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Walschutz in der Krise, Internationale Walfangkommission am Scheideweg – Das NGO-Visionspapier zum 75. Jubiläum der IWC

Wädenswil/Washington D.C., 30. November 2021. Am 2. Dezember wird das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs 75 Jahre alt. Die Bilanz zum Jubiläum ernüchtert: Allein im 20. Jahrhundert wurden im kommerziellen Walfang beinahe drei Millionen Grosswale getötet. Seit 1986 ist der kommerzielle Walfang zwar verboten, doch die zusätzlichen Gefahren sind mannigfaltig und der Druck auf den Lebensraum nimmt stetig zu. Heute gelten 60 der 90 Arten von Walen und Delphinen als gefährdet, stark gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht.

Das zuständige Gremium, die Internationale Walfangkommission (IWC) steht an einem Scheideweg. Grossen Errungenschaften wie dem Internationalen Walfangverbot stehen strukturelle Defizite, klaffende Budgets, offene Kompetenzfragen sowie mangelnde Einhaltung und Umsetzung der Beschlüsse gegenüber. „Die Internationale Walfangkommission ist nicht fit für die Zukunft“ schlägt die Meeresschutzorganisation OceanCare Alarm. „Während das Walfanglager klare Vorstellungen für die Zukunft der IWC hat, vermisst man eine europäische Vision für die Zukunft des internationalen Walschutzes und ambitionierte diplomatische Initiativen,“ so Fabienne McLellan, Leiterin des Programms zur Einstellung der Waljagd bei OceanCare.

Gemeinsam mit rund 50 internationalen Verbänden legt OceanCare, Sonderberaterin der Vereinten Nationen und seit knapp drei Jahrzehnten innerhalb der IWC aktiv, deshalb zum 75. Jubiläum ein Visionspapier vor. Das Reformpaket „A 50 YEAR VISION FOR THE IWC“ ist ein Fanal zur kraftvollen Positionierung der IWC in den kommenden 50 Jahren.

Bilanz zum 75. Jubiläum der Walfangkommission: Walschutz in der Krise

Der kommerzielle Walfang im 20. Jahrhundert war die grösste Massentötung einer Tierordnung in der Geschichte der Menschheit – gemessen an der ‚Biomasse‘. Die massive Dezimierung dieser Tiere, die an der Spitze der Nahrungsnetze stehen, hat die Struktur und Funktionsweise ganzer Meeresökosysteme durcheinandergebracht. Auch als schon klar war, wie sehr die Walpopulationen dezimiert worden waren, ging der Walfang noch jahrzehntelang weiter, bis die internationale Gemeinschaft – mit grosser Mehrheit – und aufgrund der wachsenden Walschutzbewegung bei der IWC-Konferenz 1982 eine wegweisende Entscheidung traf: ein weltweites Verbot des kommerziellen Walfangs, das 1986 in Kraft trat. Dieses sogenannte Moratorium rettete hunderttausenden von Walen das Leben und ist bis heute eine der grössten Errungenschaften des Tier- und Artenschutzes.

Die Folgen dieses Feldzugs im 20. Jahrhundert sind für die sich langsam fortpflanzenden Meeressäuger noch immer nicht überwunden. Hinzu kommen chemische Verschmutzung, Unterwasserlärm, Plastikvermüllung, Schiffskollisionen, Beifang in der Fischerei sowie klimatische Veränderungen, die den Meeressäugern massiv zusetzen. Die Gefahren sind mannigfaltig und machen die Schutzmaßnahmen komplexer.

Ingenieure funktionierender mariner Ökosysteme: Wale und Delphine tragen zur Klimaresilienz unseres Planeten bei

Wir beginnen gerade erst zu verstehen, welche enorm wichtigen Ökosystem-Dienstleistungen Wale einst erbrachten und wieder erbringen könnten, wenn wir sie schützen und die vollständige Erholung ihrer Populationen zulassen. „Es ist eine bittere Ironie, dass die grösste Gefahr für die Erholung der Waltierbestände heute der Klimawandel ist – genau jene Bedrohung, zu deren Eindämmung sie beitragen könnten,“ so McLellan.

