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Als durch das Internationale Walfangmonitoring 1986 der kommerzielle Walfang grossteils zum Erliegen kam, gab es die berechtigte Hoffnung, dass sich etliche Grosswalpopulationen wieder erholen würden. Nun aber ziehen für eine Grosswalart dunkle Wolken am Horizont auf: den Südlichen Glattwal oder Südkaper (Eubalaena australis). Mit bis zu 17 Metern Körperlänge ist er ein wahrer Gigant der Meere, war durch den Walfang extrem dezimiert worden, erholte sich danach aber gut und galt bisher als leuchtendes Beispiel für die Hoffnung, dass die Meere wieder gesunden können.

Da sich heute viel um die Klimakrise dreht, ist es wenig überraschend, dass auch die Erholung des Südlichen Glattwals in erster Linie durch den Klimawandel gefährdet wird. Freilich ist das weitverbreitete Bewusstsein, dass der Klimawandel eine Bedrohung für alles Leben auf der Erde darstellt, erst eine junge Erscheinung. Noch vor ein paar kurzen Jahrzehnten galt der Klimawandel weithin als Theorie, und wenn er als Tatsache akzeptiert wurde, dann als weit entfernte. In unseren Kreisen gab es aber schon damals einige, denen die Dringlichkeit von Gegenmassnahmen und die besondere Betroffenheit der stark wandernden Grosswale bewusst war.

Diese Erkenntnis basierte auf unserem Wissen um die Biologie der Wale und die besonders schnellen Auswirkungen des Klimawandels an den Polen. Viele der grossen Wale legen weite Wanderungen zurück, um sich von der „Frühlingsblüte“ des Planktons in der Arktis bzw. der Antarktis zu ernähren. Während ihres Aufenthalts in anderen Regionen nehmen sie oft sehr wenig Nahrung zu sich und so ist der Zugang zur grossen Produktivität der Polregionen überlebenswichtig. Wenn sie sich Reserven angefressen haben, wandern die Wale oft über hunderte Kilometer in wärmere, aber nährstoffärmere Gewässer, wo sie ihre Kälber zur Welt bringen. Sie sind also von Änderungen sowohl in den Nahrungsgründen als auch in den Fortpflanzungsgebieten und auf den Wanderstrecken dazwischen betroffen.

In einem Kapitel unseres Buchs über Wale und den Klimawandel, das ich mit meinem Freund Malcolm MacGarvin 1996 veröffentlichte, zeigten wir auf, dass es berechtigte Gründe gab, gravierende negative Folgen für die Walpopulationen zu erwarten, und schlossen: „Da sie an der Spitze der marinen Nahrungsnetze stehen und nicht selten an lange Wanderungen und die Verfügbarkeit bestimmter Ressourcen in bestimmten Gebieten gebunden sind, sind sie voraussichtlich in besonderem Maße betroffen.“

Als allerdings in demselben Jahr die Internationale Walfangkommission (IWC) ihre beachtliche wissenschaftliche Expertenschaft zu einem Workshop über das Thema zusammenzog, rannte sie ungebremst in eine Betonmauer. Der Workshop kam zu folgendem Schluss: „Angesichts der Ungewissheiten in der Modellierung des Klimawandel in geeignetem Maßstab und damit auch in der Modellierung der Auswirkungen auf biologische Prozesse … ist es derzeit nicht möglich, Vorhersagemodelle über die Folgen des Klimawandels für Walpopulationen zu erstellen.“ Das war ein enttäuschendes Ergebnis, spiegelte aber in gewisser Weise die damalige Einstellung wider: „Abwarten und Tee trinken“.

Das Leben ging weiter und so auch die Wissenschaft. In einem Bericht aus dem Jahr 2009 stellten Wendy Elliot vom WWF und ich fest, dass „zahlreiche neue Studien die potentiellen Auswirkungen des Klimawandels auf Waltierarten aufgezeigt haben – zum Beispiel bestehen starke Zusammenhänge zwischen Meereis und dem Vorkommen von Krill, der Hauptnahrung von Bartenwalen in der Antarktis“. Wir wiesen dabei auf die enorme Bedeutung des Meereis-Nahrungsraumes für Bartenwalarten und die Gefahren durch den Klimawandel hin.

In den folgenden Jahren veranstaltete die IWC einige weitere Workshops über die Auswirkungen des Klimawandels auf Wale und Delphine. Auch 2021 wird noch ein solcher Workshop stattfinden. Dieser findet nun in einer Zeit statt, in der wir über stark verbesserte wissenschaftliche Vorhersagemodelle verfügen und wesentlich mehr darüber wissen, wie der Klimawandel die Meere und die Wale betrifft. Mit Blick darauf wenden wir uns nun der aktuellen Forschung über den Südlichen Glattwal zu.

Es gibt drei Glattwal-Arten: eine vom Aussterben bedrohte im Nordatlantik, eine stark gefährdete im Nordpazifik sowie den Südkaper, der zwischen dem 20. und dem 60. südlichen Breitengrad lebt. Sie wurden sehr stark bejagt, so dass ihre Populationen kollabierten. Nach der Unterschutzstellung (die in der 1970ern begann) stiegen die Populationsgrössen des Südlichen Glattwals wieder. Das „Right Whale Program“ von Ocean Alliance und dem Instituto de Conservación de Ballenas beobachtet seit 1971 die Glattwale individuell per Photo-ID vor der argentinischen Halbinsel Valdés, der wichtigsten Geburtenstation der südwestatlantischen Population. Daraus entwickelte sich eine beachtliche Datenreihe, die mittlerweile 4007 Individuen umfasst und der Wissenschaft jetzt als Basis für die Beurteilung der Klimawandelfolgen dient.

So führen etwa die als El-Niño-Ereignisse bekannten Klimaanomalien zu höheren Temperaturen des Oberflächenwasser in den Nahrungsgründen der Südkaper um Südgeorgien und damit zu einer Abnahme des Meereises, was wiederum das Vorkommen von Krill vermindert. Dieser ist aber die Hauptnahrung der Wale. Bereits eine regionale Erhöhung der Wassertemperatur um nur ein Grad in diesem Jahrhundert wird den Modellen zufolge die Menge an Krill um 95% einbrechen lassen.

El-Niño-Ereignisse werden durch den Klimawandel häufiger erwartet und bringen eine verminderte Fortpflanzung und erhöhte Sterblichkeit der Wale mit sich. Die Forscher folgern, dass diese Ereignisse „wahrscheinlich die Erholung der Südkaper-Population hemmen werden und sogar zu einem Rückgang der Population führen könnten“.

Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, was diese hochrangige Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in ihrem bahnbrechenden Paper über die „Ökosystemdienstleistungen“ von Walen ausführen: „Wale spielen eine zentrale Rolle in den marinen Ökosystemen, indem sie vertikal und horizontal für eine Durchmischung sorgen, Nährstoffe verteilen und in den Kreislauf bringen, die Biodiversität fördern und dem Klimawandel entgegenwirken, indem sie Kohlenstoff für lange Zeiträume speichern. … In ihren Nahrungsgebieten fördern die Wale die Primärproduktion, indem sie das Meereswasser mit ihren Exkrementen düngen, die reich an Eisen, Stickstoff, Phosphor und anderen Nährstoffen sind. In ihrer grossen Biomasse und ihrem langen Leben speichern sie Kohlenstoff und nach ihrem Tod fördern ihre Kadaver die Artenvielfalt und die Kohlenstoffspeicherung auf dem Meeresboden.“

Für die meisten anderen Waltierarten – eigentlich überhaupt für die allermeisten Tierarten – liegen uns keine vergleichbar langen Datenreihen vor, aber es ist anzunehmen, dass auch die anderen von Krill abhängigen Arten unter der Verminderung ihrer Nahrungsbasis leiden werden.

Zusammengefasst: Diese neuen Forschungsergebnisse sind ein starker Beleg nicht nur für die negativen Auswirkungen auf die Möglichkeiten einer Walpopulation, sich zu erholen, sondern zeigen auch die wichtige Rolle von Walen, wenn es darum geht, gesunde Ökosysteme zu erhalten und Kohlenstoff zu speichern. Ohne es zu wissen, sind die Wale unsere Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel!

Die hier besprochene Studie „Ocean warming threatens southern right whale population recovery“ ist online abrufbar unter https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abh2823

 

Mark Simmonds

Mark Simmonds

Director of Sience