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Kulturelles Lernen geschieht bei Tieren auf zwei verschiedene Arten; beim vertikalen Transfer lernen Jungtiere von ihren Eltern, während das Wissen beim horizontalen Transfer von Gefährten der gleichen Generation oder von älteren, nicht elterlichen Individuen vermittelt wird. Prominente Beispiele für kulturelles Lernen im Tierreich sind u.a. Schimpansen, Gorillas und diverse Zahnwale.

Von Gorillas und Schimpansen weiss man, dass sie sich neue Verhaltensweisen zur Futtersuche sowohl über den vertikalen wie über den horizontalen Transfer aneignen. Beim Indopazifischen Grossen Tümmler (Tursiops aduncus) wurde bis anhin gezeigt, wie Jungtiere von ihrer Mutter lernen (vertikaler Transfer). Nun haben Forscher entdeckt, dass auch der horizontale Transfer bei dieser Delphin-Art vorkommt. Im Einzelnen wurde das sogenannte «Shelling» in der australischen Shark Bay beschrieben. Bei dieser Technik werden Fische von den Delphinen in leere Häuser von Riesenschnecken gejagt. Anschliessend befördern sie das Schneckenhaus in ihrem Schnabel an die Wasseroberfläche, wo sie sich die noch versteckte Beute ins Maul schütteln. Wie das Forscherteam festgestellt hat, breitete sich das «Shelling» primär innerhalb einer Generation aus und nicht zwischen zwei Generationen. Dies ist somit der erste wissenschaftliche Nachweis, dass diese Delphine auch als erwachsene Tiere fähig sind, direkt von ihren Artgenossen zu lernen und nicht nur von ihren Müttern.

Solch innovatives Verhalten kann zum Beispiel durch rasche Umweltveränderungen gefördert werden. Das «Shelling» steht möglicherweise im Zusammenhang mit einer Hitzewelle Anfang 2011. Damals verendeten Seegras, wirbellose Tiere und Fische in der Shark Bay. Dieser Beuteschwund könnte die Delphine dazu veranlasst haben, neues Verhalten zur Nahrungssuche von ihren Artgenossen zu übernehmen.

Die Erkenntnisse erweitern auch unser Verständnis dafür, wie sich die Tiere an veränderte Umweltbedingungen anpassen können. Wenn sie in der Lage sind, von ihren Gefährten zu lernen, ermöglicht dies eine raschere Verbreitung neuer Verhaltensweisen. Somit ist das kulturelle Lernen bei Delphinen dem des Menschen noch viel ähnlicher als bislang vermutet.

Der Erhalt von kulturellem Lernen ist bei Wildtieren überlebenswichtig, denn das Wissen geht mit einem gefangenen oder getöteten Individuum für die ganze Gruppe verloren. Die Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten (CMS) ist hier die weltweit führende Konvention – und OceanCare ist seit 2016 offizielle Partnerorganisation der CMS. Diese Partnerschaft eröffnet die Möglichkeit, an Themen wie dem kulturellen Lernen aktiv zu arbeiten, denn Schutzmassnahmen, die sich daraus ableiten, könnten revolutionär sein.

Zur Studie inkl. Video

Schutzmassnahmen aufgrund Kultur bei Wildtieren