„A 50 YEAR VISION FOR THE IWC“ – Auftrag der Zivilgesellschaft für eine entschlossene Reform

Entschlossenes Handeln für Wale und die Zukunft der Meere ist überfällig. „Als Erstes muss die direkte Bejagung auf Gross- und Kleinwale sofort beendet werden – sie ist anachronistisch und hierzu braucht es nur den politischen Willen,“ sagt Nicolas Entrup, Co-Leiter Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare.

Darüber hinaus gibt das Reformpaket, das von rund 50 internationalen Tier- und Artenschutzverbänden unterstützt wird, klare Empfehlungen, das Moratorium aufrechtzuerhalten, eine klare Grenze zwischen indigenem Subsistenzwalfang und kommerziellem Walfang zu ziehen, sowie Schutzmassnahmen zu stärken und deren Finanzierung sicherzustellen.

Um diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern, bedarf es einer signifikanten Reform des zuständigen IWC-Gremiums, einschliesslich des Bekenntnisses für ein stabiles und ambitioniertes Budget. Aktuell steht dieses jedoch auf wackeligen Beinen. Das Budget ist nicht gesichert, es herrscht Uneinigkeit bei der strukturellen Reform sowie darüber, ob die IWC auch befugt ist, die Jagd auf Kleinwale (inkl. Delphine) zu regulieren, die Jahr für Jahr zu zigtausenden getötet werden. Doch wie die meisten Naturschutzabkommen, krankt auch die IWC insbesondere an der mangelnden Durchsetzung ihrer Beschlüsse. Zusätzlich wird das Gremium durch Japan und seine Unterstützer-Staaten torpediert, mit dem Ziel, jegliche erfolgreiche Reformen zu unterbinden. Dem gegenüber stehen jene Staaten, die stets gegen die Legalisierung des Walfangs aufgetreten sind, mit leeren Händen da. Bislang fehlt eine Vision der Walschutzländer für die Zukunft der IWC und eine entsprechende diplomatische Initiative. “Die EU-IWC-Mitgliedländer sind jetzt aufgerufen, den Kurs im 21. Jahrhundert neu zu bestimmen, die IWC neu auszurichten und für die Herausforderungen fit zu machen”, fordert Entrup.

Einen klaren Auftrag erhält die Kommission zu ihrem 75. Jubiläum von rund 50 NGO’s inklusive OceanCare, die seit 1992 als Beobachterin an den Konferenzen der IWC teilnimmt.

Das NGO-Papier „A 50 YEAR VISION FOR THE IWC“ ist ein Visionsdokument mit Reformen, die einem IWC der Zukunft Zugkraft und Profil versprechen. Es wurde in der Jubiläums-Woche am 30. November zwischen 16:00 – 17:30 offiziell lanciert.

Medienkontakte

OceanCare nimmt seit knapp 30 Jahren an den Konferenzen der IWC teil. Gemeinsam verfügen die Fachexperten von OceanCare über knapp 75 Jahre Expertise zum Thema. Folgende Experten stehen für Interviews zur Verfügung:

  • Sigrid Lüber, Gründerin und Präsidentin, nahm von 1992-2014 an der IWC teil.
  • Nicolas Entrup, Co-Leiter Internationale Zusammenarbeit, bringt über 20 Jahre IWC-Erfahrung mit.
  • Mark P. Simmonds, Leiter Wissenschaft, ist seit einem Vierteljahrhundert im IWC-Wissenschaftsausschuss vertreten (auf Englisch).
  • Fabienne McLellan, Projektleiterin Wal- und Delphinschutz nimmt seit 2016 an der IWC teil.

 

Weiterführende Informationen:

  • Webseite zu NGO-Visionsdokument und Feierlichkeiten anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums: https://iwc50yearvision.org/
  • Q&A Dokument zur IWC und Walfang (auf Anfrage)

 

Medienmitteilung