Kanada: Schwindende Planktonbestände bestärken die Forderung nach Lärmreduktion im Meer

Plankton – kleine Tiere, Algen und Mikroorganismen, die im Ozean treiben – sind die Basis des marinen Nahrungsnetzes und ermöglichen erst das Leben im Meer. Die Nachricht, dass der vom Menschen verursachte Lärm einen dramatischen Rückgang des Planktons bewirkt, ist beunruhigend. Und genau das scheint durch intensiven Lärm zu passieren, der bei seismischen Suchen nach Öl- und Gaslagerstätten verursacht wird.

Die Daten des kanadischen Department of Fisheries and Oceans (DFO) zeigen einen stetigen Rückgang des Phyto- und Zooplanktonbestands in den Gewässern vor Neufundland und Labrador während der letzten fünf Jahre.

„Wir stehen vor Werten, die nur noch halb so gross sind wie noch vor fünf Jahren. Das ist ein substanzieller Rückgang. Und dieser Rückgang betrifft nicht nur die Gesamtbiomasse; auch die Zusammensetzung des Planktons hat sich verändert“, so Pierre Pepin, ein leitender DFO-Wissenschaftler. Die Daten des DFO zeigen zudem einen Wandel hin zu kleineren Planktonarten.

Ryan Cleary, Präsident der Federation of Independent Sea Harvesters of Newfoundland and Labrador (FISH-NL), erklärt iPolitics im Interview: „Wenn ein Seismik-Schiff vorbeigezogen ist und wir unsere Netze auswerfen, bleiben sie leer.“ Ein anderer Fischer verglich die Seismik-Schiffe mit Schneepflügen, die alles auf ihrem Weg wegräumen.

Seismische Druckluftkanonen werden von Schiffen gezogen und erzeugen (neben Explosionen) die stärksten menschengemachten Schallwellen in den Ozeanen. Luft wird mit hohem Druck in Richtung Meeresboden geschickt, um aus dem Echo auf mögliche Öl- und Gasvorkommen zu schliessen. Der explosive Schall wird in kurzen Intervallen (etwa alle 10 Sekunden) erzeugt, und dies zum Teil 24 Stunden am Tag, oft über mehrere Monate hinweg.

Nicht nur in den Gewässern rund um Neufundland und Labrador haben die seismischen Untersuchungen in den letzten Jahren stark zugenommen. Dasselbe gilt auch für andere Meeresregionen, vom Mittelmeer bis Australien. Eine Studie, die in Australien durchgeführt und 2017 im Journal Nature veröffentlicht wurde, zeigte, dass seismische Untersuchungen Planktonpopulationen zerstören können.

Forscher der University of Tasmania und der Curtin University stellten fest, dass Schallkanonen, wie sie bei der Suche nach Öl- und Gasvorkommen verwendet werden, im untersuchten Umkreis von 1,2 km die Mortalität von Zooplankton um das zwei- bis dreifache erhöhen.

Lindy Weilgart, die sich an der kanadischen Dalhousie University seit 25 Jahren mit Unterwasserlärm beschäftigt, verfasste 2018 einen ausführlichen Bericht für OceanCare, die Meeresschutzorganisationen, die sich in internationalen Gremien federführend für eine Verminderung des Unterwasserlärms einsetzt. Die Studie fasst 115 Primärstudien zusammen, in denen die Auswirkungen menschengemachten Unterwasserlärms auf 66 Fischarten, 40 Meeressäugerarten und 36 Arten von Wirbellosen untersucht worden waren. Dabei zeigte sich, dass Lärm zu hohen Mortalitätsraten bei Zooplankton führt.

Im Interview mit iPolitics sagte Weilgart, dass sie lange dachte, Plankton würde nicht zu den Organismengruppen zählen, die unter dem Lärm leiden. „Ich hätte Plankton nicht in eine der Kategorien gestellt, denen meine Sorge ursprünglich galt. Aber jetzt ist es so weit. Plankton ist die Basis allen Lebens im Meer. Daher sind diese Befunde besonders beunruhigend.“

Der Bericht enthält eine Reihe von Empfehlungen, diese reichen von technischen Alternativen für seismische Untersuchungen (z.B. Marine Vibroseis) bis zum Schutz akustischer Refugien. Allerdings fehlt nach wie vor der politische Wille, diese verfügbaren Abhilfemassnahmen umzusetzen.

Lärm ist ein weiterer Stressfaktor, die der Mensch den Meeren aufbürdet. Befunde, dass intensiver Lärm die Basis der marinen Nahrungsnetze stören könnte, sollten uns aufrütteln.