende Studien oder sogar als Grundlage für politische Entscheide in der Abfallbewirtschaftung im Einzugsgebiet dienen.

(c) Thomas ManiEs ist 6:30 Uhr. Die frühe Julisonne leuchtet in die unendlichen Winkel des Duisburger Hafens – den grössten Binnenhafen Europas. In einem kleinen Seitenarm liegt unser Schiff des Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg. Spiegelglatt und kalt ist das Hafenwasser. Alles ist bereit zur Fahrt auf eine der verkehrsreichsten Wasserstrassen der Welt. Eine Stunde später und zehn Kilometer flussaufwärts hält der Kapitän mit seiner „Homberg“ mitten im Rhein an und hisst die Warnflaggen für die durchfahrenden Rheinfrachter.

Plastik Expedition Rhein Thomas Mani_3Hier am Rheinkilometer 779.3 (ab Konstanz) nehme ich die drei Schwebestoffproben für heute. Ein Matrose hebt mit dem Bordkran behutsam mein Messgerat – das Manta Trawl – in den Fluss. Nach 15 Minuten auf der Stoppuhr kommt das Netz wieder raus. Über dem Wasser baumelt nun ein triefendes langes und schmales Netz, gefüllt mit einer Handvoll Blätter, Algen, Krebsschalen – und Mikroplastik!? Wir werden es im Labor sehen. Selbstverständlich nehme ich als integrer Forscher restlos alles mit was sich in meinem Netz landet. Heute bin ich aber trotzdem froh, dass die arme tote Taube – rücklings auf dem Wasser treibend – in letzter Sekunde durch eine kleine Welle von der Netzöffnung weggetrieben wird.

Erste Ergebnisse

Vierzehn solcher Tage an vierzehn verschiedenen Orten am Rhein – das war meine Stichprobentour auf den rund 1‘000 km zwischen Basel und Rotterdam. Und nun liegen die Gläser dicht versiegelt und voller Schwebestoffe bei 5°C im Labor-Kühlschrank in Basel und warten eines nach dem anderen auf ihre Enthüllung. Drei von insgesamt 43 Proben habe ich mir nun angeschaut – je eine Probe aus Seltz (vor Karlsruhe), Mainz und Bad Honnef (vor Bonn). Und dabei ist Folgendes zum Vorschein gekommen (Achtung! Die Analyse ist noch nicht abgeschlossen – es handelt sich um einen ersten Einblick unter dem Binokular, ohne Gewähr):
Ich habe an allen drei Aufnahmeorten Mikroplastik gefunden. Die drei Probestellen weisen eine Mikroplastikdichte von ca. 60‘000 Partikel pro km2 auf (zum Vergleich: ca. 48‘000 Partikel pro km2 im Genfersee gemäss (Faure et al., 2012)). Für Mainz bedeutet das beispielsweise – unter der Annahme, dass der Fluss in der ganzen Breite (454m) gleich schnell fliesst und die gleiche Fracht trägt – rund 2.2 Millionen Mikroplastikpartikel auf der Wasseroberfläche in 24 Stunden. Es ist zu bedenken, dass meine Methode lediglich die Wasseroberfläche untersucht (bis 16cm in die Tiefe) und die ausgewiesenen Zahlen mit Vorsicht zu geniessende Hochrechnungen sind.

Ein „unsichtbarer Störenfried“

Ich weiss nun: Im Rhein gibt es Mikroplastik. Auch wenn ich das bereits vermutet hatte – nun habe ich es gesehen. Aber genau da liegt eine Besonderheit dieses Umweltphänomens: gut sichtbar ist es von Auge nämlich gar nicht. Stehe ich auf dem Schiff und beobachte wie das Manta Trawl mit offenem Schlund auf sein Plastikmahl wartet, so sehe ich kaum etwas auf der Wasseroberfläche – geschweige denn irgendwelche Plastikpartikel. Was sich nach nur 15 Minuten im Endsocken des Fangerätes anreichert ist jedoch allerhand – und damit meine ich alle Schwebestoffe, auch Algen und Blätter, etc. Ein Fluss ist schwer fassbar – und seine Mikroplastikpartikel erst recht. Es ist ein wahrhaftig „unsichtbarer Störenfried“, dieser Mikroplastik (Siehe Holm et al., 2013).

(c) Thomas ManiDie Genialität des Werkstoffs Plastik ist nicht von der Hand zu weisen – das zeigt der gigantische Siegeszug auf dem Weltmarkt der letzten 60 Jahre (Produktion: 1.5 Mio Tonnen pro Jahr 1950 auf 280 Mio. Tonnen pro Jahr 2010 (PlasticsEurope, 2011)). Noch deutlicher wird der Erfolg der synthetischen Polymere wenn wir uns im Alltag umschauen. Eine 360°-Drehung auf meinem Stuhl in meinem kleinen Büro ermöglicht mir bereits die Sicht auf rund 40 Plastikobjekte vom Bildschirm über den Taschenrechner, den Bostich, den Leuchtstift, die Steckleiste, die Papierablage bis hin zu meinem Handy und noch vielem mehr. Da man heute um die negativen Effekte von (Mikro-)Plastik in der Umwelt weiss (u.a. Von Moos, 2012), müssen wir wohl – wie so oft bei problematischen Ressourcen – Alternativen suchen.

Mein Tipp: Am Morgen Glasflasche und Stoffbeutel einpacken. Leitungswasser unterliegt oft strengeren Qualitätsanforderungen als Flaschenwasser und beim abendlichen Einkauf brauche ich dann auch keinen Plastiksack mehr. Ein kleiner Schritt. Weitere mögen folgen!

Während Thomas Mani die Proben aus dem Rhein weiter untersucht, hat die nächste Forschungsexpedition abgelegt. Sie will die Spuren der Wegwerfgesellschaft im Indischen Ozean finden und untersuchen:

Weshalb Plastik für Meerestiere so gefährlich ist – und was jeder einzelne dafür tun kann, dieses Problem zu lösen:

www.oceancare.org/plastik

Quellen:

Faure, F., Corbaz, M., Baecher, H., & Alencastro, L. de. (2012). Pollution due to plastics and microplastics in Lake Geneva and in the Mediterranean Sea. Arch. Sci. Retrieved from http://infoscience.epfl.ch/record/186320

Holm, P., Schulz, G., & Athanasopulu, K. (2013). Mikroplastik – ein unsichtbarer Störenfried. Biologie in Unserer Zeit, 43(1), 27–33. doi:10.1002/biuz.201310497

Moos, N. von. (2012). Uptake and effects of microplastics on cells and tissue of the blue mussel Mytilus edulis L. after an experimental exposure. Environmental Science & …. Retrieved from http://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/es302332w

PlasticsEurope. (2011). Plastics – the Facts 2011 An analysis of European plastics production, demand and recovery for 2010.