Ich blicke zurück auf die erste Woche im Mai, auf die jährliche Zusammenkunft der „European Cetacean Society“ ECS – und ich sehe eine Fülle von beglückenden Erfahrungen und eindrücklichen Erkenntnissen, die für unsere Aufgabe, den Schutz der Ozeane, von entscheidender Bedeutung sind.

Es waren intensive Lernprozesse – und ich habe wunderbare Menschen kennen lernen dürfen. Die Lehren, die ich aus dieser Erfahrung gezogen habe, waren stets eng verbunden mit den Lehrenden, die sie vermittelt haben. Das Beispiel der Biologin Asha de Vos aus Sri Lanka macht deutlich, was ich damit meine: Jahrelang hat Asha Blauwale erforscht, die im nördlichen Indischen Ozean ihren Lebensraum haben und vor Sri Lankas Küsten von dichtem Schiffsverkehr massiv drangsaliert werden. Die Resultate von Ashas Arbeit führen zwingend zur einzig möglichen Lösung: Nur eine Walschutz-Zone kann das Überleben der Blauwale gewährleisten. Allerdings dauerte es viele Jahre und erforderte noch mehr Geduld, bis ihre Forderung bei den zuständigen Ämtern Gehör fand und ernst genommen wurde. Die Walschutz-Zone ist noch immer nicht eingerichtet, aber aus der Forderung ist ein vielversprechendes Projekt geworden. Immerhin …

Asha, die sich als eine der wichtigsten ECS-Dozentinnen erwiesen hat, hat mich zu einer weiteren Erkenntnis geführt: Das Motto der Tagung „Conservation in the light of marine spatial use“ – frei übersetzt etwa: „Artenschutz im Licht der Raumplanung in den Meeren“ – verleiht der „Raumplanung“ einen neuen Sinn; denn das, was unsere Politiker unter diesem Begriff verstehen, ist genau genommen eine Flächenplanung, die Bau- und Landwirtschaftszonen reguliert. Die Meere aber, deren Artenvielfalt wir retten und bewahren wollen, sind tatsächlich Räume – Lebensräume, deren Schutz wissenschaftlicher Raumplanung bedarf und deren Erhaltung das Überleben des Menschen auf diesem Planeten sichert.

Neben Ashas Ausführungen und zahlreichen anderen wissenschaftlichen Beiträgen ist mir ein weiterer Name im Gedächtnis haften geblieben: Tilen Genov, ein wissenschaftliches Jung-Talent, hat in Slowenien die Meeresschutz-Organisation Morigenos gegründet, die eng mit OceanCare zusammenarbeitet. Vor allem aber hat Genov sich mit der nördlichen Adria auseinandergesetzt, einem der Lebensräume des Grossen Tümmlers. Genovs Untersuchungen beweisen, was bislang eine düstere Ahnung war: Neun von zehn Delphinen, die er untersucht hat, wiesen im Gewebe eine PCB-Belastung auf, die deutlich über dem Grenzwert für chemische Industriegifte liegt. Ganz nebenbei bestätigte Genovs Arbeit eine Erkenntnis, die auch andere Wissenschaftler betonten: Bei der Erforschung von Schadstoffen, die sich im Gewebe von Meeressäugern anreichern, spielen demographische Parameter wie Geschlecht oder Geburtenrate eine ähnlich zentrale Rolle wie die Notwendigkeit einer überregional und international harmonisierten Erfassung gestrandeter Tiere. Nur so sind die entsprechenden Protokolle vergleichbar und damit auch brauchbar.

Im Rahmen meiner Aufgaben als ECS-Vorstandmitglied war es mir keine Pflicht mehr, sondern eine besonders angenehme Ehre, Tilen Genovs Arbeit mit einem der drei Preise auszuzeichnen, die von den Schutzübereinkommen ACCOBAMS und CMS/ASCOBAMS gestiftet wurden – er ist mit 100 Euro und Buchgeschenken dotiert und vom Publikum mit begeistertem Applaus gewürdigt worden.

Mit ähnlich viel Applaus ist auch OceanCare eingedeckt worden: Im Rahmen der „Video-Night“, die längst zu einer schönen Tradition geworden ist, wurde unser Unterwasser-Film über den Rauhzahndelphin auserkoren und vorgeführt. Die spektakulären Unterwasser-Aufnahmen haben die Menschen unüberhörbar beeindruckt.

Grossen Anklang fand auch ein OceanCare-Poster, das aufzeigt, wie sich die Habitate der Pottwale vor der Côte d’Azur mit den dicht befahrenen Routen der Frachtschiffe überlappen. Die Pottwale im Mittelmeer haben dasselbe Problem wie die Blauwale im Indischen Ozean: Dröhnend braust der kommerzielle Schiffsverkehr durch ihr Schlafzimmer.

Das wissen wir dank der Forschung von Menschen wie Asha de Vos oder Tilen Genov.

Asha und Tilen sind zwei von 440 Wissenschaftlern, die für 3 Tage aus aller Welt nach Middelfart gereist sind, um Erfahrungen auszutauschen und neu gewonnene Erkenntnisse zu Strategien und Konzepten weiter zu entwickeln – zum Schutz der Ozeane und ihrer Bewohner.

Am letzten Abend habe ich mich vom Konferenztrubel abgesetzt und bin am Strand entlang spaziert – beglückt von den zahlreichen spannenden Eindrücken, ein bisschen traurig auch, weil der Abschied von vielen Menschen bevorstand, die ich lieb gewonnen hatte. Und auch einigermassen frustriert, weil mir der Magen knurrte. Für Menschen, die sich vegetarisch ernähren, ist Dänemark ein karges Pflaster – es gibt praktisch keine käufliche Verpflegung, die nicht mit allerlei fleischigen, wurstigen oder fischigen Ingredienzen sozusagen versaut ist.

Ich will umkehren, zurück in die Herberge, Koffer packen. Ein letzter Blick aufs Meer hinaus – da fahre ich wie elektrisiert zusammen: Kleine, dunkle Schatten steigen aus den Wellen, eine Schule von Schweinswalen.

Die munteren Kerle da draussen sind die einzige Walart in der Ost- und der Nordsee, sagt die Wissenschaftlerin in mir. Sie sind gekommen, um adieu zu sagen – und vielleicht auch: Danke. Sagt die Stimme des Herzens.

Beide haben Recht. Und der Hunger ist auch weg.

Dr. Silvia Frey

Dr. Silvia Frey

Dr. Silvia Frey ist Leiterin Wissenschaft und Bildung bei OceanCare. Dieses Jahr nimmt sie zum ersten Mal als Vorstandsmitglied an der Konferenz der European Cetacean Society (ECS) teil und berichtet über den Verlauf der Tagung